Seitenueberschrift
Längere Flugdienstzeiten
Piloten warnen vor Unfallrisiko am Himmel
Nach 22 Stunden ohne Schlaf noch landen müssen: Ein Albtraum, der für tausende Piloten bald zur Realität werden könnte. Geht es nach der europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA, sollen deren Dienstzeiten drastisch erhöht werden. Die Pilotenvereinigung "Cockpit" warnt vor dramatischen Folgen für die Sicherheit des Flugverkehrs.
Von Lothar Lenz, WDR, ARD-Hauptstadtstudio
Ein Flug von Berlin nach, sagen wir, Barcelona für 69 Euro. Welches Recht erwirbt ein Passagier eigentlich mit seinem Ticket? Das Recht auf einen pünktlichen Abflug? Auf einen Tomatensaft an Bord? Oder auf eine Landung auf dem ausgedruckten Flughafen? Nein, sagt Ilja Schulz, der Präsident der Pilotenvereinigung Cockpit. Wirklich entscheidend sei etwas viel Wichtigeres: "Das Recht, das der Passagier erwirbt mit dem Kauf seines Tickets, ist vor allem das Recht auf einen sicheren Flug."
Aber den werde keine Fluggesellschaft mehr garantieren können, wenn die neuen Arbeitszeiten für Piloten in Europa tatsächlich umgesetzt würden. Deutliche Worte vom Cockpit-Chef - die Pilotengewerkschaft schlägt Alarm: Schon heute gehe in der Berufsluftfahrt mindestens jeder fünfte Zwischenfall am Boden oder in der Luft auf übermüdete Piloten zurück, sagt Schulz.
Längere Arbeitszeiten lebensgefährlich
Zurzeit dürfen Piloten auf Kurz- und Mittelstrecken innerhalb Europas maximal 14 Stunden im Cockpit sitzen - tagsüber. Nachts sind nur zehn Stunden am Stück erlaubt - dann muss der letzte Flug der Schicht beendet sein oder ein Kollege den Piloten im Cockpit ablösen. Nach dem Entwurf der europäischen Agentur für Flugsicherheit, kurz EASA, sollen Piloten künftig deutlich länger am Steuerruder sitzen dürfen. Vor allem die geplanten Arbeitszeiten in der Nacht - die Rede ist von elf bis 13 Stunden - hält die Vereinigung Cockpit schlicht für lebensgefährlich.
Ilja Schulz sagt dazu: "Jede zusätzliche Stunde, eigentlich jede zusätzliche Minute, die man verbringt, fallen einem die Augenlider etwas mehr zu; es wird schwieriger, gegen die Übermüdung anzukämpfen. Die Wissenschaftler sagen, dass man bis zu 80 Prozent seiner Reaktionsfähigkeit und seines Leistungsvermögens verliert. Und das ist natürlich nicht mehr sicher", kritisiert der Cockpit-Vorsitzende.
Längere Arbeitszeiten im Cockpit? Piloten sorgen sich um Sicherheit
L. Lenz, ARD Berlin
01.10.2012 17:03 Uhr
Denn am Ende des Fluges, wenn das Flugzeug also landet und die meisten Passagiere erleichtert sein dürften, müssen die Piloten noch einmal ihre ganze Konzentrationsfähigkeit zusammennehmen: "Landungen im Nebel, bei Schneefall oder bei Herbstgewittern lassen keinen Spielraum für Erschöpfung", warnt Schulz.
Entscheidung in Brüssel im Sommer 2013
Im Sommer nächsten Jahres soll der Arbeitszeitentwurf der Behörde EASA für die Piloten in Kraft treten - wenn der Europäische Rat und das Parlament dem Papier zustimmen. Die Vereinigung Cockpit, die rund 8500 Piloten vertritt, will alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um längere Arbeitszeiten für Flugkapitäne und Co-Piloten zu verhindern. Die Wirtschaftlichkeit von Fluggesellschaften dürfe niemals Vorrang haben vor der Sicherheit. Und schon heute könne fast jeder Pilot davon berichten, dass er nach einem anstrengenden Arbeitstag im Cockpit eingenickt sei oder den Kollegen neben sich habe wecken müssen.
Stand: 01.10.2012 19:09 Uhr
