WM-Plakat 2006 und Weltmeister-Trophäe | Bildquelle: dpa

WM-Affäre 2006 Fahnder werfen DFB Steuerhinterziehung vor

Stand: 09.03.2017 18:00 Uhr

Auf den DFB könnten Strafzahlungen in zweistelliger Millionenhöhe zukommen: Das Finanzamt wirft dem Fußball-Bund schwere Steuerhinterziehung vor. Es geht um Zahlungen rund um die WM 2006 in Deutschland, die laut Behörde zur Deckung privater Darlehen dienten.

Von Georg Mascolo und Katja Riedel, WDR      

In der Sommermärchen-Affäre um den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland geht das Finanzamt Frankfurt I nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" davon aus, dass ein schwerer Fall von Steuerhinterziehung vorliege. Der Verband soll demnach "Luftbuchungen" und "Scheingeschäfte" vorgenommen haben, heißt es in einem als "Zwischenbericht" ausgewiesenen Vermerk des Finanzamtes Frankfurt I vom 24. Januar 2017.

Mithilfe von Buchungstricks soll der DFB demnach vor der WM 2006 in Deutschland die Rückzahlung eines privaten Darlehens in Höhe von 6,7 Millionen Euro verschleiert haben. Das Geld soll der damalige Organisationschef Franz Beckenbauer 2002 von dem früheren Vorstandsvorsitzenden von Adidas, Robert Louis-Dreyfus, erhalten haben.

Fiskus sollte bewusst getäuscht werden

Die Steuerfahnder des Finanzamtes sehen in diesen Vorgängen den Tatbestand der Steuerhinterziehung erfüllt: Der Buchungsvorgang sei konstruiert worden, um den Fiskus zu täuschen, heißt es in dem Vermerk der Behörde. Der DFB habe diese 6,7 Millionen Euro im Jahr 2006 zu Unrecht als steuermindernde Betriebsausgabe geltend gemacht. Der Vermerk ist überschrieben mit "Zwischenbericht zum Ermittlungskomplex DFB". Als "abschließende rechtliche Würdigung" kommen die Steuerfahnder zu dem Ergebnis, dass eine Steuerhinterziehung vorliege.

Der DFB muss Insidern zufolge nunmehr mit hohen Steuernachforderungen rechnen. Diese könnten sich inklusive Zinsen und nachträglicher Aberkennung der Gemeinnützigkeit für das Jahr 2006 auf 20 bis 25 Millionen Euro summieren. Bis Mitte des Jahres sei ein entsprechender Bescheid zu erwarten. Schon am Anfang des Steuerverfahrens im Herbst 2015 hatte der Fiskus seine Forderungen auf mindestens 15 Millionen Euro geschätzt, damals aber sogleich notiert, das könne sich noch erhöhen. 

DFB-Anwalt stellt rechtliche Schritte in Aussicht

Der Deutsche Fußball-Bund weist die Vorwürfe zurück. DFB-Steueranwalt Jan Olaf Leisner teilte auf Anfrage mit, er hielte eine Steuernachforderung für "ungerechtfertigt". Sollte es dazu kommen, dann würde er dem Verband empfehlen, "gegen derartige Bescheide vorzugehen". Leisner äußerte weiter, die von Dreyfus zur Verfügung gestellten 6,7 Millionen Euro seien eingesetzt worden, um einen Zuschuss des Weltverbandes FIFA in Höhe von 250 Millionen Euro für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu erhalten. Diese Ausgabe sei "betrieblich veranlasst" und deshalb auch grundsätzlich von der Steuer absetzbar gewesen.

Nach Ansicht des Verbandsanwaltes gibt es keine Anhaltspunkte für ein privates Darlehen von Beckenbauer bei Dreyfus. Dass die Zahlung der 6,7 Millionen Euro in den Büchern des DFB offenbar "unter einer falschen Bezeichnung ausgewiesen" worden sei, verstoße nicht gegen das Steuerrecht, betonte Leisner.

Die Steuerfahndung geht hingegen davon aus, dass der DFB mit dem Geld ein privates Darlehen von Beckenbauer getilgt habe, was nicht Aufgabe des Verbandes gewesen wäre. Dafür wäre der DFB dem Fiskus auch Schenkungs- oder Einkommensteuer schuldig. 

Anklage gegen frühere Führungsetage?

Mit einer Nachzahlung wäre die Affäre für die ehemaligen Spitzenmanager des DFB wohl noch nicht ausgestanden. Beteiligte an dem betreffenden Ermittlungsverfahren der Steuerfahndung und der Frankfurter Staatsanwaltschaft erwarten zudem, dass gegen die früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt Anklage wegen Steuerhinterziehung erhoben wird. Alle drei bestreiten diese Vorwürfe, genauso wie der Verband.

Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach
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Bestreitet die Vorwürfe als "Unsinn": Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Beckenbauer und andere damalige Mitglieder des WM-Organisationskomitees hatten die von Dreyfus geliehenen 6,7 Millionen Euro in früheren Aussagen als eine Art Provision an den Fußball-Weltverband FIFA dargestellt. Diese sei die Bedingung gewesen, um vom Fußballweltverband einen Zuschuss in Höhe von 250 Millionen Schweizer Franken zu bekommen.

Die Rückzahlung des Darlehens an Dreyfus war dann über das deutsche Organisationskomitee der Weltmeisterschaft und die FIFA abgewickelt worden. Offiziell wurden die 6,7 Millionen Euro als Kostenbeitrag für eine später abgesagte WM-Gala der FIFA deklariert. 

Theo Zwanziger sagte auf Anfrage, für die damals geplante Gala seien tatsächlich diese Ausgaben angefallen. Die Vorwürfe der Steuerfahnder bezeichnete Zwanziger als "Unsinn".

DFB pocht auf fehlende Beweise

Beweise für ein Privatdarlehen Beckenbauers bei Dreyfus existierten laut DFB bisher nach Aktenlage nicht, weder in Form eines schriftlichen Vertrages noch einer mündlichen Abrede. Es gebe auch keinen Schuldschein, keine Forderung Dreyfus zur Rückzahlung und keinerlei Belege, dass Beckenbauer das Geld verwendet hätte, so der DFB

Das Finanzamt hat in seinem Vermerk dargelegt, es sei ungeklärt, ob Beckenbauer das Geld verwendet habe. Der Staatsanwaltschaft Frankfurt sagte Beckenbauer bei einer Zeugenvernehmung, er habe niemals erfahren, was mit den 6,7 Millionen Euro geschehen sei.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. März 2017 um 22:51 Uhr

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