"Aktivitätstracker" in passenden Kunststoffarmbändern | Bildquelle: picture alliance / dpa

Wearables, Fitness-Apps und der Datenschutz Das vermessene Ich

Stand: 04.10.2015 09:36 Uhr

Schlaf, Körperfett, Blutdruck - sogenannte Wearables vermessen ständig den eigenen Körper. Immer mehr Menschen nutzen sie und immer mehr sensible Daten entstehen. Doch während die Technik voranschreitet, hinkt die EU beim Datenschutz hinterher.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Ob Fitnessarmband oder Smartwatch - der Markt an sogenannten Wearables wächst. Das sind kleine Chips, die an Körper oder Kleidung des Benutzers befestigt sind - etwa als Armband, Brille, Brosche oder sogar als Implantat. Genauso wie ein Hörgerät soll es den Nutzer nicht stören. Das Gerät zeichnet über Sensoren Daten auf und verarbeitet diese - zum Beispiel im Bereich Sport und Gesundheit.

Schlaf, Körperfett, Blutdruck - alles was messbar ist, wird gespeichert und oft auf Handy oder Computer übertragen. Das Beispiel des 17-jährigen Amerikaners Paul Houle zeigt, dass Wearables im Extremfall Leben retten können. Der junge Mann sah auf seiner Apple-Watch, dass sein Puls nach dem Sport zu hoch war, er hatte Schmerzen bei tiefen Atemzügen. Schließlich ging er ins Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte fest, dass er es beim Sport übertrieben hatte und seine Organe schon betroffen waren. Weil er rechtzeitig im Krankenhaus war, konnten schwerwiegende Schäden verhindert werden. Ohne seine Uhr, sagte Houle später, wäre er nicht ins Krankenhaus gegangen.

In der Telemedizin werden bestimmte Wearables schon für Menschen mit Risikokrankeiten genutzt, um Messwerte zu überwachen. Dabei ändere sich das Verhältnis von Patient und Arzt, sagt Franz Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses "Telematik" in der Bundesärztekammer. Während man früher einmal im Monat zum Arzt ging, um seinen Bluthochdruck zu überprüfen, erhebt der Patient nun selbst Messdaten.

Fitlinxx Gesundheits-Wearable | Bildquelle: REUTERS
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Dieser kleine Streifen misst die Herzfrequenz und schickt sie automatisch ans Smartphone.

Immer mehr Nutzer von Gesundheits-Apps

Aber man braucht gar nicht erst Wearables: Etwa vier von zehn Smartphone-Nutzern haben einer aktuellen Studie zufolge eine Gesundheits-App installiert. Tendenz: weiter steigend. Apple-Nutzer sind sogar oft unbewusst Körper-Tracker: Eine vorinstallierte App (die mit dem Herz-Symbol) zählt jeden Schritt des Nutzers. Die App zu löschen, ist derzeit nicht möglich.

Der Markt ist ein Wirtschaftsfaktor: Heute werden schon etwa neun Milliarden US-Dollar mit mobilen Gesundheitslösungen umgesetzt, 2018 sollen es bereits zwanzig Milliarden sein. Doch wem gehören die dabei erhobenen Daten? Dem Träger, dem Eigentümer, dem Hersteller?

Daten als Teil der Wirtschaft

"Daten sind der Rohstoff der Zukunft", sagte Kanzlerin Angela Merkel vor wenigen Wochen bei einem Digital-Kongress der CDU. Man dürfe sie nicht als Gefahr sehen, sondern als Teil der realen Welt wie Kohle und Stahl. Dabei warnte die Kanzlerin, Deutschland dürfe wegen zu hoher Datenschutzanforderungen nicht die Wirtschaft in Europa schwächen und den Anschluss an die digitale Entwicklung bei der Digitalisierung verlieren.

Ähnlich sieht das EU-Digitalkommissar Günther Oettinger. Er beklagte, dass Europa gegenüber den USA angesichts der dort geltenden laxeren Datenschutzbestimmungen ins Hintertreffen gerate. Grundsätzlich gelte zwar der Grundsatz, dass man zwar so viel Datenschutz wie möglich haben wolle, aber dabei müsse der internationale Rahmen beachtet werden.

Eine Frau joggt in einem Park | Bildquelle: dpa
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Laufen im Park - immer öfter mit Wearable oder mindestens mit Schrittzähler dank Fitness-App. "Mobile Gesundheitslösungen" nennt man das.

Flickenteppich im Datenschutz

Bislang fehlt allerdings der europäische Rahmen: Allein in Europa gibt es derzeit 28 verschiedene Datenschutzgesetze. In Irland ist der Datenschutz eher lasch, in Deutschland hingegen besonders stark. Das will die Europäische Union vereinheitlichen.

Ziel ist es, dass Unternehmen nicht mehr den Datenschutz umgehen können, wenn sie ihren Sitz nach Irland (wie Facebook) oder Luxemburg (wie Amazon) auslagern. "Für Verbraucher und Unternehmen soll damit eine klare Rechtslage geschaffen werden", sagt Europaparlamentarier Jan Philipp Albrecht von den Grünen, der die Datenschutzreform fürs Europäische Parlament ausgehandelt hat. Setzt sich das Parlament in den laufenden Verhandlungen mit Europäischer Kommission und Rat durch, würden Schlupflöcher geschlossen und Sanktionen möglich, wenn Konzerne europäisches Recht umgehen wollten.

Verschlechterung für Deutschland?

In der geplanten EU-Datenschutzgrundverordnung sieht so mancher Experte für Deutschland eine Verschlechterung. "Es besteht die Gefahr, dass wir unser Niveau absenken", sagte etwa der Vorsitzende der Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder, Michael Ronellenfitsch. "Der Schutz in Deutschland wird dann schlechter. In begrenztem Umfang versuchen wir, das zu akzeptieren."

Auch für Albrecht ist klar - die neue Regel kann nur ein Kompromiss sein, aber ein guter. Die Verordnung schaffe viel Transparenz und mache den Verbraucher wieder zum Herr über seine Daten. Lange Datenschutzerklärungen sollten mit verständlichen Symbolen ergänzt werden. Lädt sich ein Nutzer heute eine Fitness-App herunter, gibt er die Daten in der Regel an den Hersteller, ohne es zu wissen. Das soll sich ändern.

Daten gegen Prämien?

Die bisherigen EU-Regeln sind aus dem Jahr 1995. Aus einer Zeit, in der Patientendaten lediglich in Arztpraxen oder Forschungslaboren waren. Nun wird genau um diese sensitiven Daten gerungen. Noch befindet sich die Massenspeicherung vom "Gesundheits-Tracking" in den Kinderschuhen, doch das scheint sich zu ändern. Einer Studie des Marktforschungsunternehmens YouGov zufolge würden rund drei von zehn Nutzern grundsätzlich auch gesundheits- und fitnessbezogene Daten an ihre Krankenversicherung weitergeben. Voraussetzung: Sie erhalten dafür Prämien oder geringere Beiträge.

Erste Krankenkassen testen den Umgang mit Wearables. Die Techniker Krankenkasse hat ihr Bonussystem um Wearables erweitert. Auch die AOK Nordost bezuschusst Fitnessarmbänder oder Smartwatches, die Herzfrequenz oder Kalorienverbrauch dokumentieren. Bedingung: Die Teilnehmer müssen ein AOK-Gesundheitskonto haben. Doch Daten erhält die Krankenkasse nach eigenen Angaben nicht. Bei der Techniker heißt es: "Unsere Versicherten müssen uns die Daten der Smartwatch nicht zur Verfügung stellen."

Fitness-App | Bildquelle: dpa
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Schlaf, Körperfett, Bludruck - alles unter Kontrolle dank Fitness-App. Und auch die Krankenkasse freut sich über die Daten.

Tarife je nach Fitness?

Die Mehrheit der Befragten der YouGov-Studie hat Bedenken gegen Gesundheits-Tracking. Sie befürchten, dass eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes auch eine Beitragserhöhung nach sich ziehen könnte. "Allein, dass die Krankenkasse weiß, wer mitmacht, ist schon ein erster Datenpunkt", kritisiert Online-Unternehmer Stephan Noller. Er entwickelt Wearables und beschäftigt sich intensiv mit den damit verbundenen Chancen und Risiken. Gegenüber tagesschau.de warnt er vor einer Ausgrenzung der Menschen, die keine Wearables tragen und nicht durch gesunde Lebensführung und Laufen die Bonuspunkte ihrer Kassen sammeln können. "Die Gefahr drängt sich auf, dass es irgendwann Tarife je nach Fitness gibt", warnt er. Er fordert, solche Entsolidarisierungseffekte energisch zu bekämpfen.

Die Herausforderung für die Gesetzgeber: Die Technologien schreiten rasant voran - und überholen die Gesetze. Ihren Vorschlag zur Datenschutzreform legte die Europäische Kommission bereits vor drei Jahren vor. Bis Weihnachten will man sich in Brüssel einigen.

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