Umfrage: Deutschlands Radfahrer immer unzufriedener

Umfrage des Fahrradclubs ADFC

Deutschlands Radfahrer immer unzufriedener

Wie fahrradfreundlich sind Deutschlands Städte? Diese Frage will der "5. ADFC-Fahrradklima-Test" beantworten. Das Bundesverkehrsministerium deutet die Ergebnisse positiv: Es herrsche ein "überwiegend heiteres" Fahrradklima. Dabei zeigt die Umfrage: Es gibt eine Menge Handlungsbedarf.

Von Martin Gent, WDR-Wissenschaftsredaktion

Der aktuelle "Fahrradklimatest" ist der fünfte dieser Art. Somit hat es fast schon Tradition, dass den Radfahrern in Deutschland vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) 27 Fragen gestellt wurden.

Wenn man nur auf das Gesamtergebnis sieht, hätte tatsächlich eine einzige Frage, nämlich die zweite des umfangreichen Fragebogens gereicht: "Werden Radfahrer/innen als Verkehrsteilnehmer akzeptiert?" Tatsächlich zeigt nämlich die Antwort auf diese Frage eine deutliche Übereinstimmung mit der durchschnittlichen Bewertung der Fahrradfreundlichkeit der 332 Städte im aktuellen Test. Die Tendenz weist in diesem Wertungspunkt, wie in anderen auch, eindeutig nach unten. Das "Fahrradklima", also die von Radfahrern empfundene Fahrradfreundlichkeit ihrer Städte wird messbar schlechter - und dass, obwohl viele Kommunen und Kreise in eine explizite Radverkehrsförderung eingestiegen sind.

Münsters Vorsprung schmilzt

In der im Herbst vor allem online durchgeführten Befragung wollte der Fahrradclub zum Beispiel wissen, ob Radfahren Spaß macht, wie gut Radwege im Winter geräumt werden, ob man sich als Radfahrer sicher fühlt und ob es überall komfortable und sichere Abstellmöglichkeiten gibt.

Blick auf den Prinzipalmarkt in Münster. (Bildquelle: picture-alliance/ dpa)
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Münster gilt noch immer als Hochburg der Fahrradfahrer - der Vorsprung wird allerdings kleiner.

Wie im letzten "Fahrradklimatest" von 2005 kann sich Münster bei den Großstädten (über 200.000 Einwohner) wieder ganz vorn platzieren. Aber die Noten werden von Mal zu Mal schlechter. Im Jahr 2003 noch 1,9, 2005 dann eine glatte 2 und jetzt nur noch 2,6. Dicht aufgerückt ist Freiburg, das 2005 nicht vertreten war. Erlangen siegt als traditionelle Fahrradstadt bei den Städten in der Kategorie 100.000 bis 200.000 Einwohner.

Einen großen Sprung nach vorn hat Karlsruhe gemacht. Die Stadt will "Fahrradstadt Nummer eins in Süddeutschland" werden, konnte sich seit dem letzten Test um eine halbe Note verbessern und erzielt dadurch einen achtbaren vierten Platz unter den Großstädten.

Glücklich radeln in Bocholt

Noch zufriedener als in Münster, wo das Rad längst Verkehrsmittel Nummer eins ist, sind Radfahrer jedoch in Bocholt, Rees und Rhede, den Siegern bei den Städten in der Kategorie bis 100.000 Einwohner. Dieses nordrhein-westfälische "Triumvirat" nahe der holländischen Grenze konnte sogar die Studentenstadt Münster überrunden. Besser als in Bocholt kann man dem Test zufolge in Deutschland nirgends Rad fahren (Note 2,16).

Besonders erfreulich ist, dass es neben Karlsruhe weitere Aufholer gibt, die sich überdurchschnittlich erfolgreich entwickelt haben: Potsdam und Kassel gehören als Großstädte zu dieser Gruppe, Wernigerode, Filderstadt und Wilhelmshaven bei den Städten unter 100.000 Einwohnern. Wenn Städte sich engagieren, um Menschen aufs Rad zu bringen, zahlt sich das nach Ansicht des ADFC aus. Der Club nennt ausdrücklich München mit seiner "Radlhauptstadt"-Kampagne und Frankfurt: Die Mainmetropole setze mit seinem Radfahrbüro "Standards der Radverkehrsförderung".

Stillstand bedeutet Rückschritt

Straßenschild Fahrradstraße (Bildquelle: dpa)
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Laut Bundesverkehrsministerium besitzen rund 80 Prozent der Menschen in Deutschland ein Rad - das seien etwa 73 Millionen Fahrräder, die immer öfter zum Einsatz kämen.

Ganz das Gegenteil muss bei den Schlusslichtern passiert sein, nämlich wenig bis nichts. Bei den Großstädten liegen Siegen, Bergisch Gladbach und Pforzheim auf den letzten Plätzen, alle schlechter als Note 4,5. Auch in kleineren Städten sind Radfahrer nicht automatisch glücklich. In Heiligenhaus, Lüdenscheid, Zwickau und Linsengericht hagelt es ebenfalls schlechte Bewertungen.

Dabei kann die Ausrede, dass in bergigen Gegenden sowieso niemand Rad fährt, immer weniger überzeugen. Zum einen bügeln die boomenden E-Bikes so manche Steigung platt, zum anderen zeigen andere Städte, dass trotz hügeligen Terrains im Test auch achtbare Plätze im Mittelfeld möglich sind, beispielsweise Bielefeld, Kassel und Lemgo.

Hamburg hat den letzten Platz unter den Großstädten im letzten Test zum Anlass genommen, mehr für den Radverkehr zu tun. Ein klitzekleiner Erfolg ist schon sichtbar, die Note ist einen Tick besser. Für Kommunen, die in eine Radverkehrsförderung einsteigen wollen, können die Detailergebnisse zu den 27 Fragen eine wertvolle Hilfe sein. Schnell ist zu erkennen, wo es am meisten hakt.

Fahrradförderung ist Daueraufgabe

Insgesamt bewerten die Radfahrer ihre Kommunen jedenfalls schlechter als vor sieben Jahren. Der ADFC glaubt nicht, dass sich die Situation für Radfahrer tatsächlich verschlechtert hat. "Wir nehmen an, dass sich in den letzten Jahren ein stärkeres Bewusstsein für die Probleme von Radfahrern gebildet hat", meint der ADFC-Bundesvorsitzende Ulrich Syberg. "Zu enge Radwege, mangelnde Abstellmöglichkeiten und Desinteresse der Politik" sorgten für schlechtere Bewertungen, vermutet der Club in einem Papier zum Klimatest.

ADFC-Fahrradklima-Test 2012

Die Befragung ist nach Angaben des ADFC die weltweit breiteste Erhebung dieser Art. Unterstützt wurde das Projekt vom Bundesverkehrsministerium und der Fahrrad-Handelsgruppe ZEG. Die rund 79.000 Interviews wurden von infas, Institut für Sozialforschung Bonn, ausgewertet. Von der Anlage her ist sie nicht repräsentativ und das Verfahren ist nicht manipulationssicher. Allerdings deuten die Ergebnisse, auch der vorhergehenden Fahrradklimatests von 1988, 1991, 2003 und 2005 darauf hin, dass die Methode zu brauchbaren Ergebnissen führt.

Objektiv festzustellen ist ein deutliches Wachstum des Radverkehrs. 2011 stellte das Mobilitätspanel Deutschland fest, dass seit 2002 der Radverkehr um mehr als 50 Prozent zugelegt hat. Zugenommen hat nicht nur die Zahl der Radfahrer im Alltagsverkehr, sondern auch die Länge der Wege. Der Aufwärtstrend könnte seit 2010 noch an Tempo zugelegt haben. Die Stadt Köln, wo Radfahrer automatisch gezählt werden, berichtete vor Kurzem von einer "rasanten Dynamik": In nur drei Jahren wurden 32 Prozent mehr Radfahrer registriert.

Vielerorts kommt die Infrastruktur diesem Wachstum nicht hinterher. Es ist fast überall zu wenig Platz auf den Radwegen, zumal mit radelnden Berufspendlern und E-Bike-Nutzern auch die Geschwindigkeitsunterschiede größer werden. Mit Nichtstun wollen sich die Radfahrer oft nicht mehr zufrieden geben - sie werden anspruchsvoller und selbstbewusster. Angesichts dieser Entwicklung reicht es offenbar auch nicht, mal etwas für den Radverkehr getan zu haben. Nur Städte, die aktiv am Ball bleiben, können bei den Radfahrern punkten.

Nur Komplettpakete sind erfolgreich

Wichtig ist, dass nicht einseitig in Infrastruktur investiert wird. Auch der seit Januar gültige "Nationale Radverkehrsplan" sieht eine "integrierte Radverkehrsplanung" vor. Eine gute Infrastruktur mit sorgfältig geknüpften Radverkehrsnetzen ist danach unerlässliche Grundlage der Fahrradförderung. Ein Bekenntnis der Politik zum Rad ("Fahrradkultur") und Serviceangebote (zum Beispiel Gepäckaufbewahrung, Lieferdienste, E-Tankstellen) gehören aber zwingend dazu. In Maßnahmen wie diesen drückt sich vor allem Wertschätzung aus. Ein Zeichen dafür ist auch, dass Politiker nicht nur über Radfahren reden, sondern es im Alltag abseits der Pressetermine auch tun.

Schnee in Düsseldorf (Bildquelle: dpa)
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"Sind die Radwege geräumt?" war eine von 27 Fragen im Fahrradklima-Test.

Der Lackmustest ist aber schließlich die Frage, ob auch Geld in den Radverkehr fließt. Der Nationale Radverkehrsplan empfiehlt ein jährliches Fahrradbudget von acht bis zu 19 Euro je Einwohner, tatsächlich werden vom Bundesverkehrsministerium und vielen Kommunen aber nur Cent-Beträge investiert. Zwar gilt die Förderung des Radverkehrs als eine der günstigsten Maßnahmen, um städtische Verkehrsprobleme zu lösen, tatsächlich ist - wie der aktuelle Fahrradklimatest zeigt - aber noch jede Menge zu tun.

Unterm Strich erreichten die 332 Städte im Test eine Gesamtbewertung von 3,77 - als Schulnote wäre das wohlwollend eine Vier plus. Unverständlich, wie das Bundesverkehrsministerium angesichts dieser Ergebnisse das "Fahrradklima" als "überwiegend heiter" bezeichnen kann.

Stand: 01.02.2013 15:22 Uhr

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