Gewalt gegen Frauen | Bildquelle: dpa

Gewalt gegen Frauen Die Scham und das Schweigen

Stand: 08.03.2017 06:00 Uhr

Häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch sind in Deutschland Tabuthemen. Dabei findet beides längst nicht nur am Rand der Gesellschaft statt. Die Probleme sind bekannt, trotzdem bessert sich wenig. Mehr Aufmerksamkeit könnte jedoch helfen.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Joachim Gauck lässt sich Zeit. Eigentlich ist die vereinbarte Gesprächszeit längst abgelaufen, doch der Bundespräsident macht keine Anstalten, den improvisierten Besprechungsraum des Frauenprojektvereins Bora zu verlassen. Mehr als eine Dreiviertelstunde sitzt er nun schon an dem Tisch in der Geschäftsstelle in Berlin-Weißensee, umgeben von Kinderbüchern, Spielzeug und Topfpflanzen.

In seiner fünfjährigen Amtszeit als Bundespräsident durfte Gauck zahlreiche Termine absolvieren. Dieser hier gehört nicht zu den leichten. Gauck ist hier, um sich über die Situation in Deutschlands Frauenhäusern zu informieren. Am Vormittag hatte er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt bereits eine Schutzunterkunft im Nordosten der Stadt besucht. Jetzt sitzt er mit mehreren Expertinnen zusammen und lässt sich aus ihrem Arbeitsalltag berichten.

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Die Lage der Frauen

Grafik: Befragung, wer Männer für fähiger hält als Frauen

Kein einheitlicher Rechtsrahmen, kein Anspruch auf Schutz

An Problemen mangelt es nicht. Rund 350 Frauenhäuser und etwa 40 Schutzwohnungen gibt es in ganz Deutschland. Etwa 16000 Frauen finden dort Schätzungen zufolge Sicherheit vor ihren gewalttätigen Partnern - längst nicht genug, um den Bedarf zu decken. "Vor allem in ländlichen Gegenden gibt es nicht genügend Frauenhäuser und Fachberatungsstellen", sagt Maria Loheide von der Diakonie Deutschland. Und auch in Städten platzen die Häuser aus allen Nähten. Immer wieder müssen deshalb auch Frauen abgewiesen werden. Loheide wünscht sich einen "einheitlichen Rechtsrahmen mit einem Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfeleistungen für von Gewalt betroffene Frauen".

Denn Gewalt gegen Frauen ist in Deutschland immer noch ein weit verbreitetes Problem. Das hat auch die Bundesregierung erkannt. Pünktlich zum Weltfrauentag will das Bundeskabinett den Beitritt zur Istanbul-Konvention beschließen - einem völkerrechtlichen Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Das Abkommen wurde bereits 2011 geschlossen. Die Bundesrepublik gehörte zu den ursprünglichen Unterzeichnern. Trotzdem geschah lange nichts. Die damals amtierende schwarz-gelbe Bundesregierung sah keinen Handlungsbedarf. Auch Schwarz-Rot entdeckte das Thema erst im vergangenen Jahr.

Kampf für Frauenrechte
tagesschau 20:00 Uhr, 08.03.2017, Ulla Fiebig, ARD Berlin

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Erschreckende Zahlen

Doch wie groß ist das Problem heute in Deutschland? Im vergangenen Herbst veröffentlichte das Bundeskriminalamt erschreckende Zahlen über Gewalt in Partnerschaften. So wurden allein im Jahr 2015 über 104.000 Frauen durch ihren aktuellen oder ehemaligen Partner misshandelt - durch Drohungen, einfache oder gefährliche Körperverletzung, Stalking oder sogar Mord.

Doch diese Zahlen zeigen nicht das ganze Bild. Schließlich zeigt längst nicht jede Frau gewalttätige Übergriffe an. Im Bundesfamilienministerium geht man davon aus, dass etwa zwei Drittel der Opfer nach ihrer schwerwiegendsten Gewalterfahrung nicht zur Polizei gehen und auch keine Hilfseinrichtungen aufsuchen, teilt ein Sprecher mit.

Enorme Dunkelziffer

Besserung ist nicht in Sicht. "Bei häuslicher Gewalt ist das Lagebild konstant. Wir können keine größeren Trends oder Veränderungen feststellen", so Birte Rohles, Referentin bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, zu tagesschau.de. Erschreckend sei vor allem, dass in Deutschland im Durchschnitt alle zwei bis drei Tage eine Frau von ihrem aktuellen oder ehemaligen Partner ermordet werde, die in der Öffentlichkeit jedoch kaum eine Rolle spiele. "In anderen Ländern können wir eine viel größere Aufmerksamkeit für das Thema feststellen, häufig unter dem Schlagwort "Feminicid", so Rohles weiter.

Auch bei sexualisierter Gewalt gehen Experten von einer enormen Dunkelziffer aus. Zwar werden jährlich in Deutschland 7000 bis 8000 Vergewaltigungen angezeigt, doch das dürfte lediglich die Spitze des Eisbergs sein. So ergaben etwa Dunkelfeldstudien in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2014, dass nur ein Bruchteil von sexuellen Übergriffen auch tatsächlich den Behörden gemeldet wird. Beispiel Niedersachsen: Hier kam die Studie zu dem Ergebnis, dass lediglich sieben Prozent der Sexualdelikte tatsächlich angezeigt wurden. Zum Vergleich: Bei Autodiebstählen beträgt die entsprechende Zahl 94 Prozent.

Bundespräsident Gauck bei der Organisation "Bora" | Bildquelle: dpa
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Besuchte als erster Bundespräsident ein Frauenhaus: Joachim Gauck.

Weit verbreitetes Phänomen

Terre des Femmes-Expertin Rohles stellt jedoch fest, dass zumindest das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen mittlerweile zunehmend auch in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Dazu hätten Vorfälle wie etwa die Silvesternacht 2015, Initiativen wie #ichhabenichtangezeigt und #ausnahmslos ebenso beigetragen, wie die "Nein-heißt-Nein"-Diskussion im vergangenen Jahr. "Es bleibt allerdings abzuwarten, inwieweit sich das neue Gesetz positiv auf das Anzeigeverhalten auswirken wird", so Rohles.

Es sind nicht nur diese Studien im Dunkelfeld, die nahe legen, dass Gewalt gegen Frauen kein Nischenthema ist. So kam etwa eine EU-Befragung vor drei Jahren zu dem Ergebnis, dass 35 Prozent der Frauen in Deutschland seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erfahren haben.

Letzter Ausweg Frauenhaus

Für die Frauen, die am meisten unter Misshandlungen zu leiden haben, bleibt am Ende oft nur der Weg ins Frauenhaus. Dort können sie in einem geschützten Umfeld einen Neuanfang für sich und gegebenenfalls ihre Kinder vorbereiten. Ihn habe vor allem fasziniert, wie sich die Frauen in der Einrichtung gegenseitig gestützt hätten, erklärt Bundespräsident Gauck nach seinem Besuch im Berliner Frauenhaus. "Es war beglückend, die Atmosphäre dort zu erleben."

Doch nicht immer gelingt der Neustart. Laut Zahlen des Frauenhauskoordinierungsvereins kehrten 2015 fast 20 Prozent der Bewohnerinnen von Schutzeinrichtungen in ihre gewaltgeprägte Lebenssituation zurück. Das ergab eine Umfrage in teilnehmenden Frauenhäusern. Etwas mehr als die Hälfte der Häuser in Deutschland nahm an der Studie teil.

Immer mehr Bewohnerinnen mit Migrationshintergrund

Die Umfrage kam auch zu einem weiteren Ergebnis: Die Zahl der Frauen mit Migrationshintergrund, die in den Frauenhäusern Schutz suchen, steigt kontinuierlich an. 2015 lag sie erstmals bei über 60 Prozent. Die Betreiber stellt diese Entwicklung vor neue Probleme. Der Anteil der Frauen, die sich auf Deutsch verständigen können, sinkt seit Jahren. Das heißt, es müssen Sprachbarrieren überwunden werden, um den Frauen aus ihrer bedrohlichen Lebenssituation herauszuhelfen. Längst nicht alle Bundesländer können ausreichend Dolmetscher zur Verfügung stellen. Gelegentlich kann jedoch das Frauenhilfstelefon unterstützen, an das sich Frauen anonym und kostenfrei rund um die Uhr wenden können. Es bietet unter 08000 116 016 Beratung und Vermittlung in 15 Sprachen an.

Hat dieser Anstieg etwas mit der Flüchtlingskrise zu tun? Eher nicht, glaubt der Bundespräsident. Am Rande seines Besuchs erklärt er die Entwicklung hingegen damit, dass Frauen mit Migrationshintergrund zunehmend selbstbewusster ihre Rechte einforderten. "Offenkundig ist es so, dass wir jetzt eine Reihe von Frauen haben, die das nicht einfach als Schicksal hinnehmen, sondern die sagen: 'Nein. Ich muss das nicht ertragen'", so Gauck. Es brauche nun einmal einige Zeit, bis sich Menschen von traditionellen Rollenmustern lösten.

In Berlin-Weißensee geht das Gespräch dann doch noch zu Ende. "Ich finde es total richtig, dass wir kurz vor Ende der Amtszeit nochmal kurz bei Ihnen eingekehrt sind", verabschiedet sich Gauck von der Expertinnengruppe. Sein Besuch war etwas Besonderes. Kein Bundespräsident vor ihm hat sich jemals zuvor in einem Frauenhaus blicken lassen - dabei existieren die Einrichtungen in Deutschland bereits seit Jahrzehnten. Warum hat es also so lange gedauert, bis sie auch durch das Staatsoberhaupt gewürdigt werden? "Das Thema ist eben schambesetzt", sagt Gauck.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. März 2017 um 12:00 Uhr.

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