Senegalesische Frauen überprüfen in einem Vorort von Dakar Einnahmen eines Mikrokredit-Projekts | Bildquelle: AFP

Frauen auf G20-Gipfel Weg vom Katzentisch

Stand: 03.07.2017 12:06 Uhr

Bisher hat das Thema Frauen auf G20-Gipfeln nie eine besondere Rolle gespielt. Diesmal soll das anders sein. Die Bundeskanzlerin will mehr Teilhabe von Frauen weltweit: durch Kredite und Zugang zum Internet.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Auch wenn es auf der Prioritätenliste nicht ganz oben steht - in diesem Jahr wird es auf dem G20-Gipfel auch um die Gleichberechtigung von Frauen weltweit gehen. Zwar kümmert sich der Klub der 20 traditionell eher um Handelspolitik, Finanzmarktstabilität, Steuerflucht oder Klimapolitik, der Kanzlerin sei aber die Stärkung von Frauen ein Herzensanliegen, heißt es.

Deshalb hat die Bundesregierung im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft das Thema in diesem Jahr erstmals prominent auf die Agenda gesetzt, während es bei bisherigen Treffen eher am Rande abgehandelt wurde. Konkret soll es darum gehen, Frauen - insbesondere in Entwicklungsländern - einen besseren Zugang zu Finanzmitteln, Informations- und Kommunikationstechnologien zu verschaffen und ihre Arbeitssituation in Bezug auf Einkommen, Arbeitsplatzsicherheit und Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Frauen als Motor für Entwicklung

Gerade im entwicklungspolitischen Zusammenhang sei das wichtig, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio: "Überall dort, wo es gelungen ist, Frauen den ihnen angemessenen Platz in der Gesellschaft zu geben, ihnen die möglichst gleichen Chancen zu geben, läuft die Entwicklung für das gesamte Land um ein Vielfaches besser."

Doch "in diesen Bereichen ist im G20-Prozess bislang zu wenig passiert", sagt Mona Küppers, Vorsitzende des Deutschen Frauenrats im Gespräch mit tagesschau.de. Es sei meist bei sehr allgemeinen Bekenntnissen zu Gleichstellung oder zur wirtschaftlichen Inklusion benachteiligter Gruppen geblieben, zu denen dann auch die Frauen gezählt wurden. "Jetzt kommen wir aber endlich weg vom Katzentisch und sitzen stattdessen mit am Verhandlungstisch."

Frauen in Senegal zählen Einnahmen aus einem Mikrokredit-Projekt. | Bildquelle: AFP
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Mikrokredite helfen Frauen im Senegal, eigene Projekte zu starten - das hilft dem ganzen Land.

100 Millionen Jobs für Frauen

Die erste und einzig konkrete Entscheidung gab es 2014 beim G20-Gipfel im australischen Brisbane. Hier wurde unter dem Schlagwort "25 by 25" verabredet, die geschlechterspezifische Beschäftigungslücke bis zum Jahr 2025 um 25 Prozent zu verringern. 100 Millionen neue Jobs für Frauen wollen die G20-Staaten dafür schaffen. "Unsere große Kritik daran ist aber, dass man für die Umsetzung dieses Ziels keinerlei konkrete Maßnahmen vereinbart hat", sagt Küppers. Dementsprechend sind die Fortschritte bislang gering. "Diese Lücke ist zwischen 2012 und 2015 nur um 0,7 Prozent geschlossen worden."

Eines der wichtigsten Anliegen des Frauenrats ist es deshalb, dass beim diesjährigen Gipfel ein konkreter Maßnahmenkatalog für das Erreichen des "25 by 25"-Ziels vereinbart wird. Gemeinsam mit dem Verband deutscher Unternehmerinnen ist der Frauenrat von der Kanzlerin damit beauftragt, den Women20-Dialogprozess (W20) für die deutsche G20-Präsidentschaft zu organisieren.

Kredite für Frauen erleichtern

Doch die Geschichte der W20 ist noch recht jung: Als offizielle G20-Beteiligungsgruppe, bestehend aus Vertreterinnen von Frauen- und Sozialverbänden, Unternehmerinnen und Wirtschaftsexpertinnen, wurden sie erst 2014 ins Leben gerufen. Damit sind sie eine von sieben zivilgesellschaftlichen Gruppen, die versuchen, Ihre Interessen in den G20-Prozess einzubringen. Ziel der W20 ist es, dass insbesondere die wirtschaftliche Beteiligung und Stärkung von Frauen dauerhaft bei allen Zielvereinbarungen und Beschlüssen der G20 mitbedacht werden.

Beim W20-Gipfel im April, der vor allem wegen der Anwesenheit der US-Präsidententochter Ivanka Trump ein besonderes Medienecho erfuhr, wurden bereits konkrete Vorschläge diskutiert: Nach dem Willen der Kanzlerin soll es einen bei der Weltbank angesiedelten Kapitalfonds geben, der Frauen in Entwicklungsländern einen besseren Zugang zu Krediten ermöglichen soll. Der Fonds könne sich aus öffentlichen und privaten Geldern zusammensetzen.

"Digitale Kluft zwischen Geschlechtern"

Denn bei Unternehmensgründungen seien Frauen nach wie vor benachteiligt, erklärt Mona Küppers vom Frauenrat: "Es gibt Studien, bei denen Frauen und Männer mit denselben Businnesplänen losgeschickt wurden, um Kredite zu erbitten, und die Frauen wurden zu einem höheren Prozentsatz abgelehnt als die Männer."

Eine weitere Forderung der W20 ist es, die "wachsende digitale Kluft zwischen des Geschlechtern" zu überwinden. Dazu seien auch Investitionen in die technische Ausbildung von Mädchen und Frauen notwendig.

"Qualität statt Quantität"

Heike Löschmann von der Heinrich-Böll-Stiftung beobachtet den G20-Prozess bereits seit vielen Jahren. Auf die vorgetragenen Forderungen blickt sie mit gemischten Gefühlen: "Es ist gut und wichtig, dass mehr Frauen am Erwerbsleben teilhaben. Aber wir müssen uns dabei sehr genau anschauen, was für eine Art von Arbeit das ist." Das Thema Gender Pay Gap, also die schlechtere Bezahlung von Frauen im Vergleich zu Männern, sei bei den bisherigen Verlautbarungen zum diesjährigen Gipfel gar nicht erst auf die Tagesordnung gekommen. "Dabei kommt es nicht nur auf die Zahl der Arbeitsplätze an, sondern auch auf die Bezahlung."

Wenn es nur darum gehe, mehr Frauen als billige Arbeitskräfte zu gewinnen, sei man dem Ziel gleichberechtigter Teilhabe kein Stück näher, sondern leiste stattdessen Ausbeutung Vorschub. "Die neu geschaffenen Jobs müssen vertraglich abgesichert sein, es muss vernünftige Arbeitszeiten geben, damit nicht insbesondere junge Frauen und Mädchen 12-14-Stunden-Schichten schieben mit hohen Risiken für ihre Gesundheit." Parallel dazu müssten Möglichkeiten für eine bezahlbare Kinderbetreuung geschaffen werden, damit es - insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern - nicht zu einer Doppelbelastung von Frauen komme.

Aktion zum "Equal Pay Day" in Berlin | Bildquelle: dpa
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Mehr Jobs bedeuten noch nicht mehr Gerechtigkeit: Aktion zum "Equal Pay Day" in Berlin

Bleibt es bei Ankündigungsrhetorik?

Diese Rahmenbedingungen seien auch in den W20-Forderungen zu wenig berücksichtigt, meint Löschmann. Dennoch hält sie es grundsätzlich für einen Fortschritt, dass der Zugang  zu eigenem Einkommen und die berufliche Qualifizierung von Frauen und Mädchen, überhaupt Eingang in die Tagesordnung der G20 gefunden hat.

Doch ob es am Ende doch wieder nur bei Ankündigungsrhetorik ohne konkrete Beschlüsse bleiben wird, ist offen. Die Bundeskanzlerin versprach zwar, die Empfehlungen der Frauen engagiert in den G20-Prozess einzubringen. Räumte aber auch ein, dass man dafür einen langen Atem brauche. Geduld und Ausdauer seien gefragt, denn bei G20 gelte das Prinzip der Einstimmigkeit. Sie habe keine Macht, ein anderes Land zu etwas zu überreden, was es nicht wolle.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25.04. 2017 um 17:06 Uhr.

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