Ein Mann stützt seinen Kopf in seine Hände

Suizide von Flüchtlingen Verzweifelt fern der Heimat

Stand: 15.03.2017 01:43 Uhr

Mehr als 400 Flüchtlinge in Deutschland haben seit 2014 versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Auf Behandlungsmethoden wie Psychotherapien haben sie nur einen eingeschränkten Anspruch.

Von Anna Wulffert für tagesschau.de

Adel Kharbout knackt mit den Fingerknöcheln, wenn er von seinem Freund Amra (Name von der Red. geändert) erzählt. Amra, der immer beim Kartenspielen dabei war. Amra, den er und seine Freunde "Vater der Schuhe" nannten, weil er acht oder neun Paar Turnschuhe besaß. Amra, den er eines Nachts im letzten Herbst von den Bahngleisen in Leipzig-Grünau hieven musste, weil er sonst von der heranrollenden S-Bahn erfasst worden wäre.

Amra kommt aus Aleppo und war mit seiner Familie 2014 in die Türkei geflohen, wo sie einige Zeit blieben. Sein Cousin schwärmte ihm von Deutschland vor, so dass sich Amra schließlich auch auf den Weg dorthin machte. Seine Frau und seine drei Kinder sollten später nachkommen. Doch sie kamen nie an.

Stattdessen saßen sie monatelang an der griechisch-mazedonischen Grenze fest. Der Familienvater machte sich Vorwürfe: Er ärgerte sich, dass er überhaupt nach Deutschland gekommen war und schon so viel Geld ausgegeben hatte. Amra vermisste seine Familie und fing an, Alkohol zu trinken. "Manchmal schrie er die Namen seiner Kinder", erinnert sich der 19-jährige Kharbout.

Seinen ersten Suizidversuch unternahm Amra mit dem Messer, an seinen Handgelenken. Seine Mitbewohner im Flüchtlingsheim fanden ihn noch rechtzeitig.

Nur wenige Länder erfassen Suizidversuche

In den Jahren 2014 bis 2016 unternahmen mindestens 433 Flüchtlinge in Deutschland einen Suizidversuch. 19 Versuche endeten tödlich. Die tatsächliche Anzahl der Suizidversuche dürfte weitaus höher liegen, denn die wenigsten Bundesländer erfassen, wie viele Flüchtlinge sich das Leben nehmen oder es versuchen - weder in den Asylunterkünften noch außerhalb davon.

Die vorliegenden Zahlen basieren meist auf Einzelfallerkenntnissen oder der Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik. Das Saarland, Thüringen, Baden-Württemberg, Berlin und Rheinland-Pfalz erfassen überhaupt keine Daten.

"Keine statistisch auffällige Größenordnung"

Eine Statistik werde nicht geführt, weil bei den Suizidversuchen eine klare Definition schwierig sei, sagt Pressesprecherin Eveline Dziendziol von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), die in Rheinland-Pfalz die Erstaufnahmeeinrichtungen betreibt. Zum Beispiel, wenn jemand eine Überdosis Tabletten nehme und nach seiner Rettung behaupte, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Anderseits komme es auch zu Fällen, in denen sich jemand absichtlich verletze, um Forderungen durchzusetzen - etwa für eine bessere Unterbringung. Die Erfahrung und häufig auch die Schwere der Verletzungen, die meistens nicht lebensgefährlich sind, sprächen dann dafür, dass es sich eben nicht um einen Selbstmordversuch gehandelt habe.

In Sachsen wurden die Daten erst nach einer Kleinen Anfrage der Linkspartei erhoben. Handlungsbedarf jenseits bestehender Maßnahmen sieht das sächsische Innenministerium angesichts der Suizide aber nicht. Laut Statistik sei mit 4,55 erfolgreichen Suiziden zu rechnen gewesen, tatsächlich seien sieben Fälle zu beklagen gewesen. Es handele sich nicht um eine statistisch auffällige Größenordnung, erklärt Jan Meinel.

Viele Gründe für Suizidversuche

Psychologin Corinna Klinger und Sozialpädagoge Janko Kunze
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Psychologin Klinger und Sozialpädagoge Kunze beraten Flüchtlinge.

Im Psychosozialen Zentrum Leipzig (PSZ Leipzig) werden Flüchtlinge beraten und behandelt - auch Fälle, die dem Amras ähneln, sind dem Sozialpädagogen Janko Kunze bekannt: "Wenn der Vater es nach Deutschland geschafft hat, aber die Familie noch in Syrien oder in einem anderen Land sitzt, wirkt sich das sehr stark belastend auf die Menschen aus."

Die konkreten Gründe für Suizidgedanken und -versuche seien vielseitig, erklärt Psychologin Corinna Klinger. "Sie stehen auch häufig in Zusammenhang mit dem Aufenthalt, mit der unklaren Situation - insbesondere mit der extremen Angst vor einer erzwungenen Rückführung und der erneuten Konfrontation mit Tätern vor Ort." Auch "Perspektivlosigkeit, Verzweiflung, oder die Situation in einer Asylunterkunft können ausschlaggebend sein," so die Psychologin.

Dazu kommen laut Kunze "zum Teil auch rassistisch motivierte Anfeindungen oder Übergriffe in Deutschland". Doch die Ursachen seien nicht nur hier zu finden. "Die fangen eben im Heimatland an. Genauso sind aber auch Erfahrungen prägend, die auf dem Fluchtweg gemacht werden."

Im Ermessensspielraum der Behörde

Nach Angaben der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer leiden schätzungsweise 30 bis 40 Prozent aller in Deutschland ankommenden Flüchtlinge unter einer Traumafolgestörung, zum Beispiel in Form einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Laut dem aktuellen Versorgungsbericht des BAfF haben Asylsuchende in den ersten 15 Monaten aber nur einen eingeschränkten Anspruch auf Gesundheitsleistungen. Vor allem die Bewilligung von Psychotherapien liege "im Ermessen der zuständigen Sozialbehörde". Die Kriterien, nach denen die Sachbearbeiter die Fälle prüften, seien unklar. Psychotherapien würden trotz medizinischer Indikation häufig abgelehnt.

Vor die S-Bahn gesprungen

Als Amra im Herbst 2016 auf die Gleise vor die in der Ferne anrollende S-Bahn sprang, konnte Kharbout ihn mit der Hilfe von zwei Passanten retten. Sie zogen ihn auf den Bahnsteig, wo Adel den 15 Jahre älteren Freund beruhigte und ihm Wasser gab. Danach begleitete er ihn zurück in die Unterkunft.

Etwa zwei Monate später sahen sie sich zum letzten Mal. "Ich hatte ihm ein Flugticket nach Griechenland gebucht", erzählt Adel. Obwohl er ihm abgeraten hatte, dorthin zu fliegen, denn "du kannst dann nicht mehr zurückkommen." Seither hat er nichts mehr von Amra gehört.

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