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20.03.2010

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Interview: "Künstliches Leben Jahrhunderte entfernt"
Deutscher Genforscher zu synthetischem Erbgut

"Künstliches Leben ist noch Jahrhunderte entfernt"

Forscher des amerikanischen Craig-Venter-Instituts bezeichneten es als "wichtigen Schritt zur Erzeugung künstlichen Lebens". Für den deutschen Genforscher André Rosenthal ist die künstliche Herstellung einer vollständigen Bakterien-DNA jedoch kein wissenschaftlicher Durchbruch.

Forscherin präpariert Flüssigkeit für DNA-Analyse (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Forscherin präpariert Flüssigkeit für DNA-Analyse ]
tagesschau.de: Sind wir durch die synthetische Erschaffung einer Bakterien-DNA dem künstlichen Leben wirklich einen großen Schritt näher gekommen?

André Rosenthal: Ich denke nicht. Die chemische Synthese von mehreren tausend oder auch mehreren Millionen Erbbausteinen ist trivial. Das kann jeder andere Molekularbiologe auch, die dafür benötigte Technologie hat man überall zur Verfügung. Ich könnte morgen eine Firma in Deutschland beauftragen, das für mich zu machen und dann hätte ich das 14 Tage später. Die Synthese eines Genbauplans von 500.000 Bausteinen ist also kein großer wissenschaftlicher Schritt gemessen an dem, was heute technisch möglich ist.

tagesschau.de: Was wäre denn Ihrer Meinung nach ein wirklicher wissenschaftlicher Durchbruch?

Rosenthal: Was interessant wäre: Wenn man tatsächlich eine künstliche Zelle erzeugen könnte, Mit den entsprechenden Zellorganellen, mit dem Cytoplasma. Eine Zelle, die sich teilt, die Stoffwechsel macht, die das Genmaterial verdoppelt. Wenn man das alles künstlich im Reagenzglas erzeugen könnte, das wäre tatsächlich eine Revolution. Davon ist Craig Venter aber bestimmt noch ein paar hundert Jahre entfernt.

Zur Person:

Professor André Rosenthal ist Leiter der Signature Diagnostics AG in Potsdam, die Gen-Tests zur Krebs-Früherkennung erstellt. Bis Juni 2000 führte er das Zentrum für Genomsequenzierung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Im selben Jahr gelang es seinem Forschungsteam, die genetische Information eines menschlichen Chromosoms erstmals fast vollständig zu entschlüsseln.
 

tagesschau.de: Im Jahr 2000 haben Sie einmal gesagt, dass die Genforschung derzeit etwa so weit wäre wie die Physik zur Zeit von Newton. Hat sich daran in den letzten Jahren Wesentliches geändert?

Rosenthal: Ich denke, wir haben in den letzten Jahren in einigen Punkten tatsächlich Fortschritte gemacht. Zum Beispiel können wir heute Erbgut wesentlich schneller und kostengünstiger entschlüsseln. Auch in der Diagnostik können immer mehr personalisierte patientengenaue Gentests entwickelt und angeboten werden, die zum Beispiel individuelle Krebsrisiken vorhersagen können. Das sind ermutigende Fortschritte. Aber Leben künstlich herzustellen, davon sind wir nach wie vor weit entfernt.

tagesschau.de: Wie sieht Ihrer Meinung nach die nähere Zukunft der Genforschung aus?

Rosenthal: Ich glaube, wir werden uns sehr viel stärker noch darum kümmern, wie Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen zustande kommen. Was bedeutet es, wenn einige Menschen dick werden, andere aber nicht? Inwieweit spielen einzelne Bausteine im Genom dort eine wesentliche Rolle und wie wirken diese Bausteine zusammen, damit die individuellen Unterschiede hervortreten können? Das sind Sachen, die wir heute überhaupt nicht verstehen. Wenn man diese Zusammenhänge begreifen könnte, könnte man sehr viel besser Diagnostiken und später auch neue Medikamente entwickeln. Es wäre also wichtiger, das Erbgut zu verstehen, anstatt es zu reproduzieren.

Das Interview führte Jan Ehlert für tagesschau.de

Stand: 24.01.2008 21:14 Uhr
 

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