Interview

Interview zur Lage der Universitäten Geld ist da, aber nicht für die Lehre

Stand: 21.05.2014 16:56 Uhr

In der Forschung geht es in Deutschland bergauf. Doch das könnte sich bald ändern, denn den Hochschulen fehlt es an Geld. Hier müssten sich Bund und Länder endlich bewegen, fordert Wolfgang Marquardt vom Wissenschaftsrat im Gespräch mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Laut Forschungs- und Innovationsbericht der Bundesregierung steht es gut um den Wissenschaftsstandort Deutschland. Sehen Sie das auch so?

Wolfgang Marquardt: Ja. Wir stehen sehr gut da und haben in den vergangenen Jahren viel auf den Weg gebracht, besonders die Kooperationen zwischen Bund und Ländern waren sehr erfolgreich. Damit meine ich die wettbewerblichen Instrumente in der Exzellenzinitiative, die zusätzliche Förderung von Lehre und Studium durch den Hochschulpakt oder der außeruniversitären Forschung durch den Pakt für Forschung und Innovation.

Man kann diesen Erfolg im Bericht der Bundesregierung deutlich ablesen: Gerade 2006/2007 haben wir einen Anstieg in vielen Bereichen. Die Absolventenzahlen sind deutlich gestiegen, die Zahl der Patente ist gewachsen und es kommen immer mehr ausländische Wissenschaftler nach Deutschland. Das ist der beste Indikator für die Leistungsfähigkeit und Attraktivität unseres Wissenschaftssystems.

alt Wolfgang Marquardt

Zur Person

Wolfgang Marquardt ist Professor für Prozesstechnik der Verfahrenstechnik der RWTH Aachen. Seit 2011 ist er Vorsitzender des Wissenschaftsrates. 2001 wurde Marquardt für seine Forschungen mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

tagesschau.de: Trotzdem fehlt es den Hochschulen an Geld, wie Sie Anfang der Woche in einer Pressekonferenz beklagten.

Marquardt: Das stimmt. Die Hochschulen sind - gerade was die Lehre betrifft - unterfinanziert, weil die Grundhaushalte seit Jahren im Schnitt konstant bleiben, gleichzeitig aber die Studierendenzahlen enorm gestiegen sind. Wir haben an manchen Unis heute eine Auslastung von 120, 140 oder 160 Prozent.

Der Betreuungsschlüssel von Lehrenden zu Studierenden liegt im Durchschnitt bei eins zu 60 oder eins zu 70. An den Universitäten, mit denen wir uns weltweit vergleichen, ist der Schlüssel eins zu 20. Aber auch bei Gebäuden und Infrastruktur haben wir ein riesiges Problem. Der Altbestand muss renoviert werden, neue hochwertige Räume müssen geschaffen werden. Hier schieben wir aber einen Investitionsstau vor uns her, den die Länder aus eigener Kraft nicht finanzieren können.

"Der Lehre kommt das das Geld kaum zugute"

tagesschau.de: Aber laut Bericht sind die Ausgaben von Bund und Ländern für Forschung doch gestiegen. Wie passt das zusammen?

Marquardt: Das liegt daran, dass die Hochschulen vor allem mehr Geld für Drittmittelprojekte für die Forschung bekommen haben, die Mittel für die Grundfinanzierung aber stagnierten. Drittmittel für zusätzliche Forschungsprojekte wie beispielsweise im Rahmen der Exzellenzinitiative haben mit der Lehre in der Regel nichts zu tun. Das heißt, den Studierenden kommt dieses Geld fast gar nicht zugute.

Ein weiteres Problem ist, dass die Drittmittelprojekte in der Regel nicht ausfinanziert sind, die Universitäten müssen also für jeden Drittmittel-Euro, den sie einnehmen, noch Geld zuschießen. Und das geht wiederum auf Kosten von Lehre und Studium. Es bleibt also nur, die Not der Unterfinanzierung der Lehre durch den Einsatz von drittmittelfinanziertem Personal zu lindern, indem man die Forschungsprojekte kannibalisiert. Es ist deshalb dringend notwendig, jetzt die Grundfinanzierung an den Universitäten zu erhöhen, um die Planbarkeit und die Qualität von Lehre und Studium zu verbessern.

Infografik: Bruttoinlandsausgaben für Forschung und Entwicklung
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Der Forschungsbericht verweist auf steigende Investitionen in Forschung und Entwicklung durch Bund und Wirtschaft. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist gestiegen - von 2,51 Prozent im Jahr 2005 auf 2,98 Prozent im Jahr 2012. Das Ziel, drei Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung zu investieren, hat Deutschland dennoch knapp verfehlt.

Blockade zwischen Bund, Ländern und Parteien

tagesschau.de: Sie kritisieren eine Blockade zwischen Bund, Ländern und Parteien. Inwiefern?

Marquardt: Im Koalitionsvertrag wurde ja vereinbart, dass für den Bereich Bildung und Wissenschaft neun Milliarden für diese Legislatur im Haushalt festgelegt werden. Mit sechs Milliarden will man unter anderem die Länder entlasten. Es ist aber noch völlig offen geblieben, wo genau dieses Geld hinfließt, ob in Kitas, Schulen oder Hochschulen. Momentan gibt es dazu noch sehr unterschiedliche Positionen zwischen Bund und Ländern, beziehungsweise den Koalitionspartnern, und das führt zu einer Blockade.

tagesschau.de: Was fordern Sie?

Marquardt: Zunächst brauchen wir eine schnelle Einigung, wie die in Aussicht gestellten Investitionen im Bereich der Bildung wirklich auch umgesetzt werden. Hier muss ein beträchtlicher Teil in die Grundfinanzierung der Unis fließen. Am einfachsten wäre das zu erreichen, wenn das Kooperationsverbot im Grundgesetz abgeschafft würde. Denn momentan ist es ja so, dass der Bund die Hochschulen nicht institutionell fördern darf, weil das Ländersache ist. Der Bund kann bislang nur Projekte auf Zeit fördern.  

Wir hoffen darauf, dass Bund und Länder künftig zu einer neu geregelten Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Forschung kommen und auf dieser Basis die drei großen Pakte für Forschung und Lehre weiterentwickeln und fortführen.

Infografik: Innovationsstandort Deutschland
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Laut Bericht gehört Deutschland zu den führenden Innovationsnationen weltweit und belegt regelmäßig Spitzenplätze in internationalen Vergleichsstudien. Abzulesen ist das an einem Indikatorwert, der sich aus 25 forschungsrelevanten Einzelindikatoren zusammensetzt. In Europa zählt Deutschland demnach zu den Innovationsführern.

Das Gespräch führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

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