Lohberger Gruppe in Syrien

Prozessauftakt gegen IS-Rückkehrer Aus Dinslaken in den Dschihad

Stand: 20.01.2016 04:08 Uhr

Er war Mitglied der "Lohberger Brigade“, arbeitete für die "Gestapo des IS". Nun steht Nils D. in Düsseldorf vor Gericht. Im Prozess wird neben der Schuldfrage auch untersucht, wieso es junge Männer vom Niederrhein zu den Mörderbanden des "Islamischen Staates" zog.

Von Andreas Spinrath, WDR

Wer den Johannesplatz in Dinslaken-Lohberg verlässt, passiert die Steigerstraße, die Teerstraße, die Knappenstraße. Die Schilder erzählen von der Tradition der ehemaligen Bergbau-Siedlung auf der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Vor drei Jahren machte sich auch Nils D. von hier auf den Weg, doch er fuhr nicht zur Zeche, wie die Lohberger früherer Jahre. Nils D. fuhr nach Syrien.

Ehemalige Bergarbeiter-Siedlung in Dinslaken-Lohberg | Bildquelle: dpa
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Ehemalige Bergarbeiter-Siedlung in Dinslaken-Lohberg: Wenig Perspektive, wenig Chancen

Jetzt hat im Hochsicherheitsbunker des Düsseldorfer Oberlandesgerichts der Prozess gegen D. begonnen, ein vorbestrafter 25-jähriger Deutscher mit abgebrochener Ausbildung, einem Hang zu Fast Food und einer Karriere als Wärter in einem Foltergefängnis. Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung wird ihm vorgeworfen, dazu die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat. Es sind Anklagepunkte, die seit der massenhaften Ausreise junger Deutscher in die Kriegsgebiete von Syrien und dem Irak regelmäßig verlesen werden - in Prozessen, die immer dieselben Fragen aufwerfen: Warum schließt sich jemand den Mörderbanden des selbsternannten "Islamischen Staates" an? Warum waren Menschen wie Nils D. und seine Freunde aus dem Dinslakener Stadtteil Lohberg empfänglich für die Propaganda der Islamisten?

Weil sie leichte Beute waren. Für Männer, die Ausschau halten nach Menschen mit geplatzten Träumen, enttäuschten Hoffnungen und zu viel Zeit.

Lohberg, knapp 3000 Einwohner, viele von ihnen mit türkischen Wurzeln. Man ist konservativ in der Siedlung. Über den Johannesplatz schleppt eine verschleierte Frau die Einkäufe nach Hause, hier hat man genug von den Fragen der Reporter. Kamerateams werden kritisch beäugt. Ein türkischer Metzger, ein Dönerverkäufer, ein Kioskbesitzer. Sie sollen die immer gleiche Geschichte erzählen, es reicht ihnen.

Dinlaken: Johannesplatz | Bildquelle: dpa
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Der Johannesplatz in Lohberg: Hier ist man konservativ.

Ohne Perspektive

In der Geschichte kommen Männer vor, die die Presse "Rattenfänger" nannte. Sie tauchten vor ein paar Jahren in Lohberg auf, scharten junge Männer um sich. Die waren leicht zu verführen, hatten Probleme mit Drogen oder keinen Job. Die Lösung sei der Islam, logen die Neuen, aber meinten ihre gefährliche Ideologie. Diese bot einfache Antworten, eine Zukunft, Bestätigung. All das, was sich Chancenlose wie Nils D. wünschen. Sehnsüchte, wie es sie auch in Wolfsburg, Pforzheim oder Essen gibt.

Die Bärte wurden länger in Lohberg, der Alkohol weniger. Knapp 25 Männer waren es mittlerweile. Bei Döner und Ayran lauschten sie den Vorträgen der neuen Freunde, die extremistischen Gedanken füllten langsam ihre Köpfe. Sie trafen sich in einem Raum an der Steigerstraße und hatten damals noch Vornamen, die ohne abgekürzte Nachnamen auskamen: Mustafa, Philip, Hasan, Eniz, Marcel, Nils.

Gemeinsam gründeten die Männer einen Verein. Es gab einen Vorsitzenden, einen Stellvertreter, einen Kassenwart. Alles war geregelt, dem Namen nach eine gute Sache: das "Dinslakener Institut für Bildung". Aber das Einzige, was sich dort bildete, war die "Lohberger Brigade". Aus den Vergessenen von Dinslaken wurden Islamisten.

Wirklich bekannt wurde das alles erst, als mindestens ein Dutzend der Männer in zwei Wellen nach Syrien ausreiste. Sie kämpften für den "Islamischen Staat", knüpften enge Kontakte zu den späteren Attentätern von Paris, wurden zu Staatsfeinden und feierten das auf ihren Facebook-Profilen.

Sie schossen, sie starben.

Lohberger Gruppe in Syrien
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Aus den Vergessenen von Dinslaken wurden Islamisten: Die "Lohberger Brigade" in Syrien.

Bei der "Gestapo des IS"

Nils D. selbst erreichte Syrien im Oktober 2013. Sein Cousin Philip B. war schon da, so wie es auch Philip war, der ihn in Lohberg für die Gruppe begeisterte hatte. Ausbildung an der Waffe, Schulung im Bau von Sprengkörpern, Selfies mit Kalaschnikow, der Treueschwur auf den Kalifen Al Baghdadi - das war Syrien für den Neuankömmling.

Dann meldete er sich mit anderen Lohbergern freiwillig für eine Spezialaufgabe: Monatelang arbeitete D. laut eigener Aussage für einen "Sturmtrupp" des IS, einer Abteilung, die Verräter in den eigenen Reihen aufspüren und ihnen mit Gewalt ein Geständnis entlocken sollte. Gefoltert haben will D. nicht, so steht es in den Verhörprotokollen, die Reportern von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" vorliegen. Aber er sah die Erniedrigungen, hörte die Schreie der Gefangenen, er war bei den Festnahmen dabei und so Teil der Einheit, die Ermittler die "Gestapo des IS" nennen.

Philip sprengte sich im Sommer 2014 im Irak in die Luft, tötete mindestens 20 Menschen. Ein Märtyrer, sagen die Rattenfänger. Ein Mörder, sagt das Gesetz. Das sei ganz normal im Krieg, sagt Nils D.

Er blieb nach dem Tod seines Cousins noch ein paar Monate in diesem Krieg. Im November 2014 stieg D. in einen Bus, der ihn von Istanbul nach Hause bringen sollte. Wie bei fast jeder Rückkehrergeschichte ist nicht klar, ob es wirklich so einfach war den IS zu verlassen, wie ihn zu betreten.

D. fuhr 43 Stunden quer durch Europa, dann war er zurück in Dinslaken. Er zog zu seiner Mutter, er traf Freunde aus Lohberg. Seine Rückkehr blieb nicht unbemerkt, Grenzbeamte in Bulgarien hatten Alarm geschlagen, als D. einreiste. Die Polizei beobachtete ihn, hörte seine Gespräche ab, sammelte Beweise. Im Januar 2015 wurde Nils D. verhaftet. In Dinslaken. Dort, wo alles angefangen hatte. In einer alten Zechensiedlung, deren Name nun nicht mehr für Tradition steht, sondern für den Terror.

Prozessauftakt gegen mutmaßlichen IS-Terroristen
tagesschau24 12:45 Uhr, 20.01.2016, Demian von Osten, WDR

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