Gewehre Typ G36 Bundeswehr | Bildquelle: picture alliance / dpa

Bundesrechnungshof zu G36 Waffe ungenau, Ministerium auch

Stand: 28.06.2014 11:55 Uhr

Auf seiner Internetseite bezeichnet der Waffenhersteller Heckler&Koch das G36 als "perfekt geeignet für infanteristische Aufgaben im abgesessenen Kampf" und lobt die "konstante Zuverlässigkeit" des Sturmgewehrs.

Diesen Aussagen würde sich der Bundesrechnungshof vermutlich nicht anschließen. Er hatte die Treffsicherheit der Waffe angezweifelt. Daraufhin hatte das Verteidigungsministerium vor rund einer Woche neue Prüfungen angeordnet und die Beschaffung neuer G36 zunächst gestoppt.

Ministerium soll nicht geprüft haben

Gewehre vom Typ G36 von Heckler&Koch stehen im Juni 2014 beim Abschiedsappell der 10. Panzerdivision in Sigmaringen vor den Soldaten. | Bildquelle: dpa
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Wurde das G36 nicht genau genug überprüft?

Die Probleme mit dem Standard-Sturmgewehr der Bundeswehr haben offenbar Ursachen tief im Apparat des Verteidigungsministeriums. Die "Süddeutsche Zeitung" konnte nach eigenen Angaben einen vertraulichen Bericht des Bundesrechnungshofs einsehen, in dem das Ministerium in ungewöhnlich scharfer Form für die Problembefassung gerügt wird.

Das Ministerium habe "sich einem möglichen Mangel und einer dadurch eingeschränkten Tauglichkeit und Zuverlässigkeit des Gewehrs G36 nur zögerlich angenommen" wird demnach in dem Bericht bemängelt. Stattdessen seien "ohne weiterführende Untersuchungsergebnisse" im Jahr 2012 seriöse Testergebnisse relativiert und "die uneingeschränkte Zuverlässigkeit und Einsatzbewährung" erklärt worden.

Schlechte Erfahrungen in Afghanistan

Berichte über Probleme des G36 gibt es schon seit längerer Zeit. Dabei geht es vor allem um mangelnde Treffsicherheit, sobald viel mit dem Gewehr geschossen wird. Auch hohe Temperaturen, wie sie zum Beispiel zeitweise in Afghanistan herrschen, wurden immer wieder als möglicher Grund für die mangelnde Präzision genannt.

Die Bundeswehr hatte dies nach einer früheren Prüfung einer qualitativ unzureichenden Munition zugeschrieben und nimmt das G36 auf seiner Internetseite noch immer in Schutz. Es sei eindeutig widerlegt worden, dass das "veränderte Treffverhalten" auf eine mangelhafte Waffe zurückzuführen sei. Dies hätten "umfangreiche Untersuchungen eines unabhängigen Sachverständigen" gezeigt.

Rechnungshof: Munition nicht alleinige Ursache

Der Bundesrechnungshof schließt sich dieser Bewertung laut "SZ" nicht an. Die Auffassung, dass die Probleme "alleine und ausschließlich bei der Munition eines Herstellers auftreten sollen", sehe man "durch alle durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen in dieser Eindeutigkeit nicht bestätigt und durch aktuelle Schießergebnisse von bundeswehreigenen Experten aus der Truppe widerlegt", zitiert die Zeitung den Bericht.

Die Prüfer fordern das Ministerium demnach in ihrem Bericht auf, "die Verträge und Vereinbarungen mit dem Waffen- und Munitionshersteller auf Mängelbeseitigung, Gewährleistung oder Regressansprüche zu prüfen". Zudem solle geprüft werden, "ob und für welche Kräfte der Bundeswehr die technische Leistungsfähigkeit der Standardbewaffnung noch auftragsgerecht und hinnehmbar ist".

Keine Aufarbeitung, keine Untersuchungen

Die harsche Kritik an der Waffe verbindet der Rechnungshof laut "SZ" mit einer deutlichen Rüge für das Ministerium. Es gehe "auf die anhaltende Kritik nicht in dem gebotenen Maß ein". Die Ursachen für die Probleme habe es "bis heute weder folgerichtig aufgearbeitet noch zweifelsfrei aufgeklärt".

Ein Großteil der von den Prüfern bemängelten Vorgänge falle in die Amtszeit des heutigen Innenministers Thomas de Maizière, so die Zeitung. So habe in seiner Amtszeit das zuständige Projektreferat im Beschaffungsamt im April 2012 eine geplante Untersuchung zum "Temperaturverhalten" wieder gestrichen. Eine weitere Untersuchung zur "Verlagerung des mittleren Treffpunkts nach Erwärmung durch Sonneneinstrahlung" habe die Projektleitung nicht weiterverfolgt, obwohl es auch Ministeriumsintern Befürworter einer solchen Analyse gegeben habe, zitiert die "SZ" den Bericht weiter.

Die Minister von der Leyen und de Maizière beim Zapfenstreich | Bildquelle: dpa
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Weder de Maiziere noch von der Leyen haben die Probleme mit dem G36 wirklich untersuchen lassen, schreibt der Bundesrechnungshof.

Auch Amtsinhaberin Ursula von der Leyen wird vom Bundesrechnungshof in die Verantwortung genommen. Das Ministerium habe noch immer keinen Untersuchungsauftrag erteilt, der geeignet sei, "die zuvor bestehenden Zweifel an der Waffe auszuräumen". Die vor einer Woche angeordnete Prüfung ist hierbei vermutlich aber noch nicht berücksichtigt, weil der Bericht des Bundesrechnungshofes älter ist.

Fakt ist auf jeden Fall, dass deutsche Soldaten - ob nun in Afghanistan, Kosovo oder Mali - das G36 weiter einsetzen.

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