Jörn Schneider: Er möchte sich jetzt ehrenamtlich engagieren - und Deutschkurse anbieten

Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen An die eigene Grenze kommen - und weiterhelfen

Stand: 26.02.2016 03:45 Uhr

Jeder zehnte Deutsche engagiert sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Wo sind die Helfer immer noch so enthusiastisch, wo stoßen sie an Grenzen - und wo helfen sie dennoch weiterhin?

Von Jan Koch, WDR

"Davon lassen wir uns nicht unterkriegen. Wir machen weiter, jetzt erst recht", erklärt Monika Blumenthal. Gemeinsam mit drei Flüchtlingen sitzt sie am Tisch, lernt mit ihnen Deutsch. Jede Woche kommt sie ins Café Grenzenlos, einem Treff im Dormagener Bürgerhaus. Es ist eines von sechs Flüchtlingscafés im nordrhein-westfälischen Dormagen.

Monika Blumenthal: "Wir machen weiter, jetzt erst recht"
galerie

Monika Blumenthal: "Wir machen weiter, jetzt erst recht"

Klar reden sie untereinander über Clausnitz, Bautzen oder Heidenau, unterhalten sich über die Kölner Silvesternacht oder auch den Erfolg der AfD. "Das interessiert alle Flüchtlinge genauso wie uns", erzählt Blumenthal. "Aber das schreckt uns nicht ab."

Jeder zehnte Deutsche engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Das ergab eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands. Tendenz steigend. Jörn Schneider ist diese Woche zum ersten Mal zum Dormagener Treff gekommen. Er schaut in die Runde, eine kurdische Familie lernt erste Worte. Schneider setzt sich daneben und hilft bei der Aussprache. "Ich will einen Deutschkurs anbieten", sagt er, "mal sehen wie viele kommen."

Ehrenamtler wie Schneider oder Blumenthal sehen keinen Grund, ihr Engagement infrage zu stellen. 47 Prozent der Befragten in der Studie gaben an, lieber Geld oder Sachen zu spenden. Zehn Prozent sind aktiver: lernen mit Flüchtlingen Deutsch, begleiten sie zu Behörden oder betreuen Kinder.

"Nicht nur auf der Couch sitzen"

Auch Marcus Valder gehört zu diesen zehn Prozent. Im Herbst 2014 ging es los: "Es war mir einfach klar - ich muss was tun und nicht nur auf der Couch sitzen", erzählt der Kölner Schreinermeister. "Aber irgendwann kommt man einfach an seine Grenzen." Valder hat sein Engagement heruntergefahren. Der Familienvater hat Flüchtlingsunterkünfte betreut oder an einem Kölner Gymnasium den Kontakt zwischen Schülerschaft und Flüchtlingskindern hergestellt. Er kümmert sich auch heute noch um einzelne Familien, aber: "Man stößt an vielen Stellen einfach nur auf Probleme. Schnell und spontan zu helfen, ist schwer möglich. Über viele nötige Anschaffungen muss man lange und ausgiebig diskutieren." Er erzählt von einer Anzeige gegen ihn, weil kiloweise Kleidung in Turnhallen falsch gelagert worden sei; von städtischen Mitarbeitern, die sich mit Flüchtlingen partout nur auf Deutsch unterhalten würden. "Manches will mir nicht in den Kopf."

Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes: "Das Engagement ist nach wie vor geradezu überwältigend"
galerie

Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes: "Das Engagement ist nach wie vor geradezu überwältigend"

Rotes Kreuz: Engagement überwältigend

An die eigene Grenze kommen und trotzdem: "Das Engagement ist nach wie vor geradezu überwältigend", sagt Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), einer der großen Sozialträger in Deutschland, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Von den rund 25.000 DRK-Helfern engagieren sich 20.000 ehrenamtlich. Die Diakonie geht im kirchlich-diakonischen Bereich bundesweit von 120.000 Menschen aus, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Flüchtlinge in der Uni-Sporthalle - die Studenten helfen

So wie auch der Allgemeine Studentenausschuss (Asta) in Düsseldorf. Als im Oktober die Uni-Sporthalle bis zum Jahresende zur Flüchtlingsunterkunft wurde, bot der Asta Stadt und DRK Hilfe an. "Es war zwar erst unklar, wie die Studenten darauf reagieren, dass sie in diesem Semester erstmal auf einige Hochschulsportaktivitäten verzichten müssen", erzählt Michael Swoboda aus dem Asta-Team, "als dann so viele Studenten helfen wollten, war klar, dass das kein Problem ist." Auch nächste Woche nicht, wenn wieder Flüchtlinge in die Sporthallen ziehen - und das obwohl die Stadt Düsseldorf eigentlich darauf verzichten wollte, wieder die Uni-Anlagen zu nutzen. "Wenn es nicht anders geht, dann geht es nicht anders", sagt Swoboda.

Johanniter fordern Geld für Koordination der Helfer

"Viele arbeiten jedoch auch an der Grenze ihrer Belastbarkeit", meint Seiters vom DRK. "Sollte die jetzige Entwicklung andauern, müssen die Bundesländer prüfen, wieweit sie für die ehrenamtlichen Helfer eine ähnliche Regelung wie bei den Freiwilligen Feuerwehren und beim Technischen Hilfswerk schaffen können." Also die Möglichkeit eines Freistellungsanspruchs gegenüber dem Arbeitgeber und einen Anspruch auf Lohnfortzahlung. Die Johanniter-Unfall-Hilfe fordert: "Sinnvoll wäre eine stärkere staatliche Finanzierung der Ehrenamtskoordination." Alle sind sich aber einig: "Staat und Zivilgesellschaft arbeiten gut zusammen", schreibt zum Beispiel Caritas Deutschland. "Eine so große Aufgabe kann der Staat allein nicht bewältigen."

"Zeigen, dass wir das sehr wohl schaffen können"

Dass die vielen ungezählten Helfer notwendig sind, betonte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Ich bin davon überzeugt, dass wir die Herausforderungen ohne Freiwillige nicht stemmen können. Deshalb sind wir auch den vielen Helfern dankbar." Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen Flüchtlingen helfen, hat aber auch das Ministerium nicht.

Wie viele Menschen nicht helfen, steht allerdings in der EKD-Studie: 53 Prozent können sich nicht vorstellen, Geld zu spenden. Für 39 Prozent kommt nicht infrage, eine Flüchtlingsunterkunft zu unterstützen.

"Wir Ehrenamtler müssen dafür sorgen, dass sich genau diese passive Mehrheit engagiert", ist der Kölner Helfer Marcus Valder überzeugt. "Dann können wir dem Teil unserer Gesellschaft, der hetzt und wahrscheinlich noch nie im Leben etwas mit Flüchtlingen zu tun hatte, zeigen, dass wir das sehr wohl schaffen können."

Darstellung: