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21.03.2010

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Fußballfans bei einer öffentlichen Übertragung des Finales der Europameisterschaft in Dortmund (Foto: AFP)
Interview: "Fußball-Fans zelebrieren Partyotismus statt Patriotismus"
Interview zur Fußball-EM

"Partyotismus statt Patriotismus"

Drei Wochen hat Deutschland den Fußball und die Nationalelf gefeiert. Schwarz-rot-gold war die Farbenkombination des Juni, und die Euphorie erfasste auch viele, die keine ausgesprochenen Fans sind. Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Darüber sprach tagesschau.de mit dem Psychologen Stephan Grünewald.

tagesschau.de: 2006 feierten die Deutschen die WM im eigenen Land, in diesem Jahr war die Euphorie während der EM ähnlich groß. Hat sich der Trend, den Fußball zu feiern verstetigt?

Fußball-Fans schwenken vor dem EM-Finale in der Fanzone in Berlin Deutschland-Fahnen (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Gut drauf mit Flagge: Fans feierten drei Wochen lang die Fußball-Nationalmannschaft - und sich selbst. ]
Stephan Grünewald: Ja, der Trend ist seit zwei Jahren überhaupt nicht abgebrochen. Wir beobachten regelrecht eine Eventomanie, also eine Sehnsucht, Events immer wieder zu zelebrieren, die dieses wunderbare Gemeinschaftsgefühl ermöglichen. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist von drei Faktoren gespeist. Da geht es um ein Zusammenwachsen. Dieses Zusammenwachsen braucht immer eine übergeordnete Vision - wie in diesem Fall, Europameister zu werden. Und daran kann jeder aktiv mitwirken, durch Fan-Gesänge, durch Kriegsbemalung, durch Fahnenschwenken oder auch nur durch das Anschmeißen des Grills. Wir beobachten seit zwei Jahren, dass man ständig versucht, auch Events wie die Frauenfußball-WM oder die Handball-WM oder selbst den den Katholikentag mit dieser Feierfreude und diesem Partyotismus aufzuladen.

Zur Person:

Stephan Grünewald
Stephan Grünewald ist Psychologe und Geschäftsführer des Kölner Markt- und Medienforschungsinstituts Rheingold. 2006 veröffentlichte er das Buch "Deutschland auf der Couch - Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft".
 

tagesschau.de: Manche haben ja das Fahnenschwenken zunächst mit Mistrauen beobachtet und vor einem neuen, dumpfen Patriotismus gewarnt. Diese Befürchtung hat sich also nicht erfüllt?

Grüninger: Man kann psychologisch unterscheiden zwischen einer Vaterlandsliebe und einer Mutterlandsliebe. Bei der ersten Form, dem Patriotismus, geht es um väterliche Tugenden, um Disziplin, Mannhaftigkeit, Wehrhaftigkeit. Vaterlandsliebe hat in Deutschland immer einen martialischen, preußischen Einschlag gehabt. Seit Angela Merkel erleben wir aber eine Art Mutterlandsliebe. Hier rücken mütterlichen Qualitäten stärker in den Vordergrund - das gemeinsame Genießen, das ans-Händchen-Nehmen, die Geborgenheit in der Masse.

tagesschau.de: Aber beim Fußball geht es um eher mannhafte Attribute, die körperliche Auseinandersetzung, den Kampf und die Abgrenzung.

Grünewald: Das tragen aber die Helden auf dem Platz aus. Drumherum beim Public-Viewing stehen Heimatqualitäten im Vordergrund - gemeinsames Zusammensein, Essen, Trinken und sich Wohlfühlen.

"Weg aus der Isolierung"

tagesschau.de: Woher kommt dieses verstärkte Bedürfnis nach Heimatgefühl und wohligem Beisammensein?

Fußballfans im Kaiserslauterner Fritz-Walter-Stadion während einer Übertragung von der Europameisterschaft 2008 (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Was steht im Vordergrund: Der Sport, die Nation - oder der Spaß? ]
Grünewald: Es gab ein dreifaches Vakuum. Die 90er Jahre waren die Jahre des Individualismus und der Ellbogen. Nach dem 11. September 2001 hatten vor allem die Deutschen Angst vor einer unberechenbaren  Welt und entwickelten eine Verschanzungsmentalität. Sie zogen sich in die vier Wände zurück in ihren eigenen Kokon. Deshalb waren sie froh, aus dieser Verschanzung herauskommen zu können. Schließlich: In unserer Arbeitswelt werkelt jeder isoliert vor sich hin und weiß am Ende des Tages nicht genau, was er warum gemacht hat. Diese Faktoren führten dazu, dass die Deutschen 2006 fast sehnsüchtig die Chance ergriffen haben, einen riesiges Event auszurichten. Dazu gab es wunderbares Wetter. Man konnte aus aus dem Haus rausgehen und gemeinsam beglückt das Leben genießen.

tagesschau.de: Viele Untersuchungen zeigen uns, dass sich die Spaltung der Gesellschaft vertieft - stärkt auch das die Sehnsucht nach Gemeinschaft?

Grünewald: Die Bevölkerung reagiert sehr sensibel auf solche Entwicklungen. Durch die WM und die Große Koalition hatten wir ein neues Gemeinschaftsdenken in Deutschland. Das politische Gezänk wurde abgemildert, Klinsmann und Löw förderten den Teamgedanken, die Mannschaft zelebrierte ihr Zusammenwachsen während der WM. Und das bekam plötzlich einen gesellschaftlichen Wert. Umso stärker fiel danach ins Auge, was nicht zusammengewachsen ist, was auseinanderdriftet und ungerecht ist. Schon Freud hat festgehalten: Eine Gemeinschaft kann nur Gemeinschaft sein, wenn sie die Idee einer Gerechtigkeit entwickelt. Alle leisten den gleichen Verzicht, aber auch die gleiche Arbeit für das Gemeinwohl. Seit zwei Jahren wird Gemeinsinn groß geschrieben, und auch das Gerechtigkeitsempfinden wächst stark. Davon profitiert im Moment vor allen Dingen die Linkspartei, die sich als Robin Hood präsentiert und immer wieder aufzeigt, wo es noch Gerechtigkeitslücken gibt.

"Gesellschaft in lauer Mittellage"

tagesschau.de: Manche Turniere wie die WM 1954 oder 1990 gingen einher mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Wo ordnen sie dieses Turnier ein?

Geschminkte Fußballfans während einer Übertragung eines Spiels von der Europameisterschaft im Kaiserslauterner Fritz-Walter-Stadion (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Mit Haut und Haaren zum Fußball: Schwarz-rot-gold hatte in diesem Juni Hochkonjunktur. ]
Grünewald: Es gibt sicherlich einen Zusammenhang zwischen dem Turniererfolg und gesellschaftlicher Entwicklungen. Immer, wenn Deutschland in einer Aufbruchsstimmung war, sind wir auch Turniersieger geworden. Die Erfolge bei der EM 1972 und der WM 1974 spiegeln den Aufbruch der 68er wieder. 1990 wuchs Deutschland zusammen und unsere Mannschaft war unschlagbar. Auch vor zwei Jahren herrschte eine solche Stimmung. Die Regierung hatte gewechselt. Wir hatten mit Klinsmann einen jungen Siegfried, der alte Zöpfe abschnitt und anderes Denken predigte. In diesem Jahr waren wir eher in einer temperierten Mittellage. Die großen Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt, die Talsohle war aber auch durchschritten. Diese laue Mittellage hat sich meines Erachtens auch ein bisschen im Fußball gezeigt. Der begeisternde Teamfußball, den wir vor zwei Jahren erlebt haben, blieb diesmal Mangelware.

tagesschau.de: Holt Deutschland etwas nach, was in anderen Ländern längst ganz normal ist?

Grünewald: Die Deutschen haben Angst vor der eigenen Leidenschaft, sie wird tabuisiert. Vor der WM 2006 hatten wir noch die Sorge, dass wir zu enthusiastisch sein könnten, unsere Gastgeberpflichten verletzen und das hässliche Gesicht Deutschlands wieder hervorbricht. Nach der WM hat sich das gelockert. Insofern war sie eine nationale Lockerungsübung, weil wir gemerkt haben, wir können leidenschaftlich sein und gleichzeitig noch charmante Gastgeber. Das geschichtliche Damoklesschwert, dass Leidenschaft in Deutschland immer zu Kriegen führt, ist dadurch von uns genommen worden.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

Stand: 30.06.2008 14:25 Uhr
 

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