Kommentar

Bundespräsident Joachim Gauck | Bildquelle: REUTERS

Kommentar zur Bilanz-Rede Gauck hat dem Land gutgetan

Stand: 18.01.2017 19:58 Uhr

Die Bilanz-Rede des scheidenden Präsidenten war keine große - aber angemessen und ehrlich. Joachim Gauck vermied Schönfärberei und verbreitete doch Optimismus. Eine Rede wie seine Präsidentschaft, die funktioniert hat.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist gut, dass Joachim Gauck der Versuchung widerstanden hat. Natürlich gibt es den Reflex, zum Abschied alles in positivem Licht erscheinen zu lassen. Gauck aber hat eine ehrliche Rede geliefert. Er hat unverblümt gesagt, was ist: Das Land und ganz Europa sind verunsicherter und zerrissener als vor fünf Jahren, als er ins Schloss Bellevue einzog.

Und er hat jeden von uns daran erinnert: Die Demokratie läuft nicht von alleine. Um dies nicht zu vergessen, braucht es vielleicht einen Bundespräsidenten, für den die Erfahrung von Freiheit nicht selbstverständlich ist. Die Demokratie sei kein Versandhaus - selten hat jemand so schön auf den Punkt gebracht, dass Demokratie nicht zurücklehnen und meckern, sondern mitmachen und gestalten ist.

In vielen Teilen ist seine Abschiedsrede ein Spiegel seiner Präsidentschaft. Noch einmal hat er sich seinen drei großen Themen gewidmet - neben Freiheit und Demokratie waren dies Europa und die Rolle Deutschlands in der Welt. Typisch Gauck war es auch heute, dass er keinem nach dem Mund geredet hat. Für sein Ja zu mehr deutschen Militäreinsätzen wird er auch diesmal nicht von allen Seiten Beifall bekommen - zu Recht übrigens.

Und es wird auch nicht allen Bürgern passen, dass ihr Bundespräsident ihnen vorhält, sie sollten nicht immer nur mit dem Finger auf die Politik zeigen, sondern sich gefälligst auch an die eigene Nase fassen, wenn in diesem Land etwas schief läuft. Im Zeitalter populistischer Geschmeidigkeit traut sich das kaum noch ein Politiker zu sagen.

Trotzdem optimistisch

Trotz der ehrlichen Bestandsaufnahme - auch die letzte große Gauck-Rede atmet Optimismus. Nach dem Motto: Es gibt Gefahren, es gibt Probleme, aber Deutschland wird es packen. Das klingt nach Merkel, ist aber ureigener Gauck, der in seinen fünf Jahren immer auch Mutmacher war.

Was wird bleiben aus seiner Amtszeit? Die heutige Rede nicht unbedingt. Sie war ehrlich, sie war angemessen - aber nicht herausragend. Wie es überhaupt nicht DIE Rede oder DEN Satz gibt, die aus Gaucks Amtszeit in Erinnerung bleiben.

Die Präsidentschaft hat funktioniert

Trotzdem hat Gauck dem Land gutgetan. Seine Präsidentschaft hat funktioniert. Nicht nur, weil er keine größeren Fehler machte - was nach den Erfahrungen mit seinen beiden Vorgängern schon viel ist. Gauck hat Deutschland in der Welt als glaubwürdiger Advokat für Demokratie und Menschenrechte vertreten. Er war innenpolitisch verlässlich, trieb die Regierung aber auch an - Stichwort Armenien-Resolution -, wenn es notwendig war. Und: Den Bürgern begegnete Gauck immer auf Augenhöhe, jeder konnte sich vom gelernten Seelsorger ernstgenommen fühlen - in der Flüchtlingsdebatte scheute sich das Staatsoberhaupt auch nicht vor unangenehmen Diskussionen.

Mit dieser Bilanz kann der bald 77-Jährige guten Gewissens gehen. Auch dies unterscheidet ihn auf positive Weise von anderen: Keiner hat ihn aus dem Amt gedrängt, Gauck verabschiedet sich in der angenehmen Gewissheit, dass die meisten Deutschen es noch länger mit ihm ausgehalten hätten.

Kommentar zu Gaucks Abschiedsrede
J. Seisselberg, ARD Berlin
18.01.2017 17:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Januar 2017 um 15:20 Uhr

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