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Pferdefleischskandal | Bildquelle: dapd

Hintergründe des Fleischskandals Wie kam das Pferd ins Rindfleisch?

Stand: 11.04.2013 16:17 Uhr

50.000 Tonnen Fleisch werden zurückgerufen - weil Rindfleisch mit nicht deklariertem Pferdefleischskandal vermischt sein könnte. Bereits im Februar wurde bekannt, dass 750 Tonnen Pferdefleisch über Monate als Rindfleisch ausgegeben und verarbeitet wurden. Gibt es einen Zusammenhang? Und wie kam das Pferdefleisch in den Handel? tagesschau.de beantwortet wichtige Fragen zu den Skandalen.

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Von Anna-Mareike Krause, tagesschau.de

Worin besteht der neue Skandal?

Gegen einen Fleischgroßhändler aus den Niederlanden gibt es zwei Vorwürfe: Bei einer Kontrolle konnte er die Herkunft von rund 50.000 Tonnen Fleisch nicht nachweisen. Seit der BSE-Krise im Jahr 2000 ist dies aber EU-weit Pflicht. Fleisch ohne Herkunftsnachweis gilt automatisch als nicht genießbar. Konkrete Hinweise auf Gefahren für Verbraucher gebe es aber nicht, so ein Behördensprecher.

Zudem steht der Händler unter dem Verdacht, als Rindfleisch ausgewiesenes Fleisch mit unkontrolliertem Pferdefleisch vermischt zu haben, warnte die niederländische Kontrollbehörde für Nahrungsmittel. Da der Großhändler die Herkunft des Fleisches nicht nachweisen konnte, wurden alle Kunden von den niederländischen Kontrollbehörden aufgefordert, die Ware aufzuspüren und wenn möglich zu vernichten.

Der Schwindel sei im Rahmen der flächendeckenden Tests aufgefallen, die seit fünf Wochen in der gesamten EU bei Fleischprodukten, die laut Etikett Rindfleisch enthalten, gemacht würden.

Das Fleisch ist offenbar in mehrere europäische Länder verkauft worden, darunter auch nach Deutschland. Der Großhändler habe das Fleisch an rund 500 Betriebe geliefert, darunter 132 Betriebe in den Niederlanden und 370 in 16 EU-Staaten, meldete die EU-Kommission. Diese Zahlen hätten die Niederlande an Brüssel gemeldet. In Deutschland sollen 124 Betriebe betroffen sein.

Der Großhändler soll bereits seit mehr als zwei Jahren Fleisch verkauft haben, ohne die Herkunft zu registrieren. Bereits zuvor hatte er Pferdefleisch mit Rind vermengt und als reines Rindfleisch verkauft.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem neuen und dem ersten Pferdefleischskandal?

Das ist bislang nicht klar. Der Drahtzieher des ersten Skandals war ebenfalls ein niederländischer Geschäftsmann, der Fleischgroßhändler Jan Fasen. Ein Zusammenhang mit den nun betroffenen Firmen Wiljo Import en Export und Willy Selten Vleeshandel ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass Willy Selten bereits seit einigen Monaten unter Betrugsverdacht steht. Das bestätigte die niederländische Kontrollbehörde.

Die Lebensmittelkontrollbehörde hatte im Februar das Unternehmen im südniederländischen Oss durchsucht und in zwei Proben Pferdefleisch entdeckt. Der Unternehmer sprach von einem menschlichen Fehler. Im Mai 2012 war bei der Firma in einer Probe ein für den menschlichen Verzehr verbotenes Schmerzmittel entdeckt worden.

Das niederländische Fernsehen berichtete, schon im Dezember hätten Mitarbeiter der Kontrollbehörde gemeldet, dass Selten billiges Pferdefleisch mit Rind vermischte und als reines Rindfleisch verkaufte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Großhändler seit Februar wegen des Verdachts auf Betrug, Urkundenfälschung und Geldwäsche.

Worum genau ging es bei dem Skandal Anfang 2013?

Mitte Januar war in Tiefkühl-Hamburgern von Supermärkten in Großbritannien und Irland Pferdefleisch entdeckt worden. Laut Etikett sollten die Hamburger zu 100 Prozent aus Rindfleisch bestehen. Anfang Februar entdeckte die britische Lebensmittelüberwachungsbehörde bei Kontrollen von Rindfleisch-Lasagne, dass diese bis zu 100 Prozent aus Pferdefleisch bestand. Das Fleisch kam von dem französischen Lebensmittelhersteller Spanghero.

Auch Verbraucher in Deutschland waren betroffen. Spanghero beliefert auch deutsche Supermarkt-Ketten mit Produkten, die dann unter Eigenmarken vertrieben werden. Edeka, Real, Rewe und Kaiser's-Tengelmann sowie der Tiefkühl-Lieferant Eismann nahmen Lasagne-Produkte aus dem Sortiment. Auch Lidl und Aldi-Süd stoppten den Verkauf bestimmter Produkte. Zuvor war in Stichproben von in Deutschland verkauften Fertigprodukten Pferdefleisch gefunden worden.

Zudem entdeckten britische Experten ein Anti-Rheuma-Mittel in den Proben von acht geschlachteten Pferden. Das Medikament Phenylbutazon wird häufig bei Pferden eingesetzt. Tiere, die damit behandelt wurden, dürfen aber nicht zu Lebensmitteln verarbeitet werden. Ob auch in in Deutschland verkauftem Pferdefleisch Medikamentenrückstände sind, ist bisher nicht bekannt.

Wie kam das Pferdefleisch in den Handel?

Bevor das Pferdefleisch von einem rumänischen Schlachthof nach Frankreich geliefert wurde, ging die Bestellung durch mehrere europäische Länder, unter Beteiligung zahlreicher Akteure und Firmen.

Die Tavola-Lebensmittelfabrik in Luxemburg stellt Lasagne her. Zunächst bestellte diese bei der französischen Spanghero-Fleischfabrik Rinderhack. Daraufhin orderte Spanghero bei einem zypriotischen Händler das Fleisch, die zypriotische Firma leitete die Bestellung weiter an den niederländischen Händler Jan Fasen, der dann 750 Tonnen Fleisch bei einem rumänischen Schlachthof bestellte.

Grafik: Wie das Pferdefleisch in die Lasagne kam
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1 - Tavola bestellt Rinderhack bei Spanghero 2 - Spanghero bestellt bei einem zypriotischen Zwischenhändler 3 - Der Zwischenhändler beauftragt den Niederländer Jan Fasen 4 - Fasen bestellt Fleisch bei einem Schlachthof in Rumänien 5 - Über sechs Monate verteilt liefert der Schlachthof offiziell Pferdefleisch an die Spanghero-Fabrik in Frankreich 6 - Spanghero liefert den Großteil des Pferdefleisches als Rindfleisch deklariert an Tavola 7 - Tavola produziert Tiefkühl-Lasagne, die in den Einzelhandel in 13 europäischen Ländern gelangt.

Ob Fasen, der Anfang 2012 zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt wurde weil er südamerikanisches Pferdefleisch als Rinderhack deklariert in den europäischen Handel brachte, dieses als Rinder- oder Pferdefleisch orderte, ist nicht geklärt. Fest steht aber, dass das rumänische Fleisch in den Zollpapieren als Pferdefleisch deklariert war, als es nach Frankreich in die Fabrik von Spanghero geliefert wurde. Von diesen 750 Tonnen Pferdefleisch verkaufte Spanghero 200 Tonnen selbst, als Merguez-Würste und unter einer Eigenmarke als Fertiggerichte.

Der Rest, rund 550 Tonnen, wurde nach Angaben der französischen Behörden an die Tavola-Lebensmittelfabrik in Luxemburg geliefert - ausgezeichnet als Rindfleisch aus der EU. Vorwürfe der französischen Regierung, Spanghero habe betrogen, wies die Firma zurück. Aus dem Fleisch fertigte Tavola für die französische Firma Comigel mehr als 4,5 Millionen falsch ausgezeichnete Fertigprodukte, die in 13 Länder geliefert wurden.

Ist es gefährlich, Pferdefleisch zu essen?

Grundsätzlich ist es ungefährlich, Pferdefleisch zu essen. Allerdings veröffentlicht das EU-Schnellwarnsystem RASFF, welches Lebensmittelwarnungen aus ganz Europa sammelt, in jedem Jahr mehr Warnungen zu Pferdefleisch als zu anderen Fleischarten. Im Jahr 2012 passierte das 30 mal. Beispielsweise wurden zu hohe Cadmiumwerte nachgewiesen. Pferde speichern Cadmium in Niere und Leber - deshalb dürfen die Innereien nicht als Lebensmittel verkauft werden - aber auch in der Muskulatur.

Zudem können Pferde, wie auch Schweine und Wildschweine, an Trichinellose erkranken, eine parasitäre Erkrankung, die beispielsweise über nicht ausreichend erhitztes Fleisch auf den Menschen übertragen werden kann. In Frankreich und Italien gab es in den vergangenen zwanzig Jahren trotz EU-weit vorgeschriebenen Kontrollen immer wieder durch Pferdefleisch übertragene Trichinellosefälle - in den meisten Fällen stammte das Fleisch aus Osteuropa.

Der Verkauf von Pferdefleisch als Lebensmittel ist in Deutschland erlaubt. Anders als in Belgien, Frankreich oder der Schweiz, wo Pferdefleisch auch in gewöhnlichen Supermärkten verkauft wird, sind in Deutschland aber nur 0,05 Prozent der gesamten Fleischmenge Pferdefleisch.

Wie kommen Medikamente in das als Lebensmittel deklarierte Pferdefleisch?

Seit 2000 müssen Pferde in der EU einen sogenannten "Equidenpass" tragen. Dieser weist aus, ob es ein Lebensmittelpferd oder ein Nichtlebensmittelpferd ist. Lebensmittelpferde unterliegen viel strengeren Auflagen, zum Beispiel bei der Gabe von Medikamenten.

In Pferdefleisch werden aber nach Angaben von Verbraucherschützern häufig Medikamente wie das Asthma-Mittel Clenbuterol oder das Rheuma-Medikament Phenylbutazon gefunden, die in Lebensmitteln nicht erlaubt sind, Medikamente, die aber häufig bei Pferden therapeutisch oder als Dopingmittel benutzt werden.

Nach Ansicht der Verbraucherschützer zeigt dies, dass die bestehende Regelung zur Trennung von Pferden in Lebensmittel- und Nichtlebensmitteltiere nicht funktioniert.

Wie werden Lebensmittel kontrolliert?

Bevor die falsche Deklaration von Pferdefleisch als Rindfleisch bekannt wurde, sind Rindfleischprodukte in Deutschland nicht routinemäßig auf Pferdefleisch untersucht worden. Die Lebensmittelüberwachung ist föderal organisiert, die Bundesländer sind also dafür zuständig. In erster Linie kontrollieren die Unternehmen ihre Produkte selbst, die Lebensmittelüberwachung kontrolliert diese stichprobenartig.

Seit 1989 regelt der "Nationale Rückstandskontrollplan" die Untersuchung von Lebensmitteln tierischen Ursprungs auf Rückstände unerwünschter Stoffe, beispielsweise von Medikamenten. Die Proben werden nicht flächendeckend entnommen, sondern "risikobasiert", wie es heißt. Das bedeutet, dass Kenntnisse über örtliche Umstände berücksichtigt werden oder dass Hinweisen nachgegangen wird.

Aus den aktuellen Fällen zieht die EU die Konsequenz, dass flächendeckend Fleischprodukten DNA-Proben entnommen werden sollen, um so falsch deklariertes Pferdefleisch zu identifizieren.

Reichen die bestehenden Kontrollen aus?

Ja, sagt das Bundesministerium für Verbraucherschutz. Schließlich seien die aktuellen Fälle bei den Selbstkontrollen der Unternehmen aufgefallen. Handlungsbedarf bestehe deshalb nicht.

Verbraucherschützer sehen das anders. "Wenn zwei Monate lang Pferdefleisch als Rindfleisch deklariert nach Deutschland geliefert wird, und es fällt niemandem auf, dann sieht man, dass die bereits vorhandenen Kontrollintrumente nicht ausreichen", sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Politik dürfe sich deshalb nicht länger auf die Eigenkontrollen der Firmen verlassen.

Zudem kritiseren Verbraucherschützer Mängel in der Herkunftsbezeichnung. Bei verarbeiteten Produkten sind die Hersteller, anders als bei frischem Fleisch, nicht verpflichtet, die Herkunft des Fleisches auszuweisen. Wer eine Tiefkühl-Lasagne kauft, erfährt also nicht unbedingt, aus welchem Land das Fleisch stammt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. April um 20:00 Uhr.

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