Spritze | Bildquelle: dpa

Mittel aus Tierorganen Gefährliche Frischzellen-Kuren boomen

Stand: 27.10.2015 18:00 Uhr

Frischzellen-Therapien sind fast überall auf der Welt verboten: Sie gelten als unwirksam und gefährlich. In Deutschland nicht. Dort erleben sie aber nach Recherchen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" einen neuen Boom. Hunderte Ärzte und Heilpraktiker bieten solche Behandlungen an. Die Behörden lassen sie gewähren.

Von Christian Baars, NDR

Der Blick vom Schloss Villa Ludwigshöhe streift über Weinberge hinab ins Tal. Hier in der Pfalz liegt die kleine Stadt Edenkoben, ein idyllischer Fleck, beliebt bei Touristen - auch solchen, die sich eine "Frischzellen-Kur" gönnen wollen. Sie hoffen auf Hilfe gegen Alterserscheinungen oder gegen schwere Krankheiten.

Aus Expertensicht sind Frischzellen-Behandlungen jedoch unwirksam und gefährlich. Das Schweizer Bundesgesundheitsamt spricht von "erheblichen Gesundheitsrisiken" - sogar Todesfälle seien aufgetreten. Die Therapien sind dort wie fast überall auf der Welt verboten.

Screenshot eines Youtube-Videos: Ein Frischzellen-Anbieter aus der Pfalz wirbt mit der Idylle der Weinberge.
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Ein Anbieter wirbt auf Youtube eindrücklich für die Frischzellen - mit der Idylle der Weinberge und englischen Untertiteln.

Luxuskliniken werben weltweit für Frischzellen-Kuren

In Deutschland gibt es bislang kein Verbot, Frischzellen anzuwenden. Die Therapie erlebt sogar einen neuen Boom. Hunderte Ärzte und Heilpraktiker bieten nach Recherchen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" solche Therapien an. In den vergangenen Jahren haben einige Kliniken neu eröffnet, wurden ausgebaut oder modernisiert. Einige haben sich auf zahlungskräftige Gäste aus Asien und Amerika spezialisiert, die offenbar bereit sind, Tausende oder gar Zehntausende Euro für einige Tage Frischzellen-Behandlung zu bezahlen. Manche deutschen Luxuskliniken haben Vertriebspartner in Thailand, China, Vietnam, Russland, Saudi-Arabien oder den USA. Oft locken sie mit dem Ambiente der bayerischen Alpen oder pfälzischer Weinberge.

Zwei Lämmer | Bildquelle: APN
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Möglichst jung sollen die Tiere für Frischzellen sein - am besten noch ungeboren. Aus ihren Organen werden die Präparate hergestellt.

In der 7000 Einwohner zählenden Stadt Edenkoben praktizieren gleich zwei große Frischzellen-Anbieter. Einer von ihnen ist die Villa Medica. Sie hat gerade einen neuen Besitzer bekommen - mit einer Gesellschafterin aus Thailand. Dort erfreuen sich Frischzellen-Kuren unter Reichen offenbar einer besonderen Beliebtheit. Mit bis zu 800 Patienten pro Jahr rechne die Klinik, überwiegend aus Südost- und Ostasien, teilte die Betreiberin auf Anfrage mit. Das Standardpaket koste 4500 Euro. Dafür bekommen die Kunden Spritzen mit Zellen aus Schafen gesetzt, genauer gesagt: von ungeborenen Lämmern. Trächtige Muttertiere werden geschlachtet, die Föten entnommen und aus deren Organen die Präparate hergestellt.

Helfen sollen die Mittel bei einer langen Liste von Problemen, unter anderem bei vorzeitiger Alterung, Depressionen, chronischen Organerkrankungen, Bandscheibenschäden, Herz-Kreislaufstörungen, Allergien, sexuellen Störungen und als Zusatzbehandlung bei Krebs. Patienten und Therapeuten glauben, dass die tierischen Zellen oder Zellbestandteile im menschlichen Körper ihren Weg zu erkrankten oder betroffenen Organen finden und dort eine heilsame Wirkung entfalten.

Infektionen mit tierischen Erregern

Auch der zweite Anbieter in Edenkoben, Robert Janson-Müller, hatte wie die Villa Medica lange Zeit eine eigene Schafsherde. Doch er hat seit dem vergangenen Jahr ein Problem und keine Tiere mehr. Denn bei ihm haben sich Patienten und Personal mit Q-Fieber infiziert, einer hochansteckenden Erkrankung, die von Schafen stammt und die zu Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung und auch zum Tod führen kann. Bemerkt haben das allerdings nicht deutsche Stellen, sondern die kanadische Gesundheitsbehörde.

Eine Patientin hatte sich in Edenkoben einer Frischzellen-Therapie unterzogen. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Kanada bekam sie Fieber, das neun Tage anhielt. Die Diagnose: Q-Fieber. Die Kanadier fragten deshalb in Deutschland nach, wo die Behörden erst dann nachforschten und auf einen weiteren Fall stießen. Eine 78-jährige Frau aus Bayern erlitt wenige Tage nach einer Frischzellenbehandlung eine schwere Fieber-Attacke. Zwölf Tage lang wurde sie im Krankenhaus behandelt, ohne dass die Ärzte ahnten, woran die Frau erkrankt sein könnte. Erst später - nach dem Hinweis der Kanadier - entdeckte ihr Hausarzt eine Q-Fieberinfektion. Das Tückische: Kaum ein Arzt untersucht Patienten, die Fieber haben, auf tierische Erreger.

Ende September dieses Jahres veröffentlichte zudem die US-Gesundheitsbehörde einen Bericht über fünf weitere Patienten aus dem Staat New York, die nach einer Frischzellenbehandlung im Mai 2014 an Q-Fieber erkrankten. Drei von ihnen fühlten sich noch knapp ein Jahr nach dem Ausbruch der Krankheit schlapp, hatten Schlafprobleme, Schweißausbrüche oder Schüttelfrostattacken.

Experten sprechen von erheblichen Risiken

Janson-Müller sagt, er habe die Produktion seiner Präparate mittlerweile geändert, die Injektionslösungen würden nun vor der Gabe ultrafiltriert und auf Keim- und Erregerfreiheit untersucht. Eine Infektion zum Beispiel mit Q-Fieber sei damit ausgeschlossen.

Das bezweifeln Experten. Eine Erregersicherheit zu garantieren, sei schlichtweg unmöglich, sagt etwa der Herausgeber des renommierten Arznei-Telegramms, Wolfgang Becker-Brüser. Wenn körperfremdes Eiweiß gespritzt werde, bestehe immer das Risiko, dass Infektionen übertragen würden. Außerdem könne es zu allergischen Reaktionen bis hin zu einem tödlichen Kreislaufversagen kommen, so Becker-Brüser. Das Arznei-Telegramm hat in diesem Monat eine Warnung wegen der Q-Fieber-Fälle verschickt. Es sei von einer beträchtlichen Dunkelziffer weiterer Infektionen auszugehen.

Die Villa Medica betont auf Anfrage, sie verwende keine Frischzellen im klassischen Sinne mehr, sondern nur noch abgetötete Zellen. Das müssen sie auch. Denn seit einigen Jahren ist es verboten, lebende Zellen von Tieren zu verwenden. Wohl deshalb vermeiden viele Anbieter den Begriff "Frischzellen". Sie sprechen lieber von "Organo-Therapeutika", "Organ-Extrakten" oder "Organ-Peptiden" - wie etwa die Firma Dr. Miller aus Hamburg (mehr dazu auf NDR.de).

Frischzellentherapien - unwirksam und gefährlich
C. Baars, NDR
27.10.2015 18:45 Uhr

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