Ein syrisches Mädchen wird über einen Grenzzaun gehoben | Bildquelle: AFP

Pilotprojekt startet in Hessen Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Stand: 28.01.2016 14:23 Uhr

Flüchtlingen nach traumatischen Erlebnissen helfen - dieses Ziel hat sich das hessische Pilotprojekt gesetzt, das heute vorgestellt wurde. Etwa die Hälfte der Flüchtlinge dürfte solche Hilfe brauchen - eine gewaltige Aufgabe für Ärzte, Therapeuten und Sozialarbeiter.

Von Ute Welty, tagesschau.de

Es geht immer noch schlimmer. Diese Erfahrung hat Jan Ilhan Kizilhan machen müssen, nach vielen Gesprächen mit jesidischen Frauen im Nordirak. Seit Herbst 2014 fliegt der Orientalist und Psychologe regelmäßig dorthin. Im Rahmen eines Sonderprojekts des Landes Baden-Württemberg untersucht Kizilhan die Opfer von Überfällen des selbsternannten Islamischen Staats: vergewaltigte Frauen, gefolterte Kinder.

Baden-Württemberg hatte beschlossen, rund 1000 dieser Menschen aufzunehmen und stellt dafür innerhalb von drei Jahren 95 Millionen Euro zu Verfügung. Kizilhan nimmt vor Ort eine erste Begutachtung vor. Oft genug erfährt er von unermesslichem Leid.

Jesidische Mädchen und Frauen
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Mit dem Verkauf jesidischer Mädchen und Frauen als Sex-Sklavinnen füllt die Terrormiliz IS ihre Kriegskasse.

Entscheidend aber für die Teilnahme am Projekt sind klare Kriterien. Unter anderem muss die Wahrscheinlichkeit groß sein, dass therapeutische Maßnahmen in Deutschland greifen. Kizilhan schränkt ein: "Eine alte Frau zum Beispiel ist womöglich nicht mehr in der Lage, sich an die völlig andere Kultur zu gewöhnen. Wer innerlich nicht Fuß fasst, ist vermutlich auch für eine Therapie nicht zugänglich."

Stichproben verheißen nichts Gutes

Auch in anderen Bundesländern sieht man die Notwendigkeit, traumatisierte Flüchtlinge zu behandeln. Bernd Langer vom Psychiatrieausschuss in Sachsen-Anhalt bezweifelt aber, dass das Land auf diese Aufgabe richtig vorbereitet ist: "Unsere Erkenntnisse über den Behandlungsbedarf sind noch unzureichend. Was wir wissen: Die beiden psychosozialen Zentren in Halle und Magdeburg können die Aufgabe nicht allein bewältigen. Das konnten sie auch schon vor der enormen Steigerung der Flüchtlingszahlen nicht."

Wie viele Menschen Hilfe brauchen, lässt sich nur erahnen. Aber erste Indizien nach einer Stichprobe in der psychiatrischen Sprechstunde der Dresdener Universitätsklinik legen nahe, dass es enormen Handlungsbedarf gibt. Danach erfüllte die Hälfte von 23 untersuchten Flüchtlingen die Kriterien für die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Zu den Kriterien zählen Symptome wie Flashbacks, Reizbarkeit und Schlafstörungen, die innerhalb von sechs Monaten nach einem belastenden Ereignis auftreten. Aber auch nach Jahren kann es zum Teil zu behandlungsbedürftigen Beeinträchtigungen kommen.

Was ist ein Trauma?

Das Wort "Trauma" kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Verletzung". Ein Trauma kann durch Naturkatastrophen, Terrorangriffe, aber auch durch einen schweren Verkehrsunfall ausgelöst werden. Solche Ereignisse führen fast bei jedem Menschen zu extremen Stress, Hilflosigkeit und Entsetzen.

Zeigen sich unmittelbar nach dem Ereignis Symptome wie Betäubtheit oder Gefühlsschwankungen, sprechen Psychologen von einer Akuten Belastungsreaktion, die meist nach kurzer Zeit von allein abklingt. Halten die Symptome länger an, kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung PTBS mit Flashbacks, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit und Gleichgültigkeit entwickeln. Womöglich sind Betroffene nicht mehr in der Lage, sich gesellschaftskonform zu verhalten und werden zum Beispiel in Stresssituationen gewalttätig.

Ob und wie Menschen reagieren, hängt von der Persönlichkeitsstruktur, dem Umfeld oder auch vom Alter ab. Sehr junge und sehr alte Menschen haben ein hohes Risiko, an PTBS zu erkranken.

Asylsuchende stärker belastet

In Marburg haben Wissenschaftler im Rahmen einer zweijährigen Untersuchung rund 140 Flüchtlinge befragt, unter anderem aus Syrien, Afghanistan, Somalia und Eritrea. Fast alle hätten vor oder auf ihrer Flucht traumatische Erfahrungen gemacht. Studienleiterin Ricarda Nater-Mewes musste feststellen, dass Asylsuchende um ein Vielfaches stärker belastet seien als die deutsche Vergleichsgruppe.

Die Ergebnisse der Untersuchung seien aber nicht eins zu eins auf alle Flüchtlinge zu übertragen, betont die Diplom-Psychologin: "Es gibt auch Schutzfaktoren." Nater-Mewes verweist auf soziale Unterstützung auch in der erweiterten Familie oder durch die sogenannte Selbstwirksamkeitserwartung, die schon im Kindesalter erworben wird. "Positive Erlebnisse führen dazu, dass Menschen von sich erwarten, dass sie ein Ziel erreichen und dass sie das durch ihr Verhalten beeinflussen können“, so Nater-Mewes.

Gefahr von Abhängigkeiten

Nicht in allen Fällen wirken solche Schutzfaktoren. So warnt die Koordinationsstelle Sucht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe davor, dass Flüchtlinge mit schrecklichen Erfahrungen besonders anfällig dafür seien, von Drogen, Medikamenten oder Alkohol abhängig zu werden.

"Oftmals steckt dahinter der Versuch, ihre Leiden zu lindern, etwa Schlaflosigkeit durch wiederkehrende Alptraumbilder", erklärt Eike Leidgens von der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum. Er weist aber auch darauf hin, dass zum Teil auch Verständigungsschwierigkeiten zwischen Arzt und Patient zum falschen Gebrauch von Medikamenten führen könne.

Drogenmissbrauch: Tabletten | Bildquelle: picture alliance / JOKER
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Die Gefahr ist groß, dass Flüchtlinge zu Tablettten, Drogen oder Alkohol greifen, um sich von ihren traumatischen Erfahrungen abzulenken.

Die Kölner Psychologin Brigitte Brand-Wilhelmy sieht die Gefahr, dass sich ein regelrechter Teufelskreis entwickelt. Nach ihren Erfahrungen können sich traumatische Erfahrungen nämlich negativ auf das Sprachlernvermögen von Flüchtlingen auswirken. "Das Kurzzeitgedächtnis kann beeinflusst sein", sagte die Leiterin des Therapiezentrums für Folteropfer, "das macht es Flüchtlingen schwer, Deutsch zu lernen."

Ihr Zentrum betreut pro Jahr rund 900 Flüchtlinge mit Traumaerfahrungen. Die Patienten nähmen die psycho- und sozialarbeiterischen Hilfestellungen bis zu vier Jahre lang in Anspruch, so Brand-Wilhelmy und beklagt, dass das Angebot bei weitem nicht ausreiche.

Zu wenige Plätze, zu wenig Personal

Das Therapiezentrum ist eine Einrichtung des Caritas-Verbands Köln und ging 1985 aus einem Modellprojekt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen UNHCR hervor. Flüchtlingen soll hier eine gesundheitliche und psychotherapeutische Versorgung zukommen. Dabei ist das Zentrum auf Spenden angewiesen.

Caritas-Vorstand Peter Krücker fordert, dass Therapiezentren als Kompetenzzentren anerkannt werden und ihre Kosten über die Krankenkassen abzurechnen können: "Die therapeutische Behandlung von Flüchtlingen muss zur Regelleistung werden."

Caritas und andere Organisationen brauchen nicht nur Geld, sondern auch geschultes Personal. Selbst erfahrene Sozialarbeiter stoßen bei der Betreuung von Flüchtlingen an ihre Grenzen. Zum Teil differieren die Betrachtungen von Krankheit erheblich und vermischen sich mit religiösen Vorstellungen bis hin zum Aberglauben. Die Hochschule Würzburg-Schweinfurt bietet deswegen spezifische Lehrgänge an, die auf die Bedürfnisse von Migranten und auch auf die von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen eingehen.

Deutschland wenig vorbereitet

Insgesamt sei das deutsche Gesundheitssystem schlecht auf Migranten und Flüchtlinge eingestellt, erklärt der Psychologe und Gesundheitsforscher David Ingleby von der Universität Amsterdam. Das gelte vor allem für die, die sich illegal in Deutschland aufhielten. Im internationalen Vergleich hinke Deutschland hinterher. Dabei entstünden durch das Verschleppen von Krankheiten hohe Kosten.

Walter Bruchhausen, Theologe und Medizinethiker an der RWTH Aachen, bestätigt das. Es sei auch falsch zu erwarten, dass Menschen, die in anderen Kulturen aufgewachsen seien, über traumatische Erlebnisse so berichteten wie etwa Europäer.

Die Bereitschaft von Flüchtlingen, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen, könnte mit den geplanten Gesetzesänderungen weiter sinken. War es in der Vergangenheit so, dass Kranke und auch psychisch Kranke nicht abgeschoben wurden, sollen in Zukunft die Patienten nachweisen, warum ihre Erkrankung gegen eine Abschiebung spricht.

Wulf Dietrich, Vorsitzender des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte lehnt das ab: "Wir sind der Ansicht, dass Personen, die nicht in der Lage sind, über die Ursachen ihres Traumas zu sprechen, nicht in das Land abgeschoben werden können, in dem sie durch Folter traumatisiert wurden."

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UNICEF-Foto des Jahres 2015

Unicef Bild des Jahres 2015

Das Siegerfoto des internationalen Fotowettbewerbs "UNICEF-Foto des Jahres 2015" zeigt die schiere Verzweiflung von Flüchtlingskindern an der griechisch-mazedonischen Grenze. Der Fotograf Georgi Licovski hielt den Augenblick fest, als dort am 21. August 2015 zwei Kinder zwischen vordringenden Menschenmassen und Grenztruppen von ihren Eltern getrennt wurden. | Bildquelle: EPA

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