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10.02.2010

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Inland
Gesundheitskarte mit blauem Kreuz
Mit E-Gesundheitskarte und PIN zum Arzt
Praxistauglich oder Notoperation?

Mit E-Gesundheitskarte und PIN zum Arzt

Die Vision vom vernetzten Gesundheitswesen lässt seit Jahren auf sich warten. Bereits 2006 sollten alle Versicherten in Deutschland die elektronische Gesundheitskarte erhalten. Das ehrgeizige Projekt kränkelt jedoch von Beginn an: zu unausgereift, zu unsicher und zu teuer. Nun soll es im Herbst losgehen – wenn auch in Trippelschritten und in abgespeckter Version. Vorreiter wird die Region Nordrhein sein. tagesschau.de bietet vorab einen Überblick über die Vor- und Nachteile der Plastikkarte.  

Von Judith Hinrichs, tagesschau.de

Modell einer Gesundheitskarte mit Ministerin Ulla Schmidt auf der CeBIT in Hannover. (Archivfoto 14.03.2005) (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt steht für die Gesundheitskarte. ]
Für diejenigen, die in Zukunft mit der elektronischen Gesundheitskarte arbeiten müssen, steht die Diagnose fest: Bauchschmerzen. Die haben vor allem Ärzte, Datenschützer und Krankenversicherer. Ihnen ist die Karte immer noch zu teuer, zu unsicher und zu unausgereift. Sie verlangen Nachbesserungen, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen. Denn wenn die Karte nach zehn Jahren Diskussion und knapp drei Jahren Tests auf politischen Druck hin nun endlich eingeführt wird, kann sie immer noch kaum mehr als die bisherige Krankenversichertenkarte. Neu sind zunächst nur ein Foto und ein Mikrochip, auf dem künftig mehr Daten gespeichert werden können als zurzeit.

Eine Frage des Geldes

Stichwort: Gematik:

Für die Einführung der Gesundheitskarte wurde 2005 eine eigene Firma gegründet - die Gematik GmbH. Getragen wird die Gesellschaft von den Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens. Das sind die gesetzlichen und privaten Krankenkassen, Ärzteverbänden, Apothekern und Krankenhausbetreibern.

Die Gematik entwickelt die technischen Standards und die Struktur für die elektronische Gesundheitskarte.
 

Geplant war die Einführung der Karte 2006. Warum ständig verschoben werden musste, ist fast so schwer zu erklären wie Bauchschmerzen. Jahrelang führten neben technischen Mängeln vor allem ungeklärte finanzielle Fragen und Kompetenzgerangel zwischen allen Beteiligten zu endlosen Debatten - wie etwa die Kostenverteilung zwischen Ärzten und Kassen. Mindestens 1,4 Milliarden Euro sollen die Investitionen offiziell betragen. Eine von der Betreiberfirma Gematik in Auftrag gegebene Kosten-Nutzen-Analyse der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton rechnet dagegen eher mit dem Dreifachen. Wirklich verlässliche Zahlen gibt es nirgends. Und weil keiner zuviel Zeche zahlen will, hat es niemand mit einer Einigung eilig.

Gesundheitskarte soll Milliarden einsparen

"Ohne Rechtsverordnung würden die heute noch debattieren", heißt es dazu aus dem Bundesgesundheitsministerium. Dort ist man froh, dass es endlich losgeht. Seit 2003 beschlossen wurde, das Gesundheitssystem zu modernisieren, versucht Gesundheitsministerin Ulla Schmidt das Prestigeprojekt voranzutreiben - es gilt als weltweit größtes IT-Projekt im Gesundheitswesen. Nun hat sie per Verordnung auf eine schnelle Einführung gedrängt. Schließlich soll die neue Chipkarte helfen, Bürokratie abzubauen und Betrug durch Ärzte oder Patienten aufzudecken, also Milliarden einzusparen - zum Wohle der Patienten.

Animation:

Animation

Wie funktioniert die elektronische Gesundheitskarte? [animation]

Verstaubte Patientenakten sind Vergangenheit

In einigen Jahren - so das ehrgeizige Ziel - sollen alle Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und -kassen miteinander vernetzt werden. Die gesamte Krankengeschichte eines Patienten soll in der elektronischen Patientenakte abrufbar sein. Verstreute Patientendaten, die in diversen Arztpraxen verstauben, wären damit passé. Aber das ist auch technisch gesehen noch Zukunftsmusik und deshalb können viele Mediziner die Eile der Regierung bei der Einführung nicht verstehen.

Ärzte finden Karte nicht alltagstauglich

Ärzte, die die neue elektronische Patientenkarte in sieben Testregionen derzeit erproben, halten sie für wenig praxistauglich. In Flensburg spricht man sogar von einem Flop. "75 Prozent der Versuche, den Notfalldatensatz auf der Karte mit der sechsstelligen PIN zu speichern, schlugen fehl", erklärt Marco Dethlefsen von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. Dennoch wolle man sich weiter an den Tests beteiligen, um mitbestimmen zu können. "Schwierig wird es aber, wenn das Gesundheitsministerium die Karte auf Teufel komm raus auf den Markt bringen muss", sagt Dethlefsen gegenüber tagesschau.de. Es müsse ergebnisoffen auf Praxistauglichkeit getestet werden.

Ärztekammer lehnt Einführung der Karte ab

Gesundheitsministerin Schmidt beim Ärztetag (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt trifft protestierende Mediziner beim Ärztetag 2007 ]
Das sieht auch die Bundesärztekammer so. Sie geht noch einen Schritt weiter und lehnt die Einführung der Karte derzeit ab und fordert Nachbesserungen. Ohne die geplanten Online-Anwendungen wie die Patientenakte würden sich die Investitionskosten für Ärzte erst nach etwa 10 Jahren lohnen, rechnet die Studie von Booz Allan Hamilton vor. Doch für den Einsatz der Karte als Schlüssel zum Online-Netzwerk fehlt immer noch die komplette Infrastruktur aus Datenbanken, über die sich der Datenverkehr bewegen soll. Lediglich das elektronische Rezept und die Speicherung so genannter Notfalldaten auf der Karte selbst scheinen in näherer Zukunft realisierbar.

Krankenkassen setzen auf online

Das stimmt selbst die eigentlichen Nutznießer der Gesundheitskarte pessimistisch – die Kassen. "Die Offline-Variante ist lediglich ein optischer Schritt der Politik, um die Gesundheitskarte sehr schnell einführen zu können. Sie verursacht nur Kosten und deswegen sind wir dagegen", sagt der Chef der Kaufmännischen Krankenkasse, Ingo Kailuweit tagesschau.de. Die Kassen setzen auf die elektronische Vernetzung. Ohne die, so auch Kailuweits Befürchtung, ließen sich die erhofften Einsparungen nicht erzielen.

Ärzte und Datenschützer warnen vor online

Gerade die Online-Vernetzung bereitet aber wiederum den Ärzten zusätzlich Kopfzerbrechen. Es drohe der gläserne Arzt und der gläserne Patient, heißt es. Unterstützung bekommen die Mediziner von Sicherheitsexperten und Patientenverbänden. Zwar ist die Karte verschlüsselt und aus datenschutzrechtlicher Sicht in Ordnung. Aber die PIN-Problematik habe gezeigt, dass die Technik der Karte eine Schwachstelle sei, sagt der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte, Thilo Weichert, der die Tests in Flensburg kritisch begleitet.

Eine Lösung für die Widersprüchlichkeit der Interessen gibt es noch nicht – die Bauchschmerzen bleiben. Und so gleicht die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte einer Notoperation – ein Rezept für Besserung ist noch nicht wirklich in Sicht.

Stand: 06.08.2008 08:54 Uhr
 

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