Flüchtlinge warten in Berlin bei frostigen Temperaturen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) | Bildquelle: dpa

Unterkünfte für Flüchtlinge "Wetterfest, aber nicht winterfest"

Stand: 04.01.2016 17:51 Uhr

Hamburg, Bremen oder Hessen - in einigen Regionen lebten vor einigen Monaten noch Tausende Flüchtlinge in Zelten. Nun ist der Winter da, die Nächte sind teils klirrend kalt. Wie winterfest sind die Flüchtlinge untergebracht? tagesschau.de gibt einen Überblick.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

"Die Kommunen haben sich bemüht, alles zu tun, damit kein Flüchtling frieren muss", sagt Alexander Handschuh vom Städte- und Gemeindebund. Dennoch sei die Unterbringung der Flüchtlinge lange noch nicht ideal für den Winter - etwa in Sporthallen oder Traglufthallen. "Aufgrund der hohen Zahl konnten nicht alle so untergebracht werden wie es wünschenswert gewesen wäre", sagt Handschuh. Er bezeichnet die Situation als weiterhin angespannt.

Hamburg: Evakuierung an Silvester

In Hamburg lebten im Herbst noch Tausende Flüchtlinge in Zelten. Im September waren so noch etwa 3000 Menschen untergebracht - nur 400 Zelte waren winterfest. Damals nannte die Hansestadt die Zielvorgabe: Die Menschen müssen bis zum ersten Frost aus den einfachen Zelten raus.

Seit Silvester wurden nun alle nicht winterfesten Zelte evakuiert. In der Zentralen Erstaufnahme in der Hamburger Schnackenburgsallee waren insgesamt 982 Flüchtlinge in Zelten untergebracht. Sie schlafen nach Angaben des Hamburger Koordinierungsstabs für Flüchtlinge nun alle in winterfesten Containern oder Hallen.

An zwei weiteren Standorten stehen insgesamt sechs winterfeste Bundeswehrzelte. Dort gebe es der Stadt zufolge keine witterungsbedingten Probleme. "Die Zelte sind warm und trocken." Bei der Stadt heißt es daher, der Wintereinbruch bereite aktuell keine großen Sorgen. Hinzu komme, dass die Zahl der Flüchtlinge abnehme. Über die Feiertage kamen durchschnittlich rund 100 Menschen pro Tag, in Spitzenzeiten waren es rund 600 Flüchtlinge gewesen.

NRW: Leichtbauhalle als letzte Option

In Nordrhein-Westfalen sei die Lage ebenfalls "momentan sehr entspannt", sagt Benjamin Hahn von der Bezirksregierung Arnsberg, die die Flüchtlingsunterbringung für das Bundesland koordiniert. NRW habe zu Spitzenzeiten in der Woche 16.000 Flüchtlinge aufgenommen, über Weihnachten und Silvester seien wöchentlich nur etwa 8000 bis 8500 Flüchtlinge nach NRW gekommen.

33.000 Flüchtlinge sind in Landeseinrichtungen untergebracht. Diese seien winterfest, sagt Hahn gegenüber tagesschau.de. Aktuell seien davon 2500 Flüchtlinge - also weniger als jeder Zehnte - in Leichtbauhallen untergebracht. Diese sind zwar zeltartig, seien aber ähnlich isoliert wie Container und könnten auch Schnee tragen. Sie haben Heizungen und Fußbodendämmung. Dennoch seien diese Hallen nur die letzte Option, man versuche, die Flüchtlinge vor allem in Immobilien unterzubringen. So ist etwa die zentrale Unterbringung in Duisburg - ein leer stehendes Krankenhaus - relativ voll.

Niedersachsen: Zelte mit zweiter Außenhaut

In Niedersachsen sind derzeit in zwei Erstaufnahmeeinrichtungen Flüchtlinge in Zelten untergebracht: in Braunschweig und in Bramsche. In Braunschweig leben 520 Flüchtlinge in zwölf winterfesten Zelten, in Bramsche 40 Flüchtlinge, sagt der Sprecher der niedersächsischen Landesaufnahmebehörde, Stefan Pankratowitz, gegenüber tagesschau.de. Die Zelte seien alle beheizt und mit einer zweiten Außenhaut versehen, "Zimmertemperatur" etwa 22 Grad. "Keiner muss frieren", sagt Pankratowitz. Die Lage habe man im Griff.

In der Erstaufnahme in Friedland im Landkreis Göttingen stehen mittlerweile die Zelte leer. Abgebaut werden sollen sie aber nirgends in Niedersachsen. "Solange der Zustrom relativ hoch ist, benötigen wir die Zelte noch", sagt Pankratowitz. Derzeit kommen etwa 400 bis 700 Flüchtlinge pro Tag in Niedersachsen an. Zu Spitzenzeiten waren es 1500.

Bremen: Zelte bei Minusgraden

In Bremen sind aktuell etwa 1300 Flüchtlinge in Zelten untergebracht. "Alle diese Zelte sind wetterfest, aber nicht winterfest", so Bernd Schneider, Sprecher der Bremer Sozialsenatorin. Es seien unterschiedliche Typen im Einsatz. Alle Zelte seien beheizt und mit Holzböden isoliert. Zusätzlich sind Isolierwände eingezogen. "Die derzeitigen Minusgerade sind damit zu bewältigen", sagt Schneider gegenüber tagesschau.de. 300 Flüchtlinge wurden vorübergehend aus Zelten in ein Schulgelände verlegt, weil die Heizung nicht auf voller Leistung lief und eine Wasserleitung eingefroren war.

Derzeit werden Leichtbauhallen mit rund 400 Plätzen gebaut. Sie sollen in diesen Wochen allmählich belegt werden. "Bei den derzeitigen Temperaturen sehen wir kein großes Problem, so lange uns die Technik nicht im Stich lässt", sagt Schneider.

Handwerker bauen insgesamt zehn winterfeste Zelte für Flüchtlinge in der Überseestadt von Bremen auf. | Bildquelle: dpa
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Handwerker bauen insgesamt zehn winterfeste Zelte ...

Handwerker bauen insgesamt zehn winterfeste Zelte für Flüchtlinge in der Überseestadt von Bremen auf. | Bildquelle: dpa
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... für Flüchtlinge in der Überseestadt von Bremen auf.

Hessen: Kasernen und Hallen

Noch im Oktober lebten in Hessen 7500 Flüchtlinge in Zelten, Anfang Dezember waren es noch mehr als 3000. Seit dem 21. Dezember sind alle Flüchtlinge in Hessen in winterfeste Unterkünfte umgezogen. Knapp 90 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte bestehen aus festen Liegenschaften wie Kasernen, Gebäuden und Hallen; ein geringer Anteil besteht aus Holzhäusern, Containern und Leichtbauhallen.

Auch die aktuell durchschnittlich 400 bis 500 Flüchtlinge, die pro Tag neu in Hessen eintreffen, können nach Angaben des Sozialministeriums in feste Unterkünfte einziehen.

Berlin: "Warm und sichere Unterkünfte"

Seit Anfang 2015 kamen den Behörden zufolge 80.000 Flüchtlinge nach Berlin. Zu Spitzenzeiten waren es bis zu 900 pro Tag, am Sonntag waren es lediglich 179 Menschen.

"In Berlin sind alle Flüchtlinge in festen Unterkünften", sagt Sascha Langenbach von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales im Gespräch mit tagesschau.de. Auch wenn Unterkünfte wie in einer Turnhalle nicht toll seien, so seien sie zumindest warm und sicher. "In Berlin muss kein Flüchtling frieren", sagt er. Im ehemaligen Flughafen Tempelhof seien aktuell 2000 Menschen in drei Hangars untergebracht.

Helfer versorgen in Berlin wartende Flüchtlinge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) mit Heißgetränken | Bildquelle: dpa
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Helfer versorgen in Berlin wartende Flüchtlinge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales bei frostigen Temperaturen mit Tee.

Kritischen Berichten über den Ansturm auf das Lageso, das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, widerspricht Langenbach. Die Lage sei entspannter als sonst gewesen, die Menschen hätten in beheizten Zelten gewartet. Medien hatten berichtet, dass dort schon in der Nacht von Sonntag auf Montag Hunderte Asylbewerber in klirrender Kälte ausgeharrt hätten. Man habe schon lange mit Sprachvermittlern immer wieder versucht, den Flüchtlingen zu erklären, dass es keinen Sinn mache, sich mitten in der Nacht am Lageso anzustellen und dass sich auch nicht die ganze Familie anstellen müsse - bislang offenbar erfolglos.

Bayern: Winterfeste Container und Holzhäuser

In Bayern sind alle Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen winterfest untergebracht, so die Angabe des Sozialministeriums. In München etwa galten Zelte bereits im Herbst als No-Go - und dabei ist man geblieben. In der bayerischen Landeshauptstadt sind 5500 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in speziellen Jugendhilfe-Einrichtungen untergebracht. Für alle anderen Flüchtlinge gilt das Ziel, sie in Gemeinschaftsunterkünften wie Containern oder Holzhäusern unterzubringen. Dort sind derzeit 3000 Menschen untergebracht. Doch von der Entscheidung bis zum Einzug der Flüchtlinge könne es bis zu neun Monate dauern. Aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen habe München deswegen Überbrückungsunterkünfte eingesetzt, erklärt Ottmar Schader vom Münchner Sozialreferat gegenüber tagesschau.de.

Darunter fallen Gewerbeimmobilien, die München umgebaut hat, und neu errichtete Leichtbauhallen. In Gewerbeimmobilien sind derzeit 3340 Flüchtlinge untergebracht, in Leichtbauhallen 555 Flüchtlinge. "Der Vorteil ist, dass Leichtbauhallen sehr schnell zu errichten sind", erklärt Schader. Die Unterkünfte seien gedämmt sowie sturm- und schneefest. Der Standard sei vernünftig, aber nicht so gut wie in Containern. Dort könnten die Flüchtlinge etwa selbst kochen.

Flüchtlinge an der österreichisch-deutschen Grenze | Bildquelle: dpa
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Registrierung der Neuangekommenen in einem Zelt am Bahnhof von Passau (November 2015).

In diesem Jahr sollen 6000 Plätze in Gemeinschaftsunterkünften fertig werden. Insgesamt habe man die Lage in München im Griff, suche aber laufend weiter nach neuen Unterkünfte. "Zelte wird es nicht geben", sagt Schader.

All diese Zahlen sind nur Bestandsaufnahmen. Schon in kürzester Zeit könnte sich die Situation wieder ändern. Aktuell geht die Bundespolizei im Schnitt von etwas mehr als 3000 Migranten aus, die täglich nach Deutschland kommen. Die Zahl ist relativ konstant: Am 3. Dezember waren es 3169, am 3. Januar 2016 3189 Migranten.

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