Flüchtlinge in Deutschland | Bildquelle: REUTERS

Brief einer ehemaligen Korrespondentin Heimkehr in ein anderes Land

Stand: 27.10.2015 12:48 Uhr

Ein Jahr lang berichtete Isabel Schayani für die ARD aus New York. Zurück in Köln entdeckt sie ein Deutschland in der Flüchtlingskrise. Ihren Ex-Kollegen in New York schildert sie ihre ganz persönlichen Eindrücke als Helferin und Zuhörerin. Ihr Brief im Wortlaut.

"Liebe Kollegen mitten in Manhattan,

ich bin in ein anderes Land zurückgekehrt. Nicht nur, weil ich dieses New York immer in mir trage, in seiner Offenheit, in seiner Wucht und Lebendigkeit, die alle anderen Städte grau und blass erscheinen lässt. Ich bin in ein anderes Land heimgekehrt und ich schreibe euch das, weil es ja auch euer Land ist und ich euch dringend erzählen will, was ich hier erlebe.

Gestern Abend war ich wieder am Flughafen. Da kommen sie an. Vergangene Nacht waren es 650. Manche ganz ohne Gepäck. Vielleicht mit einer Plastiktüte. Oder diesem Sportbeutel, wo nur Turnschuhe reinpassen. Sie werden mit Zügen zum Flughafen gebracht. Dort gibt es Strom fürs Handy, Suppe und noch wichtiger: WLAN!!!

Nach drei Stunden Auftanken werden sie auf Busse verteilt und in die Erstaufnahmelager im Land gefahren. Jeden Tag kommt so ein Zug an. Abwechselnd nach Köln und Düsseldorf. Und dann sind da die Helfer. Man kann sich vorher melden, wenn man tragen, reden, übersetzen, - kurz - helfen möchte. Als ich gestern anrief und fragte, darf ich noch mal helfen, erklärte mir die Dame sehr freundlich: 'Es haben sich so viele Menschen gemeldet, die helfen wollen, mehr als 1700. Wir wollen jedem die Chance geben, dass er mal an die Reihe kommt. Bitten haben Sie Verständnis.' 1700? Viel zu viele wollen helfen. Ist das nicht unglaublich? Ich hab dann wie bei einem Bewerbungsgespräch gesagt, ich spreche aber Persisch und Arabisch, (stimmt). Ich kümmere mich seit dem Studium um Flüchtlinge (stimmt auch). Ich bin ein Kracher (stimmt nicht). Da hat sie zugestimmt. Ja, ich dürfe noch mal helfen.

Gestern kam der Zug mit sechs Stunden Verspätung an. Ihr könnt euch das nicht vorstellen. Nicht Gruppen, nicht Schwärme, das sind Völkerwanderungen. Eine Afghanin aus dem Iran, kräftig und blass wie die Zelte um sie herum. Sie wurde von ihren Neffen zu uns getragen, sie atmete schwer, wir sind gleich zu den Sanitätern. Dort hörte ein Mediziner ihr Herz ab und versenkte das Stetoskop in ihrem Dekolletè. Der Ehemann ist fast verrückt geworden, als ein anderer Mann seiner Frau so nahe kam. Sie hatte aber nichts. Schwäche. Einfach zu viel, Wochen der Flucht.

Dann erzählte mir ihr ältester Sohn, er ist 13 Jahre alt, was sie in den vergangenen Wochen erlebt haben. Er hörte gar nicht auf. Immer deutete er mir, bis wo ihm das Wasser stand, als sie durch die Flüsse mussten und seine Hand machte deutlich, dass er fast ertrunken wäre. Und er hat Tote gesehen. Tote sagt er und guckt mich an. Was sollte ich sagen? Er kennt viel mehr vom Leben als ich. Drei Mal schickten die Türken sie wieder in den Iran zurück. Tagelang mussten sie sich im Wald verstecken, versuchten es dann wieder. Mit 20 sind sie gestartet, fünf haben sie unterwegs verloren. Unterwegs brach die Mutter auch öfter zusammen. Sie ist nicht für so einen Fußmarsch gemacht.

Der Schlepper sagte in einem Wald zum Vater, sie sollen die Mutter jetzt zurücklassen, sie werde zum Risiko für alle. Da prügelte der Vater sich mit dem Schlepper. Die Mutter war wieder an Bord. Während der Junge mir das erzählte und erzählte, saß seine jüngere Schwester gleich neben ihm auf der guten deutschen Bierbank. Sie hatte hier das erste Mal Stifte bekommen. Sofort zeichnete sie. Und ich erkannte sofort, was es ist: Das Schiff, diese kleine Holzkiste, auf das sich von der Türkei nach Griechenland quetschen mussten. Sie sagte nichts und zeichnete.

Nebenan saßen die afghanischen Bengels, ohne Familie. 18 oder 20 Jahre alt vielleicht. Einer dozierte, die anderen starrten ihn an: Sie sollten jetzt alle nach Schweden weiter. Die fragten mich: 'Wie kommt man denn von hier nach Schweden?' So als würde ich euch fragen, wie geht es denn hier zum Hauptbahnhof? Ich weiß doch auch nicht, wie man nach Schweden kommt. Hamburg - das kannten sie. 'Aber Hamburg ist noch nicht Schweden', ernüchterte ich sie.

In dem Zelt steht ein Fahrkartenschalter von der Bahn. Sie können hinfahren, wohin sie möchten. Aber erst mal nach Hamburg, weiter wussten sie auch nicht. Warum Schweden? Keine Ahnung warum. Weil irgendein Gerücht sagte, Schweden sei gut. Diese Gerüchte sind schneller als jeder Klick. Und mächtiger. 'Stimmt es, dass sie gestern in Schweden fünf Familien abgeschoben haben?', fragte mich einer. Keine Ahnung. Ich weiß doch nicht mal, welche Straßenbahn von Hamburg nach Schweden führt. Und sie wissen weder, wo Köln ist, geschweige denn, wo Schweden liegt. Wir waren in diesem Zelt, aber wir waren nicht mehr in Deutschland. So etwas hätte ich nie vor meiner Haustür erwartet. An diesem Abend machte sich eine Gruppe von etwa 100 jungen Männern auf nach Schweden.

In einer anderen Ecke saßen die Iraner und diskutierten ihr Spezialwissen. Sie hatten den Afghanen Schweden schmackhaft gemacht. Von ihnen kam das Gerücht. Einer der Iraner fragte mich: 'Was ist besser, Norwegen, Island oder Liechtenstein?' Ich habe mich kaputtgelacht. 'In Island ist es kalt', dozierte ich weltgewandt. Der Iraner wusste längst Bescheid. 'Ja, ich weiß, aber da gibt es diese heißen Quellen. Das ist gut.' Aber Liechtenstein?

Das andere Ding sind die Helfer. Ihr wisst nicht, wie viele es sind. Die Bereitschaft ist so groß. Ich höre überall, dass die Organisationen nicht hinterherkommen, weil alle helfen wollen. Ein bekannter Psychologe sagte, jeder zweite Klient wolle helfen, er habe schon eine Liste vorbereitet, damit sie das dann auch machen können. Nun kommen diese Menschen alle nach Deutschland, nach Merkelland, und sie lösen alles Mögliche aus. Angst natürlich auch und Zerrissenheit. Aber auf jeden Fall eine irre Bewegung.

Die USA haben mich gelehrt, dass man Menschen willkommen heißen muss und sie dann in die ganze Härte des Alltags entlässt. Man sagt schwimm - und sie müssen springen. Noch habe ich ja ein gesellschaftliches Jet-Lag, mir fehlen zwei Monate. Die anderen sind schon viel gedämpfter. Aber trotzdem, es ist anders. Ich bin in ein anderes Land heimgekehrt. Und ich spüre, dass ich meinen Stolz auf unsere Hilfsbereitschaft, die uns an unsere Grenzen bringt, nicht mehr verbergen kann."

alt Isabel Schayani

Zur Person

Isabel Schayani berichtete von September 2014 bis Oktober 2015 für die ARD aus New York. Zuvor war sie neun Jahre lang Mitglied der Monitor-Redaktion und kommentierte für den WDR in den tagesthemen. In Bonn studierte die Tochter eines persischen Vaters und einer deutschen Mutter Islamwissenschenschaften und war in der nicht-organisierten Flüchtlingsarbeit aktiv. Sie begleitete Flüchtlinge bei Behördengängen und übersetzte für sie. Jetzt ist Schayani zurück in der Auslandsredaktion des WDR in Köln.

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