Elif

Verschollen im türkisch-syrischen Grenzgebiet Elif Ö. - aus München zum IS?

Stand: 16.03.2015 20:17 Uhr

Wie kann aus einem modernen Teenager in kürzester Zeit eine IS-Sympathisantin werden? Reporter von WDR, NDR und "SZ" zeichnen den Fall der 16-jährigen Elif nach, die sich der Terror-Miliz IS in Syrien angeschlossen haben soll - und begleiten einen verzweifelten Vater auf der Suche nach seiner Tochter.

Von Georg Heil, Britta von der Heide, Christian Baars, Volkmar Kabisch und Katja Riedel

"Nur noch 15 Tage in Shaa Allah", schreibt Elif Ö. Mitte Februar mit grünem Filzstift auf einen karierten Zettel. Heute werde sie ihr Flugticket kaufen - so Gott es wolle. "Ich muss ehrlich sein, ein bisschen Angst habe ich." Elif ist 16 Jahre alt, in Bayern aufgewachsen. Seit Anfang März ist sie verschwunden. Vieles spricht dafür, dass sie sich der Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien angeschlossen hat - möglicherweise als Ehefrau eines Kämpfers.

Ein Team von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" hat den Vater Atila Ö. auf seiner verzweifelten Suche nach Elif begleitet und mit ihrer Familie in München gesprochen. Diese versucht zu begreifen, wie es soweit kommen konnte, warum sich ihre Tochter so radikalisiert hat.

Plötzlich ist alles anders

Vor einem Jahr hatte noch nichts darauf hingedeutet. Elif war damals 15 Jahre alt, lebte mit ihrer mitnichten streng religiösen Familie in dem Münchener Vorort Neuried. Sie hatte die Haare blondiert, trug ein Zungenpiercing, oft auch High-Heels und trank Alkohol. Im April 2014 fällt sie betrunken in die Isar in München, sie hat 1,8 Promille im Blut - mit Mühe kann sie gerettet werden. Danach ist alles anders.

Elif ist plötzlich immer mehr in islamistischen Gruppen bei Facebook unterwegs. Sie ist ständig online mit dem Smartphone, Tag und Nacht - auch in der Whatsapp-Gruppe "I love Allah." Alles bekommt dort von ihr den Daumen nach oben oder das Victory-Zeichen: islamische Heiratsvermittlungen, Kleider aus dem Muslim-Shop und Bilder, die Bärtige im Kampfanzug mit Kalaschnikows zeigen.

Eine Welt voller Teenagergequatsche und Islamisten-Slang, voller "In shaa Allahs" und anderer arabischer Versatzstücke, mit denen sie um sich werfen. Elif spricht so wie die anderen, sie will dazugehören. Dabei kann Elif gar kein Arabisch, selbst ihr Türkisch ist mäßig. Zu Hause sprechen sie meist Deutsch.

Elif tauscht sich auch über Heiratsmöglichkeiten aus. Einer Freundin schickt sie ein Foto. Zu sehen sind zwei junge Männer mit Bart, vor ihnen eine Limo-Flasche mit arabischer Aufschrift. Elif fragt die Freundin, welchen der beiden sie attraktiver finde.

Zweite Chance von Allah

Elif wechselt ihre Kleidung, trägt erst Kopftuch, dann ein langes Gewand, das die Körperkonturen verhüllt, und schließlich sogar eine Burka und Handschuhe. Aber nicht zuhause. Vor ihren Eltern versucht sie, dies zu verheimlichen. "Wir wussten nicht, dass sie außerhalb des Hauses einen Schleier trägt", sagt die Mutter. In einer Garage auf dem Weg zur Schule habe sie sich umgezogen, erzählen die Geschwister. Eren, ihr kleiner Bruder, hat sie gefragt, warum sie sich so krass verändert habe: "Sie hat halt gesagt, sie hat von Allah eine zweite Chance für ihr Leben gekriegt", erzählt er.

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Plötzlicher Wandel: Erst zeigt sich Elif gepierct und blondiert, ...

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... dann verschleiert.

Eine Schwächephase, ein kritisches Ereignis im Leben, eine Identitätskrise. Typisch, sagen Psychologen, eine häufige Ursache, wenn sich junge Menschen plötzlich einem radikalen Glauben zuwenden.

Elif kommt in den sozialen Netzwerken über eine Gruppe schließlich in Kontakt mit einer Frau, die ihr ein gottgefälliges Leben anpreist - in Syrien. Sie selbst stamme aus Deutschland und lebe jetzt dort. Einer Bekannten von Elif bietet die Frau sogar an, ihre Reise nach Syrien zu bezahlen. Elif verfällt den Versprechungen der Frau. "Ich liebe sie sehr für Allah", schreibt Elif in ihren Notizen. "Ohne sie hätte ich ja nicht den Mut, Hijra in Shaa Allah zu machen." – "Hijra in Shaa Allah": "Auswanderung, so Gott will" - weg aus dem Land der Ungläubigen.

Ein neuer Trend

 "Ich kann es kaum erwarten", schreibt Elif in ihren Notizen. Endlich müsse sie den Schleier nicht mehr heimlich tragen. "Ich warte sehnsüchtig auf den 28.2., ein Tag, der mein Leben in Shaa Allah komplett verändern wird." Sie hasse Deutschland, schreibt sie auf einen weiteren Zettel und notiert: "Mit Kalashnikov im Jihad", im Namen Allahs, und ergänzt "Dawlatul Islam", den arabischen Ausdruck für die Terrororganisation "Islamischer Staat". Sicherheitsbehörden haben in den vergangenen Monaten verstärkt Ausreisen junger Frauen nach Syrien beobachtet, auch viele Minderjährige sind dabei. Sie sprechen von einem neuen Trend.

Elif hat ihre Reise minutiös geplant. Sie schlachtet ihr Sparschwein, bittet eine Freundin, ihr das Ticket zu kaufen - für ein Wochenende, an dem ihre Mutter nicht zu Hause ist. 13 Tage vor dem Abflug notiert sie, sie werde in der Nacht vor der Reise bei einer Freundin in München "pennen". Ihren Reisepass nimmt sie heimlich aus dem Wohnzimmerschrank und erzählt ihren Eltern, sie wolle übers Wochenende zu einer alten Schulfreundin nach Landsberg am Lech fahren und dort übernachten.

Am 28.2. um 4:00 Uhr morgens verlässt sie die Wohnung ihrer Freundin in München. Ein paar Tage zuvor hat sie mehrere ihrer Profile in sozialen Netzwerken gelöscht, ihre SIM-Karte gewechselt. Die alte Karte hat sie zerschnitten und in ein Kaugummi gesteckt. Offenbar will sie ihre Spuren verwischen. Es scheint, als ob sie dazu eine Anleitung erhalten habe.

Beamte haben keine Bedenken

Am Flughafen in München gelingt es Elif ohne Probleme, in den Flieger nach Istanbul zu steigen. Die Bundespolizei lässt sie passieren, sie hat offenbar keine Bedenken, dass eine Minderjährige alleine aus Europa herausfliegt. Sie habe normal ausgesehen, berichten die Beamten später, keine Burka getragen. Das bestätigt auch die Freundin, bei der Elif übernachtet hat. Ihr sei aufgefallen, dass Elif extra "westliche Kleidung" angezogen habe.

Atila Ö.
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Elifs Vater, Atila Ö., ist nach Istanbul geflogen, um seine Tochter zu suchen. Auch eine Facebook-Gruppe hat er gegründet.

Überwachungsvideos vom Istanbuler Flughafen Atatürk zeigen das Mädchen mit einer anderen Frau, von der sie sich mit Küsschen verabschiedet. Elif steigt allein in ein Taxi. Der Fahrer bringt sie zum Busbahnhof. Sie erzählt ihm, sie wolle nach Gaziantep - in den Südosten der Türkei. Tatsächlich steigt sie noch in der Nacht in einen Bus, der von Istanbul dorthin fährt. Auch das belegen Überwachungsvideos. In Gaziantep, nur etwa 60 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, kommt sie Sonntagfrüh zwischen 4:30 und 5:00 Uhr an. Nur etwa eine Stunde später schaltet sie ihr Handy aus, am 1.3. um 6:00 Uhr. Es ist die letzte Spur von Elif.

Am selben Tag bemerken die Eltern in München, dass ihre Tochter nicht mehr da ist. Sie erstatten Vermisstenanzeige. Einen Tag später fliegt der Vater selbst in die Türkei. Seitdem sucht er rastlos nach ihr, zeigt Fotos von seiner Tochter am Busbahnhof in Gaziantep, spricht jeden an, der etwas wissen könnte. Sogar das türkische Fernsehen hat er um Mithilfe gebeten und eine Facebook-Gruppe "Findet Elif" gegründet. Doch die 16-Jährige bleibt spurlos verschwunden.

Verzweifelte Suche nach Elif Ö.
tagesthemen 22:15 Uhr, 16.03.2015, B. von der Heide/V. Kabisch, NDR/G. Heil, WDR

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