"Krautreporter"-Bilanz nach einem Jahr Auf der Suche nach dem Zukunftsmodell

Stand: 14.06.2015 17:42 Uhr

Das Projekt "Krautreporter" hat seinen ersten Geburtstag gefeiert. Vor einem Jahr sammelten die Macher des neuen Onlinemagazins über eine Crowdfunding-Kampagne knapp eine Million Euro. Seither gab es viel Kritik, nun präsentieren sich die "Krautreporter" zurückhaltender - auch, weil sie weitere Abonnenten dringend brauchen.  

Von Caroline Ebner, tagesschau.de

Eine große Sommerparty sollte es werden, 500 Leser der "Krautreporter" hatten zugesagt - doch wegen eines Gewittersturms, der über Berlin fegte, sind am Ende nur rund 100 in eine Berliner Open-Air-Bar gekommen. Herausgeber Sebastian Esser will das nicht als Zeichen für die Zukunft des Projekts werten, für die er mit seinen Mitstreitern kämpft. "Wir wissen ja aus unseren Nutzungsdaten, dass uns mehrere tausend unserer Mitglieder mindestens einmal in der Woche lesen."

Krautreporter-Gründer Sebastian Esser | Bildquelle: dpa
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"Durch die Aufmerksamkeit wurde 'Krautreporter' zu einem Schicksalsprojekt", sagt Herausgeber Sebastian Esser.

Ob und wie viele von ihnen in den nächsten Monaten ihre Mitgliedschaft bei den "Krautreportern" verlängern und ihnen auch fürs zweite Jahr 60 Euro geben werden, dazu wagt Esser keine Prognose. Eine Zukunft habe das Projekt aber nur, wenn mindestens 6000 der 15.000 Unterstützer aus dem ersten Jahr ihr Abonnement verlängern - zusätzlich zu den rund 3000 zahlenden Lesern, die sie im Laufe des Jahres hinzugewonnen haben, so die Rechnung der "Krautreporter". Dies sei die "Untergrenze", mit der sie Esser zufolge das Onlinemagazin weiterführen könnten, wenn auch in kleinerem Umfang.

Hohe Erwartungen

Vor einem Jahr hatten die "Krautreporter" längst nicht so tiefgestapelt: "Der Onlinejournalismus ist kaputt - wir kriegen das wieder hin." Mit diesem Anspruch waren sie im Frühjahr 2014 angetreten, um für ihr Projekt zu werben. Aufmerksamkeit war ihnen damit gewiss - doch die Kritik angesichts des vor allem in der Medienbranche als überheblich empfundenen Auftritts ebenso. "Durch die Aufmerksamkeit wurde 'Krautreporter' zu einem Schicksalsprojekt, viele Journalisten haben sämtliche ihrer Hoffnungen da rein projiziert", sagt Herausgeber Esser rückblickend.  

Denn "Krautreporter" war und ist das bislang größte Crowdfunding-Projekt im deutschen Onlinejournalismus. Die direkte Finanzierung durch den Leser im Vorfeld durch eine Art Vertrauensvorschuss ist in den USA und anderen Ländern schon weitaus üblicher. Auch in Deutschland war deshalb die Hoffnung  auf ein neues Geschäftsmodell für den Journalismus groß - erst recht als es Esser und seinen Kollegen gelang, die notwendigen 15.000 Unterstützer innerhalb eines Monats zusammenzubekommen, wenn auch unter kräftiger Mithilfe von Großspendern wie der Rudolf-Augstein-Stiftung und "Der Freitag"-Herausgeber Jakob Augstein.

"Die 'Krautreporter' haben damit zumindest gezeigt, dass Onlinejournalismus einen Wert hat", bilanziert der Gründer des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom), Karsten Wenzlaff.

Klassische Redaktionsstruktur

Gut vier Monate nach dem Ende der Crowdfundingkampagne, im vergangenen Oktober, ging "Krautreporter" online. Den Journalismus hätten die Macher des Onlinemagazins allerdings nicht revolutioniert, so Crowdfunding-Spezialist Wenzlaff. Denn wie klassische Medien auch arbeiten die "Krautreporter" nach ihren Anlaufschwierigkeiten als Autorenplattform inzwischen wie eine klassische Redaktion mit Chefredakteur.

Krautreporter-Chefredakteur von Streit mit Lesern
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Krautreporter-Chefredakteur Alexander von Streit (3. v.l.) im Gespräch mit Lesern

Auch mit dem versprochenen Community-Journalismus hatten die "Krautreporter" zunächst etwas zu kämpfen: "Wir mussten lernen, dass die Leser erst einmal wollen, dass wir unseren Job als Journalisten machen und die Community erst dann fragen, wenn wir an einem bestimmten Punkt nicht mehr weiterkommen", räumte Esser bei der Geburtstagsfeier gegenüber den Mitgliedern ein. Denn auch bei "Krautreporter" nutzen nur wenige Mitglieder die Möglichkeit, Artikel zu kommentieren - obwohl es genau diese Funktion ist, die ihnen als zahlende Mitglieder exklusiv zur Verfügung steht.

ikosom-Gründer Wenzlaff sieht inzwischen aber gute Ansätze bei der Einbeziehung der Leser, zum Beispiel sei nach den Anschlägen in Paris versucht worden, gemeinsam mit der Community eine andere Herangehensweise zu entwickeln". Zumindest international sind die "Krautreporter" damit allerdings nicht allein: Auch der englische "Guardian" beginnt Recherchen durchaus mit einer Frage an die Leser, zum Beispiel über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Harte Kritik im Netz – Lob vor Ort

Auch beim Inhalt fehlt es vielfach an wirklich Neuem und Überraschendem: Verbraucherthemen und der Nahostkonflikt sind auch bei anderen Medien zu finden. "Die "Krautreporter" haben keine Relevanz entfaltet", kritisiert der Journalist und Blogger Falk Steiner. Dabei hätten die Macher vor einem Jahr eben genau das, nämlich tiefgründige Geschichten jenseits des Tagesaktuellen, versprochen.

Damit ist er nicht allein: In den vergangenen Monaten hagelte es vor allem auf Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook Kritik. Auch Bloggerin Meike Lobo bekräftigt aktuell noch einmal ihre Haltung, die sie vor einigen Monaten auf ihrem Blog veröffentlicht hatte: Sie bemängelt, "die journalistische Qualität  hat wieder stark abgenommen". "Krautreporter" sei deshalb nur noch eine "Randnotiz" in ihrem Medienhorizont, so Lobo.

Die Leser, die zum Teil mehrere Stunden Fahrt in Kauf genommen haben, um ein Jahr nach dem erfolgreichen Crowdfunding zu feiern und tagsüber die Redaktion kennenzulernen, haben die "Krautreporter" größtenteils überzeugt: Sie wollen auch im kommenden Jahr 60 Euro geben und wären vielfach auch zu einem höheren Beitrag bereit. Als Signal will dies aber sogar Herausgeber Esser nicht werten. Nach einer Mitgliederbefragung per Mail in der kommenden Woche hofft er auf mehr Gewissheit - in welche Richtung auch immer.

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