Bundespräsident Gauck während seiner Rede im Berliner Dom | Bildquelle: dpa

Bundespräsident zum Armenien-Gedenken Gauck spricht von "Völkermord"

Stand: 23.04.2015 20:22 Uhr

Bundespräsident Gauck hat die Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren klar als "Völkermord" bezeichnet. Damit ging er über die Formulierung der Koalition hinaus. In seiner Rede zum Gedenken an die Opfer sprach er außerdem die deutsche Verantwortung an.

Bundespräsident Joachim Gauck hat die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich klar als "Völkermord" benannt und auf eine deutsche Beteiligung daran hingewiesen. "In diesem Fall müssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht", sagte Gauck laut Redetext nach einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom.

Gauck ging damit deutlich über die zuvor in der Koalition für ihren Antrag am Freitag im Bundestag verabredete Formulierung hinaus, die er aber auch aufgriff: "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist."

Bundespräsident Gauck zu dem Völkermord an den Armeniern
tagesthemen 22:15 Uhr, 23.04.2015

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"Genozidale Dynamik"

Weiter sprach Gauck in seiner Rede von einer "genozidalen Dynamik, der das armenische Volk zum Opfer fiel", und von "geplanten und systematischen Mordaktionen". Er stellte sich damit gegen die Haltung der Türkei, die den Begriff "Völkermord" als Beschreibung für das Geschehen vor hundert Jahren ablehnt und auch eine systematische Planung zurückweist.

Die Nachfahren der Opfer könnten heute zu recht eine "Anerkennung historischer Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld" erwarten, mahnte Gauck. Täter seien damals die Machthaber im Osmanischen Reich und ihre Handlanger gewesen, aus rassischen und aus religiösen Motiven. Heute jedoch freue er sich "über jedes ermutigende Zeichen der Verständigung und des Aufeinanderzugehens zwischen Türken und Armeniern", hob der Präsident hervor.

Erinnern an deutsche Beteiligung

Gauck ging auch auf die Rolle des im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündeten Deutschen Reichs ein. Dieses habe nicht nur von dem Vernichtungswillen gegen die Armenier gewusst, sondern deutsche Militärs seien "an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt gewesen".

Im Ersten Weltkrieg waren Armenier im Osmanischen Reich als vermeintliche Kollaborateure mit dem Feind systematisch vertrieben und umgebracht worden. Nach Schätzungen kamen dabei zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs lehnt die Bezeichnung "Völkermord" vehement ab. Am Mittwochabend hatte die türkische Regierung aus Protest gegen eine entsprechende Resolution des österreichischen Parlaments ihren Botschafter aus Wien abgezogen.

Gedenkfeier in Jerewan geplant

In Armeniens Hauptstadt Jerewan wird am Freitag mit einer großen Gedenkfeier an die Massaker erinnert. Aus dem Ausland werden unter anderem Russlands Präsident Wladimir Putin und Frankreichs Präsident François Hollande erwartet. Deutschland ist durch den Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, vertreten. Parallel dazu wollen Hunderttausende Armenier Blumen niederlegen.

Monika Wagener, WDR, zum Völkermord an den Armeniern
tagesthemen 22:15 Uhr, 23.04.2015

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