Flüchtlinge stehen zwischen Zelten in einer Erstaufnahmestelle in Dresden | Bildquelle: dpa

Deutsche Behörden fühlen sich überfordert Flüchtlinge müssen auf der Straße schlafen

Stand: 07.08.2015 20:28 Uhr

Obdachlose Flüchtlinge in Berlin, schlimme Zustände in einer Dresdner Zeltstadt, Bundeswehreinsatz in Hamburg: In deutschen Großstädten sind die Behörden zunehmend mit ankommenden Asylbewerbern überfordert. Ein Überblick.

Bundesweit scheitern zahlreiche Erstaufnahmeeinrichtungen daran, Asylbewerber angemessen unterzubringen. Viele Behörden fühlen sich überfordert. Zum Beispiel im Berliner Stadtteil Moabit. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales schafft es nicht, ihnen zeitnah einen Schlafplatz zuzuweisen. Hunderte Menschen, darunter viele Kinder und schwangere Frauen, campieren im Freien vor der Behörde.

Nach Berichten des rbb erhielten die Flüchtlinge zwar Wasser von der Behörde, wurden mit Essen aber offenbar nur von freiwilligen Helfern versorgt. Einige warteten schon seit Tagen darauf, dass sie einen Platz in einer Unterkunft bekommen. Die Nächte verbrächten die Flüchtlinge teils nur auf Kartonpappe.

Flüchtlinge trinken Wasser aus einem öffentlichen Hahn | Bildquelle: AFP
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Wasser bekommen die Flüchtlinge aus provisorischen Wasserhähnen

Die Flüchtlingsunterkünfte in Berlin sind überfüllt. Von rund 27.000 Asylbewerbern leben etwa 15.000 in einer der 70 Sammelunterkünfte. Weitere 12.000 sind in Hostels oder Wohnungen untergebracht. In diesem Jahr sollen noch an 36 Standorten neue Heime entstehen. Entspannung für Moabit versprechen sich die Behörden in Kürze: Dann soll eine neue Notunterkunft mit 300 Plätzen eröffnen.

Scharfe Kritik an Zuständen in Dresdner Zeltstadt

Auch in Dresden sind die Kapazitätsgrenzen in der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge erreicht. Die sächsische Landesregierung hatte Ende Juli eine Zeltstadt als notdürftige Erstaufnahmeeinrichtung für mehr als 1000 Asylbewerber errichtet und damit viel Kritik auf sich gezogen.

Dresdens neuer Oberbürgermeister Dirk Hilbert (parteilos) kritisierte die Zustände dort scharf. "Wie kann es sein, dass es mitten im Herzen Dresdens einen Ort gibt, in dem Menschen bei bis zu 40 Grad in Zelten untergebracht sind?", sagte er am Donnerstagabend im Stadtrat und forderte die Landesregierung in einer Erklärung zum Handeln auf.

Dr. Gerhard Ehninger, Universitätsklinik Dresden, zu den Lebensbedingungen im Lager
nachtmagazin 01:01 Uhr, 08.08.2015

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Im Nachtmagazin kritisierte Medizinprofessor Gerhard Ehninger die Situation in der Unterkunft scharf. Zusammen mit anderen Ärzten hilft er ehrenamtlich in dem Zeltlager aus. "Es ist völlig überfüllt, hygienische Mindeststandards werden nicht eingehalten." Die Zelte seien bei 40 Grad fast unerträglich überhitzt, Belüftung gebe es nicht. Die Ärzte fürchten, dass sich wegen der anhaltenden Hitze Krankheiten schneller ausbreiten können. Außerdem sei die Versorgung mit Trinkwasser nicht ausreichend.

Nachdem es am vergangenen Wochenende zu einer Schlägerei unter 100 Bewohnern der Zeltstadt gekommen war, forderte die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl ein Ende der großen Sammelunterkünfte. "Wenn so viele Menschen unter solch prekären Umständen zusammenleben, dann ist es nur natürlich, dass dort auch Konflikte entstehen", sagte die rechtspolitische Sprecherin Marei Pelzer der Nachrichtenagentur epd. Sachsens Innenminister hat angekündigt, die Zeltstadt bis zum Herbst in eine Containersiedlung zu verwandeln. Die Zahl der Bewohner soll aber auch dort mehr als 1000 betragen.

Verheerende Zustände im Dresdner Flüchtlingslager
tagesthemen 21:45 Uhr, 07.08.2015, Kati Obermann und Carsten Dieckmann, MDR

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Bundeswehr baut in Hamburg Zelte auf

In Hamburg setzt die Innenbehörde jetzt bei der Errichtung neuer Unterkünfte auf die Unterstützung der Bundeswehr. Ein auf Auslandseinsätze spezialisiertes Pionierbatallion aus Husum baut 42 Zelte für 420 Flüchtlinge auf, die demnächst bezogen werden sollen. Für den Herbst ist ein weiterer Einsatz der Armee geplant. Hamburgs Innensenator Michael Neumann (SPD) hatte im Sommerinterview mit dem NDR angekündigt, bald in jedem Bezirk eine Massenunterkunft mit bis zu 3000 Plätzen zu errichten. "Ziel ist, dass wir Container in den nächsten Wochen aufbauen, damit zum Herbst hin die Anlagen komplett fertig sind", sagte er Ende Juli. Gerade wurde eine Halle der Hamburger Messe zu einer Unterkunft für bis zu 1000 Flüchtlinge umgebaut.

Bundeswehr hilft erstmals beim Aufbau von Flüchtlingsunterkünften
tagesschau 14:00 Uhr, 07.08.2015, Elena Kuch, NDR

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Die Erstaufnahmeeinrichtungen sind auch deswegen so überfüllt, weil die Weitervermittlung der Asylbewerber in Folgeunterbringungen und später in regulären Wohnraum nicht ausreichend gelingt, wie das Beispiel Hamburg zeigt. Etwa 2400 der rund 8000 Erstaufnahmebewohner sollten dort eigentlich schon weiter in andere Einrichtungen gezogen sein.

Das Gesetz sieht vor, dass sie für höchstens drei Monate in den Aufnahmeeinrichtungen bleiben. Tatsächlich müssen sie aber derzeit zwischen sechs und zwölf Monaten dort bleiben. Etwa 3500 Flüchtlinge aus den Unterkünften der Stadt Hamburg dürften eigentlich in eine Wohnung umziehen. Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts eine theoretische Zahl.

Kommunen fordern mehr sozialen Wohnungsbau

Um das Problem zu lösen, fordern die Kommunen von der Bundesregierung mehr Geld für den Bau von Sozialwohnungen. "Der Bund wird sich bei der Förderung des sozialen Wohnungsbaus im Milliardenbereich engagieren müssen, bisher gibt er gut 500 Millionen Euro", sagte der Vizepräsident des Deutschen Städtetags, Ulrich Maly (SPD), der "Rheinischen Post".

Der Deutsche Mieterbund wies darauf hin, dass die Zahl der Sozialwohnungen sich seit der Wiedervereinigung von fast vier Millionen auf 1,5 Millionen mehr als halbiert habe. Es drohe eine Konkurrenz von Menschen mit niedrigem Einkommen und Flüchtlingen um bezahlbare Wohnungen. "Das darf aber auf keinen Fall passieren", sagte Mieterbund-Direktor Lukas Siebenkotten der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

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Container - Turnhallen - Zeltstädte (Stand August 2015)

Wie Flüchtlinge in Deutschland untergebracht werden. (Stand August 2015)

Flüchtlinge in Deutschland: Brandstiftung Flüchtlingsheim Remchingen

In diesem Haus im baden-württembergischen Ort Remchingen wurde Feuer gelegt, bevor Asylsuchende einziehen konnten. (Foto: 28.07.2015) | Bildquelle: dpa

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