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21.11.2009

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Inland
"Genmais"

Expertin: Gentechnik-Gesetz "fatal und völlig absurd"

Interview zum Gentechnikgesetz

''Fatal und völlig absurd"

Der Bundestag hat das Gentechnikgesetz verabschiedet. Einige Regelungen sind umstritten. Gentechnik-Expertin Töwe von Greenpeace erklärt im Gespräch mit tagesschau.de, warum das neue Gesetz Umweltverschmutzung legalisiert statt verhindert.

tagesschau.de: Frau Töwe, Greenpeace ist gegen das Gentechnikgesetz. Warum?

Stephanie Töwe, Gentechnikexpertin von Greenpeace. Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Stephanie Töwe, Gentechnikexpertin von Greenpeace. ]
Stephanie Töwe: Eigentlich soll das Gesetz den Mensch und die Umwelt vor der Gentechnik schützen. Dieser Zweck wird aber überhaupt nicht erfüllt. Minister Seehofer packt das immer in schöne Worte und behauptet, dass es noch nie ein schärferes Gesetz gab. Aber er legalisiert Umweltverschmutzung und die unkontrollierte Verbreitung von Genmais.

tagesschau.de: Durch welche Regelungen?

Töwe: Künftig müssen Abstände eingehalten werden: 150 Meter zwischen Genmais-Feldern und herkömmlichen Maisfeldern und 300 Meter zwischen Genmais-Feldern und ökologischen Maisflächen. Das reicht aber vorne und hinten nicht aus. Und es gibt viele unklare Definitionen in dem Gesetz. Zum Beispiel muss ein Eigentümer von seinem Pächter nicht informiert werden, wenn der Genmais anbaut. Wenn der Eigentümer erst im Nachhinein davon erfährt, hat er keinerlei rechtliche Handhabe, sondern eben Pech gehabt.

"Der Naturschutz bleibt Nachbarn überlassen"

tagesschau.de: Was sind die Folgen?

Töwe: Der gentechnisch veränderte Mais kann sich über den Pollenflug unkontrolliert ausbreiten und auch auf andere Flächen übergehen. Oder bei der Ernte durch landwirtschaftliche Geräte, die meistens von mehreren Landwirten benutzt werden, weitergetragen werden kann. Dafür müsste eigentlich der Bauer, der Genmais anbaut, Schutzmaßnahmen ergreifen. Aber die reichen nicht aus. Zumal diese Maßnahmen auch noch umgangen werden können.

Greenpeace-Aktivisten demostrieren gegen Genmais-Anbau (Foto: picture-alliance/ ZB) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Eine Fläche von rund 2800 Hektar haben Landwirte für dieses Jahr für Genmais angemeldet. Die Umweltorganisation Greenpeace plädiert seit langem für den Anbau-Stopp. ]
tagesschau.de: Wie das?

Töwe: Wenn man sich privat mit seinem Nachbarn einigt, zum Beispiel die Abstände zwischen den Feldern oder andere Schutzmaßnahmen nicht einzuhalten, ist das laut Gesetz in Ordnung. Auch wenn der Nachbar nicht rechtzeitig angibt, dagegen zu sein, kann der Genbauer den Mais anpflanzen. Das ist fatal und völlig absurd.

tagesschau.de: Was fordern Sie?

Töwe: Der beste Weg wäre, den Anbau von Genmais sofort zu stoppen, so wie jetzt in Frankreich. Wenn wir Genmais aber schon zulassen, dann muss der vorgeschriebene Abstand mindestens 800 Meter betragen.

"Zu viele offene Fragen"

tagesschau.de: Warum plädieren Sie für das Aus für den Genmais-Anbau?

Töwe: Der Genmais ist ja so manipuliert, dass er ein Pestizid produziert. Das gibt er permanent ab und schädigt damit nicht nur den Maiszünsler, also den Schädling des Maises, sondern auch andere Tierarten wie den Regenwurm oder die Honigbiene. Außerdem ist völlig unbekannt, warum die Giftabgabe des Genmaises extrem schwankt: Er gibt mal am Stängel mehr ab als in den Wurzeln, das wiederum variiert von Region zu Region. Das sind uns zu viele offene Fragen, um den Anbau des Maises weiter zu erlauben.

tagesschau.de: Hat das Gesetz auch gute Elemente?

Töwe: Ja, das "ohne Gentechnik"-Etikett. Jetzt kann der Verbraucher zum ersten Mal vor dem Regal erkennen, wie tierische Produkte wie Eier, Fleisch und Milch hergestellt worden sind und ob gentechnisch veränderter Pflanzen eingesetzt wurden. Wäre das Etikett eine eigenständige Verordnung, die nun verabschiedet wird, würden wir jubeln. Aber nun ist es zusammen mit dem Gentechnik-Gesetz in ein Papier gebracht worden. Indem er das Etikett nun in den Vordergrund schiebt und im Hintergrund das Gentechnik-Gesetz mit durchzieht, scheint Herr Seehofer wohl von dessen Lücken ablenken zu wollen.

tagesschau.de: Das Etikett soll aber auch auf Lebensmitteln kleben dürfen, wenn darin bestimmte Zusatzstoffe enthalten sind, die bei der Herstellung von Futtermitteln gentechnisch produziert worden sind.

Töwe: Diese Zusatzstoffe werden in einem gentechnisch veränderten Verfahren in einem geschlossenen Raum hergestellt. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Pflanzen sind ein viel komplexeres System. Und wir reden dabei ja von einer Freisetzung auf riesigen Flächen. Das andere sind Zusatzstoffe, von denen höchstens minimale Reste übrig bleiben. Das ist ein himmelweiter Unterschied, von der Produktion und den Risiken her.

Die Fragen stellte Nicole Diekmann, tagesschau.de.

Stand: 25.01.2008 16:45 Uhr
 

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