Wehrmachts-Uniform | Bildquelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Wehrmachtsandenken in Kasernen Modellbausätze und Militärkitsch

Stand: 31.05.2017 15:28 Uhr

Auf der Suche nach Wehrmachtsandenken hat die Verteidigungsministerin die Dienststellen der Bundeswehr inspizieren lassen. Eine detaillierte Liste dokumentiert nun die Ergebnisse - viele Fundstücke muten eher skurril als bedenklich an.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Ein bisschen klang es nach politischem Großreinemachen, als Verteidigungsministerin von der Leyen ankündigte, man wolle jetzt alle Kasernen der Bundeswehr auf Wehrmachtsdevotionalien untersuchen. Damit reagierte sie auf die Enthüllungen um die terrorverdächtigen und mutmaßlich rechtsextremen Offiziere Franco A. und Maximilian T. Doch besonders viel Brisantes ist bei den Untersuchungen offenbar nicht zutage gefördert worden, wie die Liste der Fundstücke nun offenbart.

Akribisch verzeichnen die Kontrolleure in 404 Einzelpositionen etwa das Vorhandensein einer Fettpresse, wie sie sowohl Wehrmacht als auch Bundeswehr in Benutzung hatten. Auch ein französischer Säbel aus Napoleonischer Zeit und eine Mauser-Offizierspistole aus dem Ersten Weltkrieg finden sich als Dekoration in den Kasernen. Was die mit der Wehrmacht zu tun haben, erschließt sich allerdings nicht.

Waffen und Ausrüstungsgegenstände

In der elfseitigen Liste, die tagesschau.de vorliegt, ist jede Menge Militärkitsch zu finden. Dabei handelt es sich in der Regel um Abschiedsgeschenke wie Bajonette, Patronenhülsen oder diverse unbrauchbar gemachte Waffen, die auf Holzbretter montiert und dann mit Sinnsprüchen wie "Zur Erinnerung an die Dienstzeit bei ..." versehen sind.

Darunter ist allerdings auch eine ganze Reihe von Waffen und Ausrüstungsgegenständen, die vor allem in der Wehrmacht Verwendung fanden: Bajonette, ein Tornister und auffällig oft der Karabiner 98k, die Standardwaffe der Wehrmachtssoldaten. Gleich zwei Dutzend davon wurden in den Kasernen entdeckt. Weit mehr Exemplare hätte die Ministerin allerdings direkt vor ihrer Nase finden können. Denn das Gewehr ist auch heute noch bei der Bundeswehr im Einsatz - ausgerechnet als Exerziergewehr des Wachbataillons. Wann immer also Staatsgäste aus aller Welt mit militärischen Ehren begrüßt werden, laufen sie an Bundeswehr-Soldaten vorbei, die schneidig ein Gewehrmodell präsentieren, das bei Hitlers Eroberungskriegen zum Einsatz kam. Auf die Idee, das Wachbataillon mit anderen Waffen auszustatten, ist bislang noch kein Verteidigungsminister gekommen.

Fotos von Groß- und Urgroßvätern

Regelrecht skurril wirkt die Liste der auffälligen Fundstücke an anderer Stelle. Dort sind zum Beispiel Modelle von Panzern, Schiffen und Flugzeugen - teilweise samt Herstellerangabe des Bausatzes - aufgeführt. Auch Fotos von Groß- und Urgroßvätern in der Uniform der Wehrmacht, die sich Soldaten offenbar an die Wand gehängt haben, fanden Eingang in die Liste. Genauso wie ein Foto des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform.

Helmut Schmidt im Frühjahr 1940 als Leutnant der Luftwaffe | Bildquelle: dpa
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Auch ein Foto des ehemaligen Kanzlers Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform wurde gefunden

Bei den Kontrollen der Kasernen wurden auch bauliche Gegebenheiten mit Bezug zur Wehrmacht akribisch notiert. Unter Position 359 etwa ist zu lesen: "Steinbrunnen mit Mittelsäule, auf der Spitze ein Soldat in Uniform der Wehrmacht der Ziehharmonika spielt". Auch einige Gemälde aus der Nazizeit hängen offenbar offen in den Kasernen der Bundeswehr, darunter Szenen von Luftkämpfen mit deutschen Flugzeugen samt Hakenkreuz.

Inspektion vorab angekündigt

Viel Bedenkliches haben die Untersuchungen nicht zutage gefördert. Entweder, weil es wenig zu finden gab, oder weil die Inspektion der Standorte vorab angekündigt war. So mancher Stahlhelm mit Hakenkreuz mag da noch schnell aus den Stuben verschwunden sein, mutmaßen selbst Soldaten. Dass herzlich wenig bei den Begehungen herauskommen würde, wusste wohl auch die Verteidigungsministerin schon bei ihrem persönlichen Auftritt vor dem Verteidigungsausschuss Mitte Mai. Es sei nie um eine Art Razzia gegangen, sondern nur darum, eine "Nulllinie" herzustellen, betonte sie damals. Nun könne niemand mehr behaupten, nicht zu wissen, was in den Kasernen als militärhistorisch tolerierbar und was als unkritische Bewunderung der Wehrmacht gelten müsse.

"Alles in allem wenig zufriedenstellend"

Alexander Neu, der für die Linkspartei im Verteidigungsausschuss sitzt, wundert das magere Ergebnis der Untersuchungen indes kaum. "Ich gehe davon aus, dass bei Überraschungsbesuchen in den Kasernen noch wesentlich mehr gefunden werden dürfte." Neu beklagt, dass die Militärstandorte, in denen man fündig wurde, nicht namentlich aufgeführt wurden und es auch keine Auskunft gebe, mit welcher Methode vorgegangen worden sei. Sein Fazit: "Alles in allem wenig zufriedenstellend, was die Transparenz gegenüber dem Verteidigungsausschuss anbetrifft."

Im Begleitbrief zur Liste der Fundstücke schreibt Verteidigungsstaatssekretär Markus Grübel, dass das Ergebnis der Bestandsaufnahme "ein sehr breites Spektrum vom zulässigen wissenschaftlichen Exponat im Rahmen einer gültigen militärhistorischen Sammlung bis zur verbotenen Devotionalie mit Hakenkreuz" umfasse. Nach der Begehung sind laut Grübel einige Stücke in militärhistorische Sammlungen eingegliedert, andere mit Erläuterungen versehen oder schlicht an den Eigentümer zurück gegeben worden. Auch von Verbot und disziplinaren Ermittlungen ist die Rede. Ob und in welchen Fällen dies passiert ist, darüber gibt das Ministerium allerdings keine Auskunft.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 17. Mai 2017 um 16:45 Uhr.

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