Helfer verteilen vor Erdogan-Demo in Köln deutsche und türkische Flaggen | Bildquelle: dpa

Umfrage unter Deutschtürken Die Loyalität gehört Ankara

Stand: 05.12.2017 07:18 Uhr

Deutsche und Türken werden sich fremder. Das zeigt eine repräsentative Umfrage für den NDR unter 2800 Deutschtürken. Sie klagen über ein verschlechtertes Verhältnis zu Deutschland. Das hat viel mit Erdogan zu tun - und dem Thema Integration.

Von Anna Orth und Esra Özer, NDR

Hinter den Schaufenstern blitzen türkisches Möbeldesign und orientalische Abendmode auf. Hamburg-Billstedt ist einer dieser Stadtteile, wie viele Großstädte sie kennen. Jeder zehnte Einwohner hier hat einen türkischen Hintergrund. Auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angesprochen, gehen die Mitarbeiter hinter der Fleischtheke im türkischen Supermarkt sofort in den Verteidigungsmodus: "Sehen Sie, wie weit wir es geschafft haben wirtschaftlich. Allein das Gesundheitssystem in der Türkei ist super zurzeit."

Die Türkei habe Erdogan viel zu verdanken, sagen sie. "Aber wenn du nicht hinschaust, siehst du auch nichts." Laut der Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Data 4U im Auftrag des NDR-Magazins Panorama - Die Reporter durchgeführt hat, sind viele Türkischstämmige in Deutschland nicht einverstanden damit, wie Politik und Medien die Entwicklungen in der Türkei bewerten. So sagen 44 Prozent, die deutsche Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan und seiner Partei sei nicht gerechtfertigt. 

Grafik: Umfrage unter Türkeistämmige in Deutschland - Kritik an Erdogan?
galerie

Bei dieser Frage machten 17 Prozent keine Angabe.

"Mein Land immer nur schlecht zu machen, ist sehr verletzend"

Mehr als 2800 Türkischstämmige hat das Institut befragt. Der Großteil der Befragten fühlt sich in Deutschland wohl und angekommen. Doch habe sich in den vergangenen Jahren der Umgang zwischen Deutschen und Deutschtürken verschlechtert, sagt rund die Hälfte der Befragten.

Gefragt nach den Gründen nennen die wenigsten schlechte persönliche Erfahrungen. Die Regierungsstreitigkeiten seien schuld, sagen 59 Prozent. Auch die Medienberichterstattung spiele eine große Rolle, glauben 53 Prozent. "Ich muss Erdogan nicht mögen, aber mein Land immer nur schlecht zu machen, das ist sehr verletzend für uns", erklärt Fatih Gönüllü den Frust, den er und viele der hier lebenden Türkischstämmigen empfinden. Gönüllü betreibt ein Möbelgeschäft in Hamburg-Billstedt. Unter seinen Kunden sind hauptsächlich Landsleute.

Laut Umfrage äußern sich 27 Prozent Deutschtürken kritisch zu Erdogans aktueller Politik. 29 Prozent stimmen seinem Kurs seit dem Putschversuch 2016 zu.

Grafik: Umfrage unter Türkeistämmige in Deutschland - Politik Erdogans?
galerie

Bei dieser Frage machten 28 Prozent keine Angabe.

Je weniger integriert, desto mehr Unterstützung für Erdogan

Die Umfrage zeigt hier einen eindeutigen Zusammenhang: Mangelt es an Integration und Anerkennung, wächst die Zustimmung zu Erdogan - und umgekehrt. "Bildung ist der zentrale Schlüssel zum Verständnis unserer Studie", erläutert entsprechend Data 4U-Chef Joachim Schulte. "Die formal höher Gebildeten weisen den höchsten Integrationslevel auf, stehen der Politik von Erdogan am kritischsten gegenüber und sind auch die einzige Gruppe, die das Türkeireferendum im April 2017 mehrheitlich abgelehnt hat", so Schulte. "Bei den weniger gut Ausgebildeten steigt die Sympathie und Zustimmung für die Politik Erdogans sprunghaft an."

"Er kümmert sich um sein Land, um seine Leute. Auch um diejenigen, die im Ausland leben", erklärt der Hamburger Möbelhändler Gönüllü die Begeisterung der Türkeistämmigen für den türkischen Präsidenten. Gönüllü lebt seit bald 40 Jahren in Deutschland, hat Kinder und Enkelkinder hier. Trotzdem habe er immer noch das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören.

Heimat - für die meisten Deutschtürken ist das die Türkei

Gefragt nach ihrer Heimat, geben 46 Prozent an, sie empfänden starke Heimatgefühle für Deutschland. Mit der Türkei verbinden hingegen 83 Prozent starke Heimatgefühle - ein hoher Wert über alle Generationen hinweg, selbst unter den hier Geborenen. Und für ein Drittel sind diese Heimatgefühle in den vergangenen Jahren unter dem Eindruck der politischen Spannungen zwischen Berlin und Ankara noch stärker geworden.

Unternehmer Kadir Aslan glaubt, die Deutschen könnten einfach nicht akzeptieren, dass die Türkei sich wirtschaftlich so stark entwickelt habe: "Erdogan sagt, die Zeiten, als ihr uns den Kranken von Bosporus nennen konntet, sind vorbei. Jetzt sind wir auf Augenhöhe. Das passt den Deutschen nicht." Und tatsächlich - auf die Frage, was sie persönlich mit Erdogan verbinden, sagt rund ein Drittel der Befragten, international habe die Türkei dank Erdogan an Bedeutung gewonnen. Er mache sie stolz und gebe den Deutschtürken Selbstbewusstsein. 

Wahlbeteiligung geht zurück

Auch der Wahlkampf in Deutschland stand in diesem Jahr unter dem Eindruck deutsch-türkischer Spannungen. Deutschtürken sollten weder SPD, CDU noch Grüne wählen, hatte Erdogan sogar gefordert. Diese seien "Feinde der Türkei". Vor allem die SPD litt unter den Streitigkeiten: Wählten 2013 laut Umfrage noch 62,2 Prozent die SPD, waren es 2017 nur noch 45,3 Prozent. Ein Verlust von 17,2 Prozentpunkte. "In zahlreichen Antworten spiegelt sich eine tiefe Enttäuschung über das Verhalten der deutschen Politik wider. Das bekam die SPD bei dieser Wahl besonders deutlich zu spüren", fasst Studienleiter Schulte zusammen.

Auffallend sei auch die stark gesunkene Wahlbeteiligung. Eine frühere Studie seines Instituts hatte für 2013 eine Wahlbeteiligung der türkischstämmigen Wahlberechtigten von etwa 70 Prozent ergeben. In diesem Jahr gaben nur noch knapp mehr als die Hälfte (53 Prozent) ihre Stimme ab.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell (BR) am 05. Dezember 2017 um 06:06 und 06:50 Uhr. Im NDR läuft um 21:15 Uhr dazu die Sendung "Panorama - die Reporter".

Darstellung: