Interview

Psychische Erkrankungen nach Kriegserlebnissen Seelische Verletzungen heilen

Stand: 20.12.2015 02:19 Uhr

Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat Gewalt und den Tod Verwandter erlebt. Die Erinnerungen verfolgen sie noch in Deutschland. Matthias Deiß hat für den Bericht aus Berlin mit zwei Medizinern der Berliner Charité über den Umgang mit seelischen Verletzungen gesprochen.

Abdu Ashaebi hat wie viele Kriegsflüchtlinge Furchtbares erlebt. Im libyschen Bürgerkrieg sah er seinen Bruder neben sich sterben, der von der Kugel eines Scharfschützen getroffen worden war. Das Bild lässt ihn nicht los. Fast jede Nacht träumt er von ihm: "Mein Bruder sagt im Traum immer zu mir: 'Geh' zurück nach Libyen und kämpfe. Nicht aufgeben.'"

In der Berliner Charité hat er Hilfe gefunden. Das Zentrum für integrative Psychotherapie und Psychiatrie gibt es seit 2002. Hier sind die Geschichten geflüchteter Menschen bekannt. Dolmetscher, Sprach- und Kulturvermittler gehören zum eingespielten Team. ARD-Korrespondent Matthias Deiß hat mit Sanja Hodzic und Walter de Millas gesprochen. Er ist Psychiater, sie Gesprächstherapeutin. Beide behandeln auch Ashaebi.

Deiß: Die Menschen, die hierher kommen, haben Dinge erlebt, die sich in ihre Seele eingebrannt haben. Wie wirkt sich das aus?

Walter de Millas: Den Patienten drängen sich immer wieder Bilder und Szenen aus Erlebnissen auf, die früher passiert sind. Die kommen immer wieder zu nicht vorhersagbaren Zeitpunkten und bestimmen die jetzige Lebenswirklichkeit. Das ist das Typische bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Es ist dann schwierig, ein normales Leben zu führen. Es fällt zum Beispiel schwer, einem Deutschkurs zu folgen, eine Arbeit aufzunehmen. Aber das ist nicht die einzige psychische Erkrankung, die Patienten haben.

Deiß: Wie schwer ist es, über so etwas mit einem Arzt, der ja erst mal ein Fremder ist, zu sprechen?

Sanja Hodzic: Es gibt immer erst Vorbehalte, das war auch bei Abdu so. Es dauert eine Weile, Vertrauen zu fassen. Aber wir erklären, dass wir versuchen Wege zu finden, wie wir helfen können. Und dass alles, was er sagt - und das gilt auch für die Dolmetscher - in dem Raum bleibt und nicht irgendwo weitergetragen wird. Wir erklären, dass es eine ärztliche Schweigepflicht gibt.

Abdalkhlig Abdu Ashaebi in der Charité
galerie

Seit Monaten kämpft Ashaebi mit Albträumen. Die Ärzte an der Berliner Charité diagnostizierten ein Posttraumatisches Belastungssyndrom und behandeln ihn nach langen Verhandlungen mit den Krankenkassen und dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo).

Deiß: Herr Ashaebi hat ja sehr viel erlebt. Was passiert, wenn er davon erzählt? Nimmt dann der seelische Druck ab?

Hodzic: Das ist ganz unterschiedlich und abhängig davon, welcher Patient mit welcher Geschichte kommt und welchen Hintergrund er hat. Für viele Patienten ist es am Anfang eine Überforderung, sich dezidiert an jedes traumatische Detail zu erinnern. Man muss sich vorsichtig herantasten. Bei der Ausländerbehörde müssen sie ja so ein Erstinterview geben. Das ist für viele schon traumatisch, weil sie sich an bestimmte Situationen nicht erinnern möchten. Wenn sie es müssen, dann führt das zu Symptomen wie Spannungszuständen, Schlaflosigkeit, Anspannung.

Deiß: Was passiert denn, wenn man so ein Trauma nicht behandelt?

De Millas: Die Schwierigkeit ist, dass man am normalen Leben nicht richtig teilhaben kann, also am Deutschkurs zum Beispiel. Dann können neben der Grunderkrankung noch weitere Symptome hinzukommen. Mancher greift zu Suchtmitteln, Alkohol oder Tabletten. Dann kommt zu der einen Störung die nächste dazu. Es kann zu depressiven Erkrankungen kommen, zu Suizidgedanken, Suizidversuchen.

"Man braucht viel Zeit"

Deiß:: Wie langwierig ist so eine Behandlung?

De Millas: Letztlich geht es neben der Behandlung der Symptome darum, irgendwie wieder normal zu leben. Wenn jemand aber wie Herr Ashaebi in einer WG mit elf anderen Mitbewohnern auf zwei Zimmern lebt, dann sind das keine guten Bedingungen. Da ist es schwierig, aufdeckend am Trauma zu arbeiten und zu heilen. In erster Linie geht es darum, für den Patienten da zu sein und letztlich eine gewisse Normalität zu schaffen. Man braucht viel Zeit, wie lange ist schwer vorherzusagen.

Deiß: Wie schwerwiegend sind denn die seelischen Verletzungen, die man aus dem Krieg mitbringt?

Hodzic: Ich schätze die seelischen Verletzungen als sehr groß ein. Vor allen Dingen im intersubjektiven Bereich, also in dem Bereich, den wir benutzen, wenn wir mit anderen Menschen in Verbindung treten. Die Fähigkeit, Bindungen einzugehen ist bei vielen sehr gestört. Die Fähigkeit, sich in die Zukunft zu phantasieren, als jemand, der etwas kann, der etwas schafft, der einer Arbeit nachgehen wird, der ganz normal Beziehungen haben, eine Familie gründen wird.

Es ist normal, dass wir uns phantasieren können, dass wir uns ausmalen, wie es später sein wird. Bei Menschen, die diese extremen Erfahrungen gemacht haben, ist das versperrt. Es gibt nur das "Jetzt" und das ist meistens quälend.

"Herkunftstraumata werden verstärkt"

Deiß: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang ein, dass viele Flüchtlinge nicht wissen, ob sie in Deutschland bleiben können oder zurück müssen?

Hodzic: Das ist unser größtes Behandlungsproblem. Neben der Traumatisierung im Herkunftsland führt das für viele Flüchtlinge zu einer Art Burn-out. Diese Situation führt dazu, dass Herkunftstraumata verstärkt werden, auch depressive Gefühle, auch der soziale Rückzug, der oft eintritt. Es ist eine Situation, die das Trauma potenziert. Viele haben eine erhebliche Motivation, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie haben Ideen, eine Kreativität, die dann ins Nichts verfällt. Das ist sehr schade. Für die Behandlung ist das sehr schwierig.

Deiß: Ich habe Herrn Ashaebi jetzt ein Jahr lang begleitet. Das ist für viele schon ein enormer Zeitraum. Was bedeutet so ein Jahr für die Erkrankung?

Hodzic: Das kann so pauschal nicht sagen. Auch das ist ganz abhängig von den Bedingungen. Für Herrn Ashaebi ist in diesem einen Jahr einiges passiert. Er konnte ein bisschen ankommen in Deutschland. Aber es wird noch weitere Behandlung notwendig sein. Wir haben Patienten hier, die kommen fünf bis sechs Jahre.

Deiß: Gibt es etwas, das Sie sich persönlich für ihn fürs nächste Jahr wünschen würden? 

Hodzic: Eine Unterkunft, in der er sich ein bisschen zu Hause fühlen kann, so dass er da zur Ruhe kommen kann. Das würde viel helfen. Ich wünsche ihm, dass er wieder im Deutschkurs Fuß fasst, trotz der Konzentrationsschwierigkeiten. Ich wünsche mir, dass er ein Praktikum macht, dass er es schafft, am Arbeitsleben in Deutschland teilzunehmen.

Korrespondent

Matthias Deiß Logo RBB

Matthias Deiß, RBB

Darstellung: