Helfer sortieren in Dortmund Kleiderspenden. | Bildquelle: dpa

Freiwillige Flüchtlingshelfer Die Lebensversicherung des Staates

Stand: 07.04.2017 02:53 Uhr

Sie führen durch den Ämterdschungel, sammeln Geld, organisieren Sprachkurse. Ohne ehrenamtliche Helfer wäre die Flüchtlingskrise nicht zu meistern gewesen. Heute trifft die Kanzlerin 140 Engagierte. Wir stellen drei von ihnen vor.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Im Herbst 2015 konnte sich Dilek Boyu keine längeren Ausflüge mehr vornehmen - schließlich konnten jederzeit neue Flüchtlinge ihre Heimatstadt Hildesheim erreichen. Und dann wurde Boyu gebraucht. "Samstags um 22 Uhr konnte noch ein Anruf kommen: Es sind wieder zwei Busse unterwegs", erinnert sie sich im Gespräch mit tagesschau.de. Boyu telefonierte dann in ihrem Netzwerk herum, sorge dafür, dass ehrenamtliche Übersetzer trotz der späten Stunde zu den Erstaufnahmeeinrichtungen fuhren und den Neuankömmlingen halfen, in Deutschland ein bisschen besser anzukommen. "Wir wollten alle helfen", erzählt sie.

Dass die deutschen Behörden in diesen Monaten die Aufnahme von Hunderttausenden Menschen organisieren konnten, ist zu einem großen Teil Freiwilligen wie Boyu zu verdanken. Als die Flüchtlingsheime noch aus allen Nähten platzten, waren es tausende normale Bürger, die ihren Kleiderschrank nach alten Pullovern durchsuchten, bei Essensausgaben mithalfen oder die einfache Sprachkurse organisierten, um die Verwaltung zumindest ein bisschen zu entlasten. Allein in der katholischen Kirche und ihren Hilfswerken fassten mindestens 100.000 Menschen ehrenamtlich mit an.

Freiwillige Flüchtlingshelfer: Das Engagement hat sich gelohnt
nachtmagazin 01:30 Uhr, 08.04.2017, Melanie Buth, NDR

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"Helfersyndrom"?

Vor allem in den Krisenmonaten des Herbstes 2015 waren diese Menschen die Überlebensversicherung des Staates. Das ist auch der Bundesregierung nicht verborgen geblieben. Heute empfängt Angela Merkel 140 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer zum Gedankenaustausch im Kanzleramt.

Auch Boyu wird an dem Treffen teilnehmen. Sie ist Vorsitzende des Vereins "Brücke der Kulturen" in Hildesheim, der bereits seit einigen Jahren interkulturelle Projekte organisiert. Doch Boyu engagiert sich nicht erst seit der Vereinsgründung für Menschen aus anderen Kulturkreisen. Als sie in der Schulklasse ihrer Tochter sah, wie schwer sich die Eltern anderer Kinder ohne gute Deutschkenntnisse mit der deutschen Verwaltung taten, entschloss sie sich zu helfen. Boyu begleitete die Eltern zu Ämtern, half bei der Kommunikation mit der Schule. Später besuchte sie Schulungen, wurde zur ehrenamtlichen Migrationslotsin. "Ich mag das Wort nicht - aber ich habe vielleicht so etwas wie ein Helfersyndrom", sagt sie.

Allein 2016 mehr als 20 Milliarden Euro

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise leistete ihr dieses Syndrom gute Dienste. Schließlich erreichten im Jahr 2015 insgesamt 890.000 Asylbewerber die Bundesrepublik. Ein Jahr später kamen immer noch 280.000. Dass die Behörden diesen Ansturm ohne die Hilfe Freiwilliger hätten bewältigen können, glaubt Boyu nicht. "In den Ämtern fehlte es überall an Dolmetschern oder speziell geschulten Pädagogen", erinnert sie sich. Also sprangen sie und ihre Bekannten ein - auf eigene Kosten, auch wenn die Telefonrechnung immer höher wurde und die Fahrtkosten immer weiter stiegen.

Überhaupt: das Geld. Rund 23 Milliarden Euro dürften Bund und Länder im Jahr 2016 für die Bewältigung der Flüchtlingskrise ausgegeben haben. Das geht aus einer Studie des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags hervor. Doch das ist längst nicht alles. So stellten allein die katholische Kirche und ihre Hilfswerke im vergangenen Jahr mehr als 53 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe in Deutschland zur Verfügung. Entsprechende Zahlen liegen dem ARD-Hauptstadtstudio vor.

Integrationskurs für Flüchtlinge | Bildquelle: dpa
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Flüchtlinge in einem Integrationskurs.

Mit dem Ford Fiesta Runden drehen für Sprachkurse

Ganz so viel haben Lev Nazarov und seine Mitstreiter noch nicht gesammelt - aber sie stehen ja auch noch am Anfang. Nazarov ist Schatzmeister des Vereins "Pfandraising Wuppertal". Als 2015 die Flüchtlingszahlen immer weiter stiegen, wohnte er zusammen mit einigen anderen Vereinsgründern in einer Fünferwohngemeinschaft in der Stadt im Bergischen Land. Und wie in wohl jeder Studenten-WG stapelten sich auch dort die Pfandflaschen.

So kamen die Bewohner auf die Idee, in der ganzen Stadt das Leergut aus überfüllten WG-Küchen abzuholen und das Pfandgeld für Flüchtlinge zu spenden. "Im September 2015 haben wir mit einem Ford Fiesta die erste Runde gedreht", erinnert sich Nazarov im Gespräch mit tagesschau.de. Zwei Monate später hatte die Gruppe mehr als 2000 Euro gesammelt. Seitdem fahren sie alle zwei Wochen durch Wuppertal und sammeln weiter fleißig Flaschen - mittlerweile mit einem etwas größeren Auto, inklusive Anhänger.

"Ich möchte etwas zurückgeben"

Anfangs spendete die Gruppe das Geld noch für Sprachkurse. Heute bietet der Verein selbst welche an. Germanistik- und Lehramtsstudenten wollen den Flüchtlingen vor allem Vokabular beibringen, das sie im Alltag brauchen können. "Wir nehmen uns immer ein Thema vor, üben dann drei Wochen Vokabeln und am Ende steht eine Exkursion", erklärt Nazarov. Im Dezember lernten die Flüchtlinge so einiges über Weihnachten, Ausflug zum Weihnachtsmarkt inklusive. Im Januar gab es eine Einheit zum Thema Kochen. Diesen Monat geht es um Wuppertal. "So lernen die Menschen ihre neue Heimat gleich besser kennen", sagt Nazarov.

Anders als Flüchtlingshelferin Boyu wurde Nazarov nicht in Deutschland geboren. Vor 20 Jahren kam er mit seiner Familie aus St. Petersburg in die Bundesrepublik. "Ich habe damals eine wirklich schöne Willkommenskultur kennenlernen dürfen", erinnert er sich. "Da möchte ich jetzt auch etwas zurückgeben." Nicht nur deshalb wird auch Nazarov bei dem Treffen im Bundeskanzleramt dabei sein.

Volle Vollzeit

Denn der Erfolg spricht in jedem Fall für "Pfandraising Wuppertal". Längst wird im Verein darüber nachgedacht, auch jenseits der Stadtgrenzen Flaschen einzusammeln. Die ersten Unternehmen wollen spezielle Sammelcontainer des Vereins bei sich aufstellen. So könnte aus dem Verein in absehbarer Zeit ein soziales Unternehmen werden - und aus den ehrenamtlichen Freiwilligen Vollzeithelfer.

Dass "Vollzeit" auch ein durchaus relativer Begriff sein kann, das weiß zum Beispiel Heike Krämer-Resch. Im Januar 2015 folgte sie einem Aufruf des Bürgermeisters ihrer Heimatstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. Das Stadtoberhaupt suchte Freiwillige, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren wollten. Rund 100 Menschen waren bei einem zweiten Treffen erwartet worden - doch am Ende kamen nur fünf. Kurz darauf übernahm Krämer-Resch, die eigentlich nur die Webseite für das Flüchtlingsnetzwerk bauen sollte, den Vorsitz des neu gegründeten Vereins zur Flüchtlingshilfe.

Immer im Dienst

Fünf bis sechs Stunden verbringt Krämer-Resch seitdem jeden Tag damit, Vereinsangelegenheiten zu regeln - neben ihrem Job als selbstständige EDV-Dienstleisterin und einigen anderen ehrenamtlichen Engagements. "Meistens stehe ich um fünf Uhr morgens auf und komme gegen Mitternacht ins Bett", sagt sie im Gespräch mit tagesschau.de. Auf dem Weg zum Treffen im Kanzleramt hat sie natürlich ihren Laptop dabei, um von unterwegs noch Vereinsarbeit leisten zu können.

Auch das Flüchtlingsnetzwerk Bad Neuenahr-Ahrweiler hilft den Menschen, in Deutschland anzukommen. Freiwillige begleiten Flüchtlinge auf Ämter, führen Gespräche mit Schulen und Kindergärten. Andere helfen in der Kleiderkammer oder im Begegnungscafé aus.

Die Arbeit geht weiter

Für Krämer-Resch ist dieses Engagement eine neue Erfahrung. "Ich hatte vor 2015 noch nie etwas mit Flüchtlingshilfe zu tun", sagt sie. Eingebracht hat sie sich schon immer - sei es in Unternehmerinnennetzwerken, der Frauen Union, als freiwillige Richterin am Sozialgericht oder als Karnevalsprinzessin. Doch das sei alles nicht vergleichbar mit der Aufgabe, Flüchtlingen beim Start in einem neuen Land zu helfen. "Das hat meinen Blickwinkel geändert", so Krämer-Resch. "Ich weiß jetzt, was diese Menschen durchgemacht haben."

Das enorme Arbeitspensum der Vorsitzenden halten längst nicht alle Freiwilligen durch. "Anfangs wollten sehr viele helfen, doch dabei haben sich einige auch übernommen", erinnert sich Krämer-Resch an den Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Heute hingegen fehlen dem Flüchtlingsnetzwerk zunehmend Freiwillige. "Viele Menschen denken, dass es heute nichts mehr zu tun gibt weil ja immer weniger Flüchtlinge in Deutschland ankommen", sagt sie. Dabei beginne jetzt der wichtigere Teil der Arbeit. "Am Anfang mussten wir den Menschen nur schnell einen Schlafplatz organisieren", so Krämer-Resch. "Jetzt geht es um Integration."

Über dieses Thema berichteten am 07. April 2017 NDR Info um 10:50 und 12:50 Uhr und die tagesschau um 14:00 Uhr.

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Julian Heißler, tagesschau.de

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