Interview

Jerry Lewis und Eric Friedler | Bildquelle: NDR

Eric Friedler über seine Doku "Der Clown" Auf der Suche nach einem Kino-Mythos

Stand: 02.02.2016 17:59 Uhr

Mit Filmen wie "Das Schweigen der Quandts" und "Ein deutscher Boxer" hat sich Eric Friedler einen Namen gemacht. Nun realisierte er ein neues Projekt: "Der Clown", in dem er sich auf die Spuren des verlorenen Holocaust-Films von US-Komiker Jerry Lewis begab.

NDR: Was hat Sie zu dem Film "Der Clown" inspiriert?

Eric Friedler: Verlorene Filme, diese so genannten "lost films", sind ein Mysterium. Das Publikum kann oder darf sie nicht sehen und das erzeugt einen unglaublichen Reiz. Dieses Phänomen in der Kombination mit einem Hollywoodstar wie Jerry Lewis hat schon lange meine Fantasie beschäftigt. "The Day The Clown Cried" ("Der Tag, an dem der Clown weinte", A.d.Red.) gilt als einer der meist gesuchten Filme Hollywoods. Er wurde 1972 in Paris und Stockholm gedreht, kam aber nie ins Kino und wird seit mehr als 40 Jahren auf der ganzen Welt gesucht. Was ist damals geschehen? Wo ist der Film? Warum äußert sich Jerry Lewis nicht dazu? Diesen Fragen wollte ich nachgehen. Denn es handelt sich ja "nicht nur" um irgendeine Jerry-Lewis-Komödie, sondern um einen Film von filmhistorischer Relevanz.

NDR: Sind Sie Jerry-Lewis-Fan?

Friedler: Ich kenne natürlich viele seiner Filme, in meiner Jugend wurden sie häufig im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Aber mich hat dieser Film schon immer am meisten interessiert, weil er - Jahre vor Roberto Benginis Oscar-Gewinner "Das Leben ist schön" - zum ersten Mal die Begriffe "Clown" und "Konzentrationslager" für einen Spielfilm zusammen dachte.

alt Eric Friedler | Bildquelle: NDR/Pressebild.de/Bertold Fabric

Zur Person: Eric Friedler

Der Regisseur Eric Friedler hat viele sowohl national als auch international renommierte Preise gewonnen, u. a. den Grimme-Preis und mehrmals die World Gold Medal beim New York Film Festival. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören "Das Schweigen der Quandts" (2009), "Aghet – Ein Völkermord" (2010), "Ein deutscher Boxer" und "Nichts als die Wahrheit - 30 Jahre Die Toten Hosen" (2012) sowie "Das Mädchen - Was geschah mit Elisabeth K.?" (2014) und "The Voice of Peace - Der Traum des Abie Nathan" (2014). Seit 2011 leitet der gebürtige Australier die Abteilung Sonderprojekte für Dokudrama und Dokumentarfilm beim Norddeutschen Rundfunk.

NDR: Was erzählen Sie in "Der Clown"?

Friedler: "Der Clown" erzählt viele Geschichten. Da ist einerseits die tatsächliche Story des Films, in der Jerry Lewis als der deutsche Clown Helmut in einem Lager landet und dort dazu gezwungen wird, jüdische Kinder in die Gaskammer zu bringen. Dann gibt es die Geschichte der Filmproduktion "The Day The Clown Cried". Wo wurde gedreht, wer war im Team? Weiterhin gibt es die Geschichte der betagten schwedischen Schauspieler, die sich Zeit ihres Lebens gefragt haben, was mit dem Film geschehen ist, an dem sie vor mehr als 40 Jahren mit so vielen Hoffnungen gearbeitet haben. Dass sie noch einmal ihre Drehbücher hervorholen und dem Film von damals nachspüren, ist ein besonderes Erlebnis.

Aber nicht nur für die Schauspieler bedeuten die Dreharbeiten an "The Day the Clown Cried" eine besondere Zeit in ihrem Leben. Auch Jerry Lewis kann diesen Film nicht vergessen, wie er uns im Interview sagte. Diese Zeit lässt ihn bis heute nicht los.

"Der Clown" erzählt auch von einem frühen Versuch, den Holocaust filmisch zu bewältigen. 1972 war der Zweite Weltkrieg ja noch nicht einmal 30 Jahre her. Es sollte noch sechs Jahre bis zur US-Serie "Holocaust" dauern. Und nicht zu allerletzt erzählt der Film die Geschichte eines Künstlers, nämlich Jerry Lewis, der an einem kritischen Moment in seiner Karriere einen künstlerischen Neuanfang wagt. Mit hohem persönlichen und auch finanziellem Risiko.

"Wir durchbrechen die vierte Wand"

NDR: Welche Bedeutung haben die Filmszenen, die sie mit den alten Schauspielern gedreht haben?

Friedler: Wir erzählen die Geschichte des Films mit ihnen und machen gleichzeitig die Produktion eines Films zum Thema. Und - ganz im Sinne von Jerry Lewis, der darin ein subtiler Meister war: Wir durchbrechen mit ihnen die vierte Wand und ermöglichen den Schauspielern, aus ihren Rollen zu treten und die Zuschauer mit hinein zu nehmen in ihre persönliche Geschichte, ihre Einschätzungen, Sehnsüchte und Haltungen. Gleichzeitig dokumentieren wir das Spielen als Erinnerung und das Filmset als Tatort erzählenswerter Handlungen. Das hat also mit Re-Enactment nichts zu tun, sondern bildet eine ganz eigene filmische Form.

Zusätzlich haben wir auch den damaligen Maskenbilder Kjell Gustavson engagiert, der die Schauspieler auch damals geschminkt hat. Manche Zeitzeugen, mit denen wir gesprochen haben, kommen im Film nur kurz oder gar nicht vor: beispielsweise Lars Klettner, der damalige Tonmann, schwärmt noch heute von den Dreharbeiten mit Jerry Lewis als den besten seines Lebens - und er hat bei mehr als 100 Filmen mitgearbeitet. Diese Menschen zu treffen und ihren Geschichten zuzuhören, hat uns das Zusammensetzen eines Gesamtbildes ermöglicht.

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"Der Clown" - Jerry Lewis' nie gezeigter Holocaust-Film

Jerry Lewis

Er gilt als ein Kino-Mythos und Film-Phantom: 1972 drehte US-Komiker Jerry Lewis "The Day The Clown Cried" (Der Tag, an dem der Clown weinte"), eine Holocaust-Tragikomödie. | Bildquelle: NDR / Rune Hjelm

"Warten Sie es ab"

NDR: Wohin hat Sie Ihre Recherche geführt?

Friedler: Wir haben weltweit in Filmarchiven gesucht, sind in Las Vegas gewesen, natürlich in Schweden, wo der Film gedreht wurde, aber auch in Paris, wo wir u. a. mit dem bekannten Regisseur und Produzenten Jean-Jacques Beineix (u. a. "Diva", 1981) gesprochen haben. Er hat kurioserweise 1972 bei den Dreharbeiten zu "The Day The Clown Cried" in Paris als Regieassistent gearbeitet. Weitere Gesprächspartner in Paris waren der Oscar-Gewinner und gefeierte Komiker Pierre Ètaix, der in "The Day The Clown Cried" eine wichtige Rolle übernommen hatte und ein enger Freund von Jerry Lewis ist, sowie der berühmte Dokumentarfilmer Claude Lanzmann (u. a. "Shoah", 1985), mit dem wir über die filmische Aufarbeitung des Holocausts sprachen. In Schweden schließlich durften wir großartige Schauspieler begleiten, die 1972 bei "The Day The Clown Cried" engagiert waren und die mit ihren Drehbüchern von damals dem Film nachspüren. Dass der Film niemals ins Kino kam, hat jeden von ihnen Zeit seines Lebens beschäftigt.

NDR: Haben Sie den Film gefunden?

Friedler: Warten Sie es ab und gucken Sie sich "Der Clown" an.

Friedlers Dokumentarfilm "Der Clown" zeigt die ARD am 3. Februar um 22.45 Uhr im Ersten.

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