Karl Kreile und Bodo Mende schneiden im Rathaus Schöneberg in Berlin die Hochzeitstorte an. | Bildquelle: dpa

Ehe für alle Historischer Tag für Lesben und Schwule

Stand: 02.10.2017 10:05 Uhr

Jahrzehnte haben Aktivisten dafür gekämpft: Ab 1. Oktober dürfen Homosexuelle in Deutschland heiraten. Mehrere Paare lassen sich gleich am Sonntag trauen. Im Familienrecht sind manche Fragen allerdings noch ungeklärt.

Von Birand Bingül, WDR

Einige haben so lange auf diesen Tag gewartet, dass sie keine Zeit verlieren wollen: Am ersten Tag, an dem das "Eheöffnungsgesetz" gilt, geben sich homosexuelle Paare in Berlin, Hamburg, Hannover und Frechen bei Köln feierlich das Ja-Wort. Das sei "ein historischer Einschnitt", für den man 25 Jahre gekämpft habe, heißt es beim Lesben- und Schwulenverband.

Zu den ersten Paaren werden auch Rieke Brendel und Uta Deuber aus Köln gehören. In einigen Tagen gehen sie zu dritt, mit ihrem Sohn Theo, zur "formlosen Bürotrauung", wie das im Amtsdeutsch leidenschaftslos heißt. Groß gefeiert haben sie schon 2013, als sie die Lebenspartnerschaft eingingen. Als "Ehe zweiter Klasse" hätten sie das empfunden, sagen sie. Die Party war trotzdem gut.

Ein lesbisches Ehepaar | Bildquelle: Birand Bingül / WDR
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Eine glückliche Familie: Rieke Brendel, Uta Deuber und Sohn Theo

Warum sie jetzt ein zweites Mal heiraten? Rieke Brendel, die im Literaturbetrieb und als Dokumentarfilmerin arbeitet, sagt: "Wir wollen gleichberechtigt sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger." Und Uta Deuber, Juristin in einem Versicherungskonzern, ergänzt: "Mir geht es ums Prinzip. Wir leben dieselben Werte, haben eine ernsthafte Beziehung, stehen füreinander ein. Wo ist der Unterschied?"

Kritiker: Ehe meint Mann und Frau

Für einige sehr konservative und religiöse Organisationen ist die gleichgeschlechtliche Ehe ein rotes Tuch. Sie kämpfen nach wie vor für den klassischen Bund fürs Leben zwischen Mann und Frau. Das Aktionsbündnis "Demo für alle" zum Beispiel hat kurz vor der Wahl eine Bustour durch Deutschland gemacht, angeführt von Frontfrau Hedwig von Beverfoerde.

Das Credo des Bündnisses lautet: "Das Wesen der Ehe als Lebensbund zwischen Mann und Frau ist nicht von menschlichen Gesetzgebern erfunden, sondern vorstaatlich und kann weder von Parlamenten noch vom Zeitgeist verändert werden." Die entsprechende Online-Petition des Bündnisses "Ehe bleibt Ehe" an Kanzlerin Merkel haben 194.000 Menschen unterschrieben.

"In Eure Hölle komme ich eh nicht"

Außerdem tut sich die katholische Kirche auch schwer mit den gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften. Das sei etwas anderes als das heilige Sakrament der Ehe. Beim Stichwort Kirche verdreht Rieke Brendel die Augen. "Wir sind nicht in der Kirche. Da denke ich: In Eure Hölle und in Euren Himmel komme ich eh nicht."

Das schärfste Schwert der Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe wäre eine Verfassungsklage. Die AfD hatte im Sommer erklärt, sie wolle vor Gericht ziehen. Bleibt es dabei? Auf Anfrage von tagesschau.de beim Bundessprecher der AfD heißt es: Für eine Klage gegen das Gesetz benötige man 25 Prozent der Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Die hat die AfD allein nicht. "Wir prüfen derzeit, wen wir noch für unser Vorhaben gewinnen können."

Erst einmal gerät nach der Ehe für alle das Familienrecht ins Blickfeld. Denn zwei verheiratete Frauen bekommen nicht automatisch beide das Sorgerecht für ein Kind, sondern nur die Frau, die das Kind austrägt. Die andere hat keine Rechte am eigenen Wunschkind.

Erste gleichgeschlechtliche Ehen in Deutschland
tagesschau 20:00 Uhr, 01.10.2017, Iris Marx, RBB

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Das eigene Kind adoptieren

Bis auf Weiteres hilft nur eine Krücke, die auch Rieke Brendel nutzt: Sie muss Theo als Stiefkind adoptieren. Dafür hat sie ihr Einkommen offengelegt, ihre Lebensverhältnisse - und, wie andere Adoptiveltern auch, einen Lebensbericht geschrieben. Sieben Seiten hat sie verfasst. Letzter Satz: "Ich möchte Sie bitten, dass ich mein eigenes Kind adoptieren kann." Die Spitze konnte sie sich dann doch nicht verkneifen.

"Es ist doch eindeutig zum Wohl des Kindes, wenn es zwei Sorgeberechtigte gibt - ohne solche Hürden", meint Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband.

Gleichgeschlechtliche Ehe weltweit

Deutschland ist das 24. Land auf der Welt, das die gleichgeschlechtliche Ehe zulässt. Sie ist vor allem in Europa, aber auch in Nord- und Südamerika verbreitet. In mehr als 70 Ländern - überwiegend in Afrika und Asien - steht Homosexualität unter Strafe. In einer Handvoll Länder droht Homosexuellen die Todesstrafe.

Tatsächlich wird im Bundesjustizministerium über eine Modernisierung des Familienrechts nachgedacht. Heiko Maas (SPD) ließ zwei Jahre lang ein Dutzend Experten im "Arbeitskreis Abstammungsrecht" über diese und andere Fragen beraten. Im Abschlussbericht heißt es, die Mit-Mutter solle bei Wunschkindern anerkannt werden.

"Das scheint absolut konsequent. Noch haben aber keine Umsetzungsarbeiten begonnen", erklärt ein Ministeriumssprecher gegenüber tagesschau.de. Der Bericht sei als "Blaupause" für die nächste Regierung gedacht. Und die muss sich erst einmal bilden. Kommt es zu einer Jamaika-Koalition, könnte ein FDP- oder Grünen-geführtes Ministerium die Sache schneller angehen, meinen Beobachter, als wenn CDU oder CSU übernähmen.

"Man outet sich 100.000 Mal"

Obwohl sie ein ganz normales Leben führten, fühlen sie sich immer wieder mal zu einer Minderheit gemacht, berichten Theos Eltern. Ein Seitenblick, ein Spruch, eine alte Nachbarin, die froh war, als die "warmen Schwestern" endlich auszogen. "Man outet sich nicht ein Mal, man outet sich 100.000 Mal", sagt Rieke Brendel.

Verschiedene Umfragen und Berichte, u.a. von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, belegen: Es ist es noch ein weiter Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität in Deutschland. Theos Eltern jedenfalls wären froh, wenn wenigstens ihr Sohn das erleben würde.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Oktober 2017 um 04:35 Uhr.

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