Interview mit Bundespräsident Gauck | Bildquelle: Bundesregierung/Steffen Kugler

Bundespräsident Gauck im WDR-Interview "Wir lassen uns nicht ins Bockshorn jagen"

Stand: 05.02.2016 04:56 Uhr

Die Auseinandersetzung nicht scheuen und trotzdem gelassen bleiben - so soll Deutschland nach Ansicht des Bundespräsidenten mit der Flüchtlingskrise und ihren Folgen umgehen. Joachim Gauck warnt davor, die notwendige Diskussion dem rechten Rand zu überlassen.

Von Julia Barth, ARD-Hauptstadtstudio

Nein, als Kritiker der Kanzlerin möchte der Bundespräsident sich nicht verstanden wissen. Aber Joachim Gauck bekräftigt im WDR-Interview, dass er es für sinnvoll hält, über Begrenzungsstrategien nachzudenken.

Aber: Deutschland sei ein solidarisches Land und werde das seiner Überzeugung nach auch bleiben: "Wenn in der Mehrheitsgesellschaft das Gefühl dafür, dass Solidarität unser Lebensatem ist, wenn das schwinden würde und aus Angst und Abwehr sich eine kollektive Identität entwickeln würde, die immer nur 'Das Boot ist voll' schreit - dann hätten wir ein moralisches Problem und nicht nur ein politisches."

Auch deshalb spricht der Bundespräsident sich dafür aus, die Sorgen und Ängste der Bürger ernst zu nehmen und darüber zu diskutieren, wie viel Hilfsbereitschaft wir uns leisten können. Gauck selber kommt zumindest zu dem Schluss, "dass es in der Bemühung, möglichst vielen helfend zur Seite zu stehen, begründet sein kann, dass man nicht allen hilft".

Interview mit Bundespräsident Gauck
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Bundespräsident Joachim Gauck spricht sich im Interview mit dem WDR-Hörfunk dafür aus, die Auseinandersetzung mit der AfD zu suchen. (Quelle: Bundesregierung / Steffen Kugler)

Gauck mahnt, dass dieses Maß an Aufnahmebereitschaft jetzt öffentlich diskutiert werden muss, aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Es dürfe nicht dem rechten Rand überlassen werden, Probleme im Zusammenhang mit Zuwanderung anzusprechen. Die Politik fordert er auf, sich auch mit der AfD auseinander zu setzen.

Übertriebene Ängste gegenüber jeder Form von Propaganda oder Populismus hält er für fehl am Platz: "Wir wollen mal unsere Bevölkerung anschauen und diejenigen trennen, die einfach Sorgen haben - 'Ja wo geht es denn hin, und können wir das schaffen?' - von denen, die voller Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments sind und schon mal vorab einen Molotowcocktail auf eine Flüchtlingsunterkunft schmeißen."

"Es gibt Bereiche, wo Polizei nicht ersetzbar ist"

Die massiv gestiegene Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte bereitet Gauck Sorgen, ebenso wie die Befürchtung, dass Bürger zunehmend das Gefühl bekommen könnten, sich selber vor Gewalt schützen zu müssen: "Es gibt eben Bereiche, wo Polizei nicht ersetzbar ist. Wenn jahrelang an dieser Stelle gespart wurde, dann wird auch Staatlichkeit, ob gewollt oder ungewollt, hinterfragt, in ihrer Bedeutung nicht ernst genug genommen. Und das auf dem Gebiet der Sicherheit zu machen, das ist deshalb gefährlich, weil dann ein Vertrauensverlust der Bürger gegenüber den Akteuren in der Politik eintritt." Deshalb sei er dankbar, dass die Politik hier reagiert und neue Stellen für die Polizei zugesagt habe.

Trotz aller Probleme aber rät der Bundespräsident zur Gelassenheit und verbreitet Zuversicht. Denn nach wie vor überwiege die Zahl der Solidarischen bei weitem die Zahl derer, die als Brandstifter oder Hetzer unterwegs seien: "Das ist doch immer noch dieses Land, zu dem wir 'Ja' sagen können. Und wir wollen doch nicht so tun, als würden wir aus der Mitte dieser starken, demokratischen Gesellschaft heraus uns ins Bockshorn jagen lassen von einigen verwirrten, die am rechten Rand zündeln. Aber ich bitte Sie."

Gauck sagt damit auf seine Weise ja dann doch irgendwie auch 'Wir schaffen das!'.

Gauck fordert Debatte in der Mitte der Gesellschaft
J. Barth, ARD Berlin
05.02.2016 04:56 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 05. Februar 2016 um 07:20 Uhr auf NDR Info.

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Julia Barth, WDR

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