Fabrikneue Autos stehen zur Verschiffung bereit

Automobilindustrie Für den Diesel wird die Luft dünn

Stand: 19.07.2017 17:31 Uhr

Für Umweltschützer ist der Fall klar: Diesel-Autos verpesten die Luft in den deutschen Großstädten. Auch die Politik hat das Problem erkannt. Deshalb könnten Millionen Pkw bald umgebaut werden - oder stillstehen. Die Industrie wehrt sich.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Deutschland ist Diesel-Land. Mehr als 15 Millionen Diesel-Pkw waren zu Jahresbeginn laut Kraftfahrtbundesamt hierzulande zugelassen. Kein Wunder: Schließlich dürfen Diesel-Fahrer sich an der Tankstelle über niedrigere Kraftstoffpreise und insgesamt über einen geringeren Verbrauch freuen. Das machte den Diesel vor allem bei Vielfahrern beliebt. Doch damit dürfte es vorbei sein.

Seit der Atomkraft hat wohl keine Technologie in Deutschland so schnell an Ansehen verloren wie der Diesel-Antrieb. Anstatt als effizientes Fortbewegungsmittel gelten Diesel-Autos heute vor allem als Dreckschleudern, die in Innenstädten die Luft verpesten und damit die Gesundheit der Bevölkerung aufs Spiel setzen.

Stuttgarter Verwaltungsgericht entscheidet über Dieselverbot
tagesthemen 22:15 Uhr, 19.07.2017, Julia Henninger, SWR

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Mehr als 10.000 Tote im Jahr

Ganz unbegründet ist dieser Ruf nicht. Schließlich wurde im Zuge des Skandals um die Manipulation deutscher Autohersteller bei Abgastests bekannt, dass zahlreiche Dieselfahrzeuge im Realbetrieb deutlich mehr Schadstoffe ausstoßen, als es die Grenzwerte der Europäischen Union (EU) vorsehen. Auch bei der neuesten Generation des Antriebs, Euro-6, liegen die Schadstoffausstöße laut Daten des Umweltbundesamts deutlich über den Grenzwerten.

Die Folge dieses Ausstoßes kann dramatisch sein. So schätzte die Europäische Umweltagentur (EEA), dass allein im Jahr 2012 etwa 10.400 Todesfälle in Deutschland auf den Ausstoß von Stickstoffoxiden zurückzuführen sind. Unter diesem Sammelbegriff werden mehrere Schadstoffe zusammengefasst. Laut Umweltbundesamt (UBA) werden jährlich mehr als eine Million Tonnen in Deutschland freigesetzt.

Klagen drohen

Nach Angaben der EU ist der Straßenverkehr für 40 Prozent der Stickoxidemissionen verantwortlich. Rund 80 Prozent davon stoßen wiederum Diesel-Fahrzeuge aus. Insgesamt ist der Diesel für 13 Prozent der Emissionen in Deutschland verantwortlich, so das UBA. Damit leistet der Diesel einen enormen Beitrag zur dicken Luft in deutschen Großstädten. Und sie ist wirklich sehr dick.

Das bemängelt auch die EU. Schon lange weist die Kommission darauf hin, dass Deutschland mehr für saubere Luft tun muss. Im Frühjahr veröffentliche sie eine Liste mit 28 Gebieten, in denen anhaltend gegen die Stickstoffdioxid-Werte verstoßen wird. Sollte sich an diesem Zustand nichts ändern, droht Brüssel mit Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof.

Produktion von Dieselmotoren bei VW in Salzgitter
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Produktion von Dieselmotoren bei VW in Salzgitter

Die Zeit drängt

Andere Akteure sind da schon einen Schritt weiter. So klagte der Verein Deutsche Umwelthilfe (DUH) etwa vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht, um die Landesregierung von Baden-Württemberg zu zwingen, konsequenter gegen die Luftverschmutzung in der Stadt vorzugehen. Mit einem Urteil wird in der kommenden Woche gerechnet. Auch in anderen Städten sind entsprechende Klagen anhängig.

Doch Stuttgart ist ein besonderer Fall. Die Luft in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist traditionell schlecht. Die Kessellage der Stadt sorgt dafür, dass Abgase kaum abziehen können. Deshalb landete die Regierung bereits im vergangenen Jahr vor dem Kadi. Damals verpflichtete sie sich, in einem Vergleich mit den Klägern, den Luftreinhalteplan für die Landeshauptstadt bis 31. August 2017 zu erneuern. Geschehen ist bis heute allerdings noch nichts.

Potenziell Millionen betroffene Kfz

Denn um die Schritte, die zur Verbesserung der Luft eingeleitet werden müssten, ist ein heftiger politischer Streit entbrannt. Im Frühjahr entschied die grün-schwarze Koalition, auch Fahrverbote für ältere Diesel-Fahrzeuge prinzipiell zu ermöglichen, um die erforderliche Schadstoffreduktion zu erreichen.

In München wird ähnliches diskutiert. Denn auch in der bayerischen Landeshauptstadt muss sich demnächst etwas bewegen. Von einem möglichen Fahrverbot wären allein dort rund 170.000 Diesel-Kfz betroffen, die nicht die neuste Abgasnorm erfüllen. Legte man diesen Maßstab bundesweit an, träfe es mehr als 12 Millionen Autos.

Bund gegen Blaue Plakette

Die Halter dieser Fahrzeuge will die Politik natürlich nur höchst ungern gegen sich aufbringen. Die Bundesregierung ihrerseits lehnt Fahrverbote ab. Sie seien rechtswidrig, so die Einschätzung des Bundesverkehrsministeriums.

Auch für die sogenannte Blaue Plakette hat man im Haus von Minister Alexander Dobrindt nichts übrig. Sie könnte örtlich begrenzte Fahrverbote ermöglichen, indem Kommunen die Möglichkeit gegeben würde, Zonen einzurichten, in denen nur noch Fahrzeuge unterwegs sein dürfen, die besonders strenge Abgasnormen erfüllen. Die Blaue Plakette wäre damit eine Erweiterung der Umweltplakette, die bereits heute zum Fahren in den Umweltzonen einiger Städte benötigt wird.

Eine Abgasuntersuchung für Dieselmotoren | Bildquelle: dpa
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Eine Abgasuntersuchung für Dieselmotoren

Skeptische Kommunen

Mehrere Landesverkehrsminister können dem Vorschlag durchaus etwas abgewinnen. Doch der Bund stellt sich quer. Auch Dobrindts Kabinettskollegin, Umweltministerin Barbara Hendricks, geht mittlerweile auf Distanz. Im Verkehrsministerium empfiehlt man stattdessen, vor allem Busse, Taxen und Behördenfahrzeuge mit umweltfreundlicheren Antrieben auszustatten und damit die Situation für Privatautos zu entschärfen.

Die Kommunen glauben wiederum nicht, dass dies ausreichen wird. "Auch wir als Städte wollen Fahrverbote vermeiden. Nur bin ich derzeit skeptisch, wie es kurzfristig in einigen Städten ohne begrenzte Fahrverbote für bestimmte Dieselfahrzeuge gelingen soll, die Gesundheit der Menschen zu schützen und die Grenzwerte einzuhalten", so Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags.

Millionen Autos zurückgerufen

Die Autohersteller wiederum können Fahrverboten gar nichts abgewinnen. Um sie noch abzuwenden, setzen sie vor allem auf die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen. So könnte der Schadstoffausstoß zumindest bei einem bestimmten Teil älterer Kfz spürbar gesenkt werden.

Zuletzt wurde bekannt, dass Daimler europaweit mehr als drei Millionen Fahrzeuge nachbessern will. Zuvor hatten sich die deutschen Autobauer bereits verpflichtet, bei 630.000 Autos nachzubessern. Unabhängig davon läuft der Rückruf für 2,4 Millionen Autos von VW mit verbotener Manipulationssoftware.

Update oder Umbau?

Die Hersteller setzen vor allem auf neue Software. Ein Update soll bei älteren Diesel-Fahrzeugen der Euro-5-Klasse die Abgaswerte senken. Laut ADAC können die Emissionen so tatsächlich um bis zu 60 Prozent gesenkt werden. Für die Autobauer hat dieser Weg zudem den Vorteil, dass sie relativ günstig davonkommen. Die Kosten pro Auto liegen zwischen 50 und einigen hundert Euro.

Kritiker halten diese Lösung jedoch nicht für ausreichend. Sie fordern auch eine technische Nachrüstung. So könnte etwa durch den Einbau eines Tanks mit einer Harnstoff-Lösung, die die Abgase reinigt, der Schadstoffausstoß noch deutlich stärker gesenkt werden - laut eines Tests des ADAC um bis zu 90 Prozent. Doch die Prozedur ist aufwendig und teuer. Summen zwischen 1500 und 2000 Euro pro Auto stehen im Raum. Hinzu kommt, dass die neu eingebauten Flüssigkeitstanks wohl regelmäßig neu befüllt werden müssten und den Wagen schwerer machen würden - was wiederum den Verbrauch erhöhen würde.

Ob Fahrverbote oder Nachrüstung - dass soll demnächst in großer Runde besprochen werden. Am 2. August kommen Vertreter von Bund, Ländern und Automobilindustrie zum "Nationalen Forum Diesel" in Berlin zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Ruf des Diesel hat gleichwohl bereits heute gelitten. So gaben mehr als 50 Prozent der Autohändler in einer Befragung an, sie müssten gebrauchte Diesel-Fahrzeuge mittlerweile mit höheren Rabatten als üblich verkaufen. Auch verlieren die Diesel-Kfz mittlerweile schneller an Wert als Benziner. Deutschlands Liebe für den Diesel, sie ist spürbar abgeklungen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. Juli 2017 um 12:00 Uhr.

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