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Integration der Flüchtlinge "Massenmigration führt immer zu Problemen"

Stand: 10.09.2015 15:05 Uhr

800.000 Flüchtlinge und Asylbewerber wird Deutschland vermutlich in diesem Jahr aufnehmen. Die meisten sprechen die deutsche Sprache nicht. Die wenigsten haben Ausbildung oder Beruf. Die Herausforderungen sind immens.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Mit Jubel, Applaus und "Willkommen"-Plakaten haben Menschen in Deutschland in den vergangenen Tagen ankommende Flüchtlinge empfangen. Sie brachten Pakete mit Kleidung, Lebensmitteln und Spielzeug. In Bürgerinitiativen und Hilfsprojekten kümmern sich Tausende Ehrenamtliche um die Angekommenen, helfen bei Behördengängen, organisieren Dolmetscher und Deutsch-Unterricht.

Nach einer erschütternden Reihe von fremdenfeindlichen Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte herrscht Aufnahmestimmung in Deutschland. Aber wie lange wird die Solidarität anhalten? Welche Probleme werden bei der Integration Hunderttausender Menschen, viele von ihnen aus muslimischen Ländern, auf uns zukommen?

Am wichtigsten: rasch die deutsche Sprache lernen

"Die Ereignisse der vergangenen Wochen, die Aktionen gegen Brandanschläge, gegen eine  aufkommende Pogromstimmung, für eine menschenwürdige Aufnahme der Flüchtlinge sind außerordentlich erfreulich und Mut machend", sagt der Historiker Ulrich Herbert von der Universität Freiburg. "Allerdings darf das nicht über die massiven Probleme hinwegtäuschen, die Massenmigration, insbesondere Armutsmigration, immer mit sich bringt."

Das Wichtigste für eine erfolgreiche und rasche Integration - da sind sich alle Experten einig - ist der Spracherwerb. Doch die meisten der Flüchtlinge und Asylbewerber, die langfristig in Deutschland bleiben werden, kommen aus Krisenländern wie Syrien, dem Irak oder Eritrea, in denen Krieg  oder politische Verfolgung  herrscht. Gerade sie haben oft keinerlei Sprachkenntnisse. In den Schulen mangelt es an Lehrern, um Kinder genügend zu fördern. Hinzu kommt: Der Sprachunterricht, auch für Erwachsene, beginnt oft erst nach Monaten, da verpflichtende Kurse erst greifen, wenn die Asylverfahren abgeschlossen sind.

Zwei Drittel haben keinen Berufsabschluss

Ohne gute Deutschkenntnisse gehen die Aussichten, eine Ausbildung oder Arbeit zu finden, aber gegen Null. Dabei sind nach Ansicht von Integrationsforschern gute Bildung und Arbeit der Schlüssel zu einer gelingenden Integration. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einer Stichprobe herausgefunden, dass langfristig nur 55 Prozent der Flüchtlinge und Asylbewerber, die in Deutschland bleiben, erwerbstätig sind. Bei den vor kurzem Eingereisten liegt die Quote nach IAB-Schätzungen deutlich darunter, bei etwa 30 Prozent.

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Alles hängt davon ab, schnell die deutsche Sprache zu lernen.

Das hat auch damit zu tun, dass ein Großteil der Asylbewerber und Flüchtlinge schlecht ausgebildet sind. Zwar gibt es dazu bislang noch keine repräsentativen Daten, das IAB kam in einer Stichprobe aber zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel der Befragten keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Nur 13 Prozent haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium, 24 Prozent einen mittleren Bildungsabschluss.

Nahles: "Der syrische Arzt ist die Ausnahme."

Auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles sieht das Problem. Die Sozialhilfe-und Hartz-IV-Ausgaben würden wegen der Zuwanderer im kommenden Jahr voraussichtlich um zwei Milliarden Euro steigen. "Wir werden die Kosten nur im Griff behalten, wenn wir aktiv eingreifen", sagte die Ministerin. Sie plane deshalb weitere 600 Millionen bis 1,1 Milliarden Euro ein, um die Beschäftigungschancen für Flüchtlinge zu erhöhen.

Modellprojekte zur Arbeitsförderung unter Flüchtlingen zeigten, dass nur jeder Zehnte die Voraussetzungen mitbringe, um direkt in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden zu können: "Der syrische Arzt ist nicht der Normalfall", sagte Nahles. Neben dem Erlernen der Sprache bräuchten viele Flüchtlinge ergänzende Qualifizierungen, oft aber auch eine Erstausbildung.

Die Gefahren: Ghettobildung, Radikalisierung

Die Probleme sind absehbar: "Wenn ein hoher Anteil der Asylbewerber keine Arbeit findet, wenn es erneut, wie beispielsweise in Berlin-Neukölln, zu Ghettobildung kommt, wird das zu Aufnahme- und Integrationsschwierigkeiten führen", sagt Ulrich Herbert im Gespräch mit tagesschau.de. "Es gibt schon jetzt Probleme - zum Beispiel mit Zwangsheiraten, auch mit radikalisierten Muslimen, das kann man ja nicht übersehen. Dass offenbar mehr als 1000 Kämpfer des Islamischen Staates aus Deutschland kommen, ist alarmierend."

Andererseits, sagt Herbert, habe Deutschland auch seit mehr als 50 Jahren Erfahrung im Umgang mit Integrationsproblemen und könne davon profitieren. "Wenn man bedenkt, dass 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund haben, gibt es ja erstaunlich wenige Konflikte, auch im Vergleich zu anderen Ländern."

Herbert: "Bedingungen für Einwanderung definieren"

Um die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, fordert der Historiker eine klare, öffentlich diskutierte Migrationspolitik. Denn man dürfe auch nicht vergessen, dass Deutschland angesichts des demografischen Wandels eine Netto-Einwanderung von 250.000 Menschen brauche. "Die Bedingungen dafür, auch die eigenen Interessen Deutschlands, müssen wir dabei aber klar definieren."

Der Osnabrücker Migrationsforscher Olaf Kleist ist zuversichtlich, dass die Probleme, die aus der Gastarbeiter-Anwerbung seit Anfang der 1960er-Jahre resultierten, sich nicht wiederholen müssen. "Damals war eine gewisse Ghettobildung teilweise gewollt. Für die Kinder von Gastarbeitern gab es extra Schulklassen. Die Integration sollte verhindert werden, weil man immer davon ausging, die Gastarbeiter blieben nur vorübergehend in Deutschland." Eine ernstzunehmende Integrationspolitik gebe es in Deutschland erst seit etwa zehn Jahren.

"Deutschland muss sich als Einwanderungsland definieren"

Jetzt gehe es darum, den Menschen zu signalisieren: Wir wollen, dass ihr ein Teil unserer Gesellschaft werdet. Besonders wichtig sei dafür zunächst die Unterbringung in Mischunterkünften: "Flüchtlinge sollten dezentral unterbracht werden, in eigenen Wohnungen. Und wenn neue Wohnblöcke gebaut werden, sollten dort auch viele Einheimische leben, damit es zu Kontakt und Austausch kommt", sagt Kleist gegenüber tagesschau.de.

Wichtig findet er, dass Deutschland beginnt, sich als Einwanderungsland zu definieren. Dazu gehöre auch, sich mit den Eingewanderten zu verändern und von ihnen zu lernen. Gute Ansätze dafür sieht er schon jetzt im Engagement der vielen Ehrenamtlichen. Nur über viele persönliche Gespräche, über offenes Interesse an Kultur und Gepflogenheiten der anderen, könne das gelingen, meint Kleist. "Integration ist nicht nur eine staatliche Aufgabe, es muss auch aus der Bevölkerung kommen."

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