ein Modellflugzeug von Germanwings zwischen Kerzen | Bildquelle: dpa

Nach Germanwings-Absturz im März Angehörige beraten über US-Klage

Stand: 10.10.2015 10:00 Uhr

Viele Angehörige der Germanwings-Opfer sind unzufrieden mit dem Schmerzensgeld, das die Fluglinie ihnen angeboten hat. Sie erwägen deshalb eine Klage in den USA. Ihre Anwälte glauben, nun einen Weg dafür gefunden zu haben.

Von Justine Rosenkranz, Ralph Hötte und Nila Reinhardt (WDR)

Am 24. März ereignete sich die größte Katastrophe in Josef Cerceks Leben. Der Tag, an dem seine Tochter an Bord der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen ums Leben kam. Sonja war seine einzige Tochter, "sein Ein und Alles", wie er sagt. Kein Tag vergeht, an dem er nicht an sie denkt. Sonja wäre jetzt 36 Jahre alt geworden, sie hatte erst ein halbes Jahr vor ihrem Tod geheiratet. Sie war Spanischlehrerin am Josef-König-Gymnasium in Haltern. Mit ihrer Kollegin und ihren 16 Schülerinnen und Schülern war sie zum Schüleraustausch nach Barcelona geflogen, von dem sie nicht mehr zurückkehrten.

Der Tod von Sonja könnte auch bald die US-Justiz beschäftigen. Ein halbes Jahr nach dem Absturz mit 150 Toten in den südfranzösischen Alpen treffen sich nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung heute etwa 120 Hinterbliebene mit einer Gruppe von Anwälten aus Deutschland, Spanien, England und den USA, um sich über die Möglichkeiten einer gemeinsamen Klage in den USA zu informieren. Das Ziel einer solchen Klage wäre auch ein deutlich höheres Schmerzensgeld, als Lufthansa in Vertretung ihrer Tochter Germanwings den Hinterbliebenen bislang angeboten hat.        

Bei dem Treffen in Düsseldorf wird auch Josef Cercek anwesend sein. 10.000 Euro, sagt er, habe die Lufthansa ihm als Vater geboten, als Schmerzensgeld für den Verlust seiner Tochter. Der 72-Jährige empfindet das als "Unverschämtheit". Vor 28 Jahren starb seine Frau an Brustkrebs. Seit diesem Tag hatte er seine Tochter allein großgezogen. Sogar seinen Job hatte er aufgegeben, um für Sonja da zu sein. "Jetzt bin ich für dich da", habe Sonja zuletzt immer gesagt, auch finanziell. Nun hofft er auf die US-Gerichte und dass in dem Prozess Verantwortliche gefunden werden.

Angehöriger Vater eines German Wings Opfers.
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Empört über das Lufthansa-Angebot: Josef Cercek.

Opfer des German Wings Absturzes.
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Sonja Cercek unterrichtete Spanisch am Gymnasium in Haltern.

Wird die Klage in den USA überhaupt zugelassen?

Viele Rechtsexperten äußerten sich allerdings bislang sehr skeptisch darüber, ob solch eine Klage von einem US-Gericht überhaupt angenommen würde. Sie rieten Angehörigen davon ab, sich falsche Hoffnungen zu machen. Denn das Montrealer Übereinkommen, das die Entschädigung international regelt, schließt solch eine Klage eigentlich aus.

Nun glauben die deutschen Opferanwälte Elmar Giemulla und Christof Wellens mit ihren internationalen Kollegen einen Weg gefunden zu haben, jenseits des Montrealer Überkommens zu klagen. Wie genau dieser aussieht, wollen sie den Angehörigen heute unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorstellen. Die Angehörigen sollen aber erstmal zum  Stillschweigen verpflichtet werden, bis die Klage eingereicht wird. Gegenüber Medien hatte Opferanwalt Wellens allerdings vor einigen Wochen Andeutungen gemacht: Da der Copilot Andreas Lubitz, der die Maschine zum Absturz gebracht haben soll, in den USA ausgebildet worden sei, sei eine Klage möglich  "Die Ausbildungsakten zählen für uns als relevantes Beweismittel", hatte Wellens erklärt.

Bisherige Angebote der Lufthansa abgelehnt

Die Lufthansa will sich zu der Klage und zu einzelnen Fällen nicht äußern. Anwälte der Airline hatten aber ebenfalls vor einer US-Klage gewarnt, da nach ihrer Meinung amerikanische Gerichte nicht zuständig seien. Und sie verweisen auf zahlreiche Zahlungen, die Lufthansa bislang geleistet oder angeboten habe: So habe man fast allen direkten Angehörigen bereits 50.000 Euro Soforthilfe pro Opfer überwiesen für materielle Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Tod. Das stand im Fall Josef Cerceks seinem Schwiegersohn zu.

Weitere 25.000 Euro hat die Lufthansa den erbberechtigten Angehörigen pauschal angeboten - als Schmerzensgeld für das Opfer, für dessen letzte schreckliche Minuten im Flugzeug, in dem Bewusstsein sterben zu müssen. Schließlich wurden 10.000 Euro Entschädigung für die Schmerzen der Hinterbliebenen festgesetzt, diesmal für alle nahen Angehörigen - egal ob Eltern, Ehepartner oder Kinder. Dieses Schmerzensgeld soll nach Angaben von Germanwings "bisher in circa 70 Fällen abgerufen" worden sein.

Für Josef Cercek sind diese 10.000 Euro viel zu wenig. Deshalb hat er die Summe wie viele seiner Mitstreiter abgelehnt und hofft nun, dass die Klage in den USA angenommen wird und seinen Lebensabend wenigstens finanziell absichert.

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