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29.05.2012

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Widerstand gegen Gentrifizierung
Gentrifizierungsprotest: "Jeans kann man nicht essen"
Widerstand gegen Gentrifizierung

"Jeans kann man nicht essen"

Sozialwissenschaftler warnen: Gentrifizierung könnte dafür sorgen, dass ehemalige Kieze zu Reichen-Ghettos werden. Und ausgerechnet die Klimapolitik der Bundesregierung könnte dies zusätzlich befeuern. Denn der Deutsche Mietertag, der in diesen Tagen in Berlin stattfindet, kritisiert: Die Regierung lasse sich ihre Pläne zur Gebäudesanierung von den Mietern bezahlen.

Von Alexander Nieschwietz für tagesschau.de

Das Drama trägt den Titel "Gentrifizierung", es verläuft immer gleich - und es kommt in fast jeder deutschen Großstadt zur Aufführung. Akt 1: Ein Stadtviertel, das verhältnismäßig heruntergekommen ist, bietet günstige Mieten und wird von sogenannten Pionieren entdeckt: Studenten und Künstler. Die haben zwar kaum Geld, aber dafür sind sie in eine Subkultur eingebunden - und die bringen sie mit. Akt 2: Die "Pioniere" machen das Viertel lebendig: Es entstehen Kneipen, Bars, schummrige Kellerclubs. Akt 3: Das Viertel ist so attraktiv geworden, dass es in Reiseführern als das "In-Viertel" der Stadt gilt. Touristen kommen zum Feiern, an Wochenenden pilgern (meist) junge Menschen ins Viertel.

Akt 4: Jetzt lohnt es sich für Immobilienunternehmen zu investieren. Sie kaufen ganze Straßenzüge und fangen an, die heruntergekommenen Häuser zu sanieren. Danach erhöhen sie die Mieten mittelfristig saftig. Akt 5: Die "Pioniere" und die alteingesessenen Bewohner können sich die Wohnungen irgendwann nicht mehr leisten und müssen ausziehen. Sozialwissenschaftler befürchten: Im schlimmsten Fall bleibt ein "ballermannisiertes Reichen-Ghetto" übrig. Herzlich Willkommen in Berlin-Prenzlauer Berg, Köln-Ehrenfeld oder im Hamburger Schanzenviertel.

Was bedeutet eigentlich Gentrifizierung?:

Gentrifizierung ist ein Fachbegriff aus der Stadtgeographie, der den sozialen Wandel eines Stadtteils durch Maßnahmen wie Restaurierungen und andere gezielte Aufwertungen von Stadtvierteln beschreibt. In dessen Folge wird die ursprüngliche Wohnbevölkerung aufgrund steigender Mieten aus diesen Vierteln verdrängt. Der Begriff geht auf den englischen Landadel zurück. Die "Gentry" zogen im 18. Jahrhundert vermehrt von ihren Landsitzen in die Städte und veränderten dadurch das soziale Gefüge.
 

Die Nase voll von Partykultur

Stadtteilaktivist Jonas Füllner vor der Roten Flora. Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Aktivist Füllner: "Wo früher Gemüseläden waren, sind heute Boutiquen." ]
In Hamburg-St. Pauli-Nord hebt sich derzeit der Vorhang zum letzten Akt. Allerdings begehren die Menschen im Viertel dagegen auf - Jonas Füllner ist einer von ihnen. Er steht vor einer großen Lagerhalle an der Feldstraße: Sie ist grau, auf dem Parkplatz wächst Unkraut. Man könnte sagen, diese Halle hat ihre beste Zeit hinter sich. Vor sehr langer Zeit war sie mal eine Rindermarkthalle, später zog ein Supermarkt ein, der das ganze Viertel versorgte. Vor einem Jahr machte auch der dicht - er rentierte sich nicht mehr. Die Stadt wollte eine Veranstaltungshalle daraus machen, traf aber auf den Widerstand der Bevölkerung: "Die Anwohner hatten die Nase voll von Partykultur", sagt Füllner.

Denn St. Pauli-Nord ist schon vor Jahren gentrifiziert worden. Es gibt hier heute Latte Macchiato in schicken Lounges und Hosen in Designer-Shops mit Elektromusik. "Wo früher Gemüsehändler waren, sind heute Boutiquen", sagt Füllner. "Aber Jeans kann man nicht essen!" Jonas Füllner ist 32 und Doktorand an der Uni Hamburg. Er wohnt hier seit zehn Jahren. Und er hat mitbekommen, wie sich seine Nachbarschaft verändert hat. Deshalb engagiert er sich. Auch gegen die Veranstaltungshalle: "Wir haben auf der Straße Walzer getanzt und es geschafft." Die Veranstaltungshalle wird nicht kommen.

Im schlimmsten Fall entstehen Ghettos für Reiche

Aktivisten aus Hamburg tanzen vor dem Supermarkt auf der Feldstraße Walzer. Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Für sie ist es eine kreative Form des Protestes: Aktivisten tanzen vor dem Supermarkt Walzer. ]
Es regt sich immer mehr Protest gegen Gentrifizierung, beobachten auch Stadtsoziologen. Andrej Holm von der Humboldt-Universität in Berlin ist einer der ersten deutschen Wissenschaftler und Blogger, die sich mit Gentrifizierung auseinandersetzen. Er glaubt, dass die deutschen Großstadtpolitiker begreifen müssen, was derzeit passiert: "Sozialräumliche Polarisierungsprozesse" heißt das Problem im Soziologen-Deutsch - im Klartext: Ghettoisierung.

Politisch verordnete Gentrifizierung

Neben einer solchen Umgestaltung ganzer Viertel droht den Kiezen nun noch eine neue Gefahr, die diesen Prozess sogar noch beschleunigen könnte - und dagegen können auch die Demonstranten nur schwer etwas unternehmen: die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung. Der Deutsche Mieterbund (DMB) befürchtet, dass die Bundesregierung die Gentrifizierung damit zusätzlich befeuern könnte. Denn die Regierung möchte, dass bis 2050 rund 18 Millionen Häuser in Deutschland energetisch saniert werden. Als Anreiz dafür wird das Mietrecht geändert: Hausbesitzer dürfen bis zu elf  Prozent der Sanierungskosten auf die Mieter umlegen.

Das Problem ist nur: Die Häuser, die die Sanierung besonders nötig haben, sind vor 1978 gebaut worden, also bisher häufig besonders günstig zu mieten. Stadtsoziologe Holm rechnet daher mit "sehr großen Mietsteigerungen" und einem "größeren Verdrängungsdruck."

Sanierte Wohnungen in der Hamburger Beckstraße. Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Sanierte Wohnungen in der Hamburger Beckstraße: schön, aber teuer. ]

"Der Staat will Klimaschutz, dann soll er ihn bezahlen"

Deshalb fordert der DMB nun ein Gegensteuern der Politik. Bisher zahlen nur Eigentümer und Mieter für die klimafreundliche Renovierung der Häuser. DMB-Sprecher Ulrich Ropertz meint: "Wenn der Staat den Klimaschutz will, dann muss er sich an der Umsetzung beteiligen." Er verlangt, dass sich der Staat zu einem Drittel an den Kosten beteiligt. Denn sonst werde die energetisch top-sanierte Wohnung für "Normalverdiener wohl Wunschtraum" bleiben.

Stadtteil-Aktivist Jonas Füllner hält die Sanierungen ebenfalls für "einen ziemlichen Schlag für die Mieter". Er sitzt jetzt in einem Café in der Sonne mit einem portugiesischen Milchkaffee, einem Galao - für zwei Euro: "Der hat hier vor ein paar Jahren auch nur 1,60 Euro gekostet." Seine Initiative "Mietwahnsinn stoppen" will, dass Wohnen "dem Markt entzogen wird". Die Miete soll dann nicht mehr als vier Euro pro Quadratmeter kosten.

"Mieter können 50 bis 60 Prozent der Heizkosten sparen"

"Das geht nie", ist sich Helmut Köhler vom Hamburger Immobilieninvestor "Köhler & von Bargen" sicher. Sein Job: ein "Feeling" dafür zu haben, welcher Stadtteil als nächstes "Potenzial" hat. Köhler findet die Umlage der Sanierungskosten auf die Mieter in Ordnung: "Man kann doch nicht davon ausgehen, dass man etwas geschenkt kriegt", sagt er. Außerdem habe er bei schon sanierten Häusern beobachtet, dass die Mieter 50 bis 60 Prozent der Heizkosten sparen konnten.

"Aber natürlich werden einige sagen: Die Wohnung ist mir jetzt zu teuer, ich suche mir etwas anderes", räumt er ein. Für die freigewordenen Wohnungen gibt es dann einen neuen Mietvertrag, dann werden auch die Konditionen neu verhandelt. Im Klartext heißt das: Die Miete steigt.

Stand: 16.06.2011 15:25 Uhr
 

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