Alexander Gauland auf dem Kongress der AfD-Jugend "Junge Alternative". | Bildquelle: dpa

Rede bei AfD-Jugend Gauland provoziert mit Aussage zu NS-Zeit

Stand: 03.06.2018 12:49 Uhr

Äußerungen von AfD-Chef Gauland haben breite Empörung ausgelöst: Die NS-Zeit sei "nur ein Vogelschiss" in der deutschen Geschichte gewesen, sagte er. Auschwitz-Überlebende sind angewidert, Politiker wittern Kalkül hinter den Worten.

Vertreter von Bundespolitik und Holocaust-Überlebenden haben entsetzt auf eine Aussage des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland zur NS-Zeit reagiert.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte der Zeitung "Die Welt": "Der Holocaust, die systematische und industriell organisierte Vernichtung von über sechs Millionen Menschen, stellt ein bis dahin in der Weltgeschichte präzedenzloses Verbrechen dar." Deutschland habe nach dem verlorenen Angriffskrieg in Schutt und Asche gelegen, mehr als 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben: "Diese Bilanz der NS-Zeit als 'Vogelschiss' zu bezeichnen, empört mich zutiefst."

Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, dankte Politikern aller demokratischen Parteien dafür, dass sie dessen "unerträgliche und würdelose Äußerungen" massiv verurteilt und zurückgewiesen hätten.

"Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte", hatte Gauland Parteichef dem Nachrichtensender "Deutsche Welle" zufolge auf dem Parteitag der Jungen Alternative im thüringischen Seebach gesagt und hinzugesetzt: "Wir haben eine ruhmreiche Geschichte - und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre."

Die Nationalsozialisten waren zwischen 1933 und 1945 für zwölf Jahre an der Macht gewesen, hatten in dieser Zeit die systematische Ermordung politischer Gegner und missliebiger Bevölkerungsgruppen betrieben und den Zweiten Weltkrieg entfacht.

Gauland habe bewusst die Bühne der Veranstaltung genutzt, um die Tür der Partei "noch weiter ins Rechtsextreme zu öffnen", sagte Heubner. Auf Auschwitz-Überlebende wirkten "die kühl kalkulierten und hetzerischen Äußerungen" nur noch widerlich.

Bundespolitiker entsetzt über Äußerungen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte Gaulands Äußerungen indirekt. "Unser Land hat in diesen zwölf Jahren schwere Schuld auf sich geladen", sagte Steinmeier. Deutschland habe in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft millionenfach Menschen verschleppt und ermordet sowie ganz Landstriche verwüstet, so der Bundespräsident.

"Wer heute diesen einzigartigen Bruch mit der Zivilisation leugnet, kleinredet oder relativiert, verhöhnt nicht nur die Opfer, sondern will alte Wunden wieder aufreißen und sät neuen Hass. Dem müssen wir uns gemeinsam entgegenstellen", sagte Steinmeier, ohne Gauland namentlich zu nennen.

"Unfassbarer Schlag ins Gesicht"

"Gauland unterschreitet wieder jedes Niveau", schrieb der Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag, Marco Buschmann, auf Twitter. "So sieht die Partei hinter bürgerlicher Maske aus", twitterte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer.

"Es ist ein unfassbarer Schlag ins Gesicht von allen Überlebenden des Holocaust, ihren Nachfahren und Angehörigen", sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Unsere deutsche Geschichte hat gezeigt, wie Nationalismus, Hass und Hetze in den Abgrund führen." Das Internationale Auschwitz Komitee bezeichnete die Äußerungen Gaulands als "unerträglich und würdelos".

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil warf Gauland vor, den Nationalsozialismus zu verharmlosen: "Es ist eine Schande, dass solche Typen im Deutschen Bundestag sitzen", sagte er mit Blick auf die AfD, die seit September 2017 die stärkste Oppositionsfraktion im Bundestag stellt.

Gauland verteidigte seine Äußerung derweil in einer Stellungnahme: "Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet. Das ist eine der verachtungsvollsten Charakterisierungen, die die deutsche Sprache kennt. Das kann niemals eine Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems sein."

Gauland rechtfertigt sich

Gauland verteidigte seine Äußerung derweil in einer Stellungnahme: "Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet. Das ist eine der verachtungsvollsten Charakterisierungen, die die deutsche Sprache kennt. Das kann niemals eine Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems sein."

Co-Vorsitzender Meuthen distanziert sich von Wortwahl Gaulands

AfD-Chef Jörg Meuthen hält die Eröffnungsrede des Parteitags in Hannover | Bildquelle: AFP
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AfD-Co-Chef Meuthen hält die Wortwahl Gaulands für falsch, sieht in dessen Aussage aber keine Verharmlosung der NS-Zeit.

Der AfD-Covorsitzende Jörg Meuthen distanzierte sich derweil von der Äußerung Gaulands. "Der Herrn Gauland angelastete Satz - insbesondere die Bezeichnung 'Vogelschiss' - ist in der Tat ausgesprochen unglücklich und die Wortwahl unangemessen", sagte Meuthen "Zeit Online". Er verteidigte Gauland allerdings gegen den Vorwurf, die NS-Zeit verharmlost zu haben. "Im Kontext seiner Rede wird jedoch vollkommen deutlich, dass er dort in gar keiner Weise die entsetzlichen Gräueltaten der Nazizeit verharmlost oder relativiert hat, wie ihm nun reflexartig unterstellt wird."

Versuch der Relativierung folgte wenig später

Der AfD-Fraktionssprecher Christian Lüth suchte die Aussage später auf Twitter zu relativieren, nachdem sie auch in den sozialen Netzwerken Empörung ausgelöst hatte: "Vogelschiss ist das, was ich von der Nazi-Zeit halte", zitierte er Gauland. "Quantitativ auf die rund tausend Jahre deutsche Geschichte gesehen. Inhaltlich sowieso."

Gaulands verbale Entgleisungen bereits zahlreich

Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck twitterte, solche Sätze seien "keine Ausrutscher, sondern System".

Patrick Schnieder, der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, schrieb: "Die AfD demaskiert sich von Tag zu Tag mehr."

Gauland hatte bereits mehrfach durch verbale Entgleisungen von sich reden gemacht: Im Bundeswahlkampf rief er dazu auf, die damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz "in Anatolien zu entsorgen". Auf einem Treffen des rechtsnationalen Flügels der AfD hatte er das Recht gefordert, "stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Juni 2018 um 20:00 Uhr.

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