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ARD-DeutschlandTrend August 2009 SPD verliert trotz Wahlkampf-Frühstart - FDP bei 16 Prozent

Stand: 06.08.2009 22:27 Uhr

Trotz ihres frühen Wahlkampfauftakts fällt die SPD in den Umfragen zurück. Immerhin 2,7 Millionen ihrer bisherigen Wähler sind aber noch unentschlossen. Die FDP legt hingegen wieder zu - wäre am Sonntag Bundestagswahl, käme ein schwarz-gelbes Bündnis auf 51 Prozent.

Von Jörg Schönenborn, WDR

Langsam kommt Bewegung in die Umfragewerte - aber in eine Richtung, die die meisten Beobachter nicht erwartet haben. Die FDP legt gegenüber der Vorwoche um zwei Punkte zu und steht jetzt bei 16 Prozent. Die SPD hingegen, die auf einen frühen Wahlkampfstart gesetzt hatte, um endlich Boden gut zu machen, fällt wieder auf 23 Prozent zurück (-1 gegenüber der Vorwoche).

Trotz exzellenter Personenwerte für Bundeskanzlerin Angela Merkel verliert auch die CDU/CSU einen Punkt und rutscht auf 35 Prozent. Die Grünen mit 13 Prozent und die Linke mit 10 Prozent sind hingegen weiterhin stabil. Damit verfestigt sich die Mehrheit für ein schwarz-gelbes Bündnis, das auf Grundlage dieser Werte rechnerisch erstmals seit mehr als drei Jahren wieder bei 51 Prozent läge.

Sonntagsfrage
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So würden die Befragten wählen, wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl.

SPD droht Negativ-Rekord

Fast alle Bundestagsparteien sind mit ihren gegenwärtigen Umfragewerten übrigens auf Rekordkurs. Würden FDP, Grüne und Linke ihre Zahlen am 27. September so ins Ziel bringen, wären es für alle drei Parteien die höchsten Werte ihrer Geschichte bei Bundestagswahlen. Für die SPD hingegen wäre das Ergebnis Negativ-Rekord. Bisher erzielten die Sozialdemokraten ihr schlechtestes Ergebnis im Jahre 1953 mit 28,8 Prozent.

Noch ein bisschen Luft nach unten hat hingegen die Union. Bei der ersten Bundestagswahl 1949 kam sie nur auf 31 Prozent. Aber sie liegt jetzt immerhin auf dem Niveau ihres zweitschlechtesten Wahlergebnisses aus dem Jahr 2005 (35,2 Prozent).

Kleine Parteien profitieren

Diese historischen Vergleiche machen deutlich, wie sehr sich in diesem Jahr die Gewichte zu Lasten der großen Parteien in Richtung der ehemals kleinen verschieben können. Und das ist zum Teil die Fortsetzung eines langjährigen Trends, aber sich auch Folge der Großen Koalition. Im Grunde sind es ja die drei Oppositions-Parteien, die wachsen. 

Die spannendste Frage derzeit ist aber, woher die Stärke der FDP rührt. Die Partei hat zwar für ihre Verhältnisse exzellente Kompetenzwerte. 16 Prozent der Befragten geben an, dass die FDP die beste Steuerpolitik macht und zwölf Prozent messen ihr die größte Kompetenz auf dem Feld der Wirtschaftspolitik bei. Aber das allein erklärt den Höhenflug nicht. Ganz offensichtlich steckt bei vielen Wählerinnen und Wählern vielmehr der gezielte Wunsch dahinter, die FDP nach 11 Jahren Oppositionszeit wieder in die Regierung zu bringen.

Erstaunliche 58 Prozent der Befragten geben an, sie fänden es gut, wenn die FDP an der nächsten Bundesregierung beteiligt wäre, nur 37 Prozent sehen es nicht so. Und diese Ansicht wird keineswegs nur im bürgerlichen Lager vertreten. Jeder dritte Wähler von SPD, Grünen und Linken wünscht sich ebenfalls FDP-Minister im nächsten Kabinett. Vielen FDP-Wählern ist offenbar sehr bewusst, dass sie mit ihrer Wahl gleich zwei Ziele auf einmal erreichen können: eine Stimme für die FDP ist eine Stimme für Angela Merkel als Kanzlerin und zugleich eine Stimme gegen die Große Koalition.

Regierungsbeteiligung der FDP
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Es gibt große Zustimmung zu einer Regierungsbeteiligung der FDP.

Bilanz der Großen Koalition  

Dabei ist das Urteil über die Arbeit der Großen Koalition nicht einmal so schlecht. 57 Prozent der Befragten meinen, alles in allem habe sie gute Arbeit geleistet. Der Regierungspolitik der Union wird ein noch besseres Zeugnis ausgestellt, 62 Prozent beurteilen sie als gut. 49 Prozent äußern sich positiv über die elf sozialdemokratischen Regierungsjahre.

Trotz dieser durchweg freundlichen Bewertung bevorzugen mehr Wähler schwarz-gelb als schwarz-rot. Stellt man die beiden wahrscheinlichsten Regierungsbündnisse gegeneinander zur Abstimmung, so entscheiden sich 47 Prozent für eine Koalition aus Union und FDP und nur 43 Prozent für eine Wiederauflage der großen Koalition.

Spitzenwerte für Merkel - Steinmeier fällt zurück

Zu den anderen Umfragekonstanten der letzten Monate gehört das klare Votum für Bundeskanzlerin Angela Merkel. 61 Prozent möchten sie auch weiterhin im Kanzleramt sehen. Für Steinmeier hingegen votieren nur noch 24 Prozent.

In kleinen Schritten öffnet sich die Schere immer weiter. Der Abstand von 37 Punkten zu Gunsten von Merkel ist wieder einmal Rekord. Mit jeweils großer Mehrheit halten die Wählerinnen und Wähler sie für die stärkere Führungspersönlichkeit, für besser im öffentlichen Auftritt, glaubwürdiger und sympathischer.

Und zum ersten Mal seit Jahren ist das Spitzentrio unserer Politiker-Rangliste rein christdemokratisch besetzt. Familienministerin Ursula von der Leyen hat mit 63 Prozent Zustimmung zu ihrer Arbeit den dritten Platz erobert - hinter Kanzlerin Merkel (72 Prozent) und Wirtschaftsminister Guttenberg (68 Prozent). Außenminister Steinmeier ist mit 58 Prozent auf den vierten Rang zurückgefallen. 

Politikerbewertung
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Drei Unionspolitiker stehen an der Spitze bei der Politikerbewertung. SPD-Spitzenkandidat erreicht nur Platz vier.

"Deutschland-Plan" wird als unrealistisch eingeschätzt

Die Bewertung des Deutschland-Plans, den der SPD-Kanzlerkandidat in dieser Woche vorgestellt hat, fällt zwar sehr viel positiver aus als die Resonanz in den meisten Medien. An der Stimmung vermag das Programm allerdings nichts zu ändern. 76 Prozent der Befragten sind der Ansicht, die SPD habe mit ihrem Plan eine wichtige Diskussion angestoßen und 68 Prozent stimmen zu, dass die Partei mit dem Plan deutlich gemacht habe, "für welche Ziele sie steht". Allerdings halten dennoch 73 Prozent der Befragten die genannten Ziele für "unrealistisch".

Gleichwohl hat die SPD mit diesem Plan das aus Sicht der Befragten derzeit wichtigste politische Thema besetzt. Arbeitsplätze zu sichern, sei die wichtigste politische Aufgabe der nächsten vier Jahre, sagen 33 Prozent der Befragten. 22 Prozent halten es für am wichtigsten, Wirtschaftswachstum zu schaffen, und für 19 Prozent steht ein gerechteres Steuersystem ganz oben. Das Problem der Sozialdemokraten ist, dass sie auf allen genannten Politikfeldern derzeit miserable Kompetenzwerte vorweisen.

Deutschland-Plan SPD
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Die Bewertung des Deutschland-Plans der SPD ist überwiegend positiv.

Auch wenn der Wunsch nach einer von Angela Merkel geführten bürgerlichen Regierung im Moment vorherrscht, gibt es doch ein gesellschaftliches Stimmungsbild, das nicht in allen Punkten zusammenpasst.

Zwei Beispiele: Seit Jahren verwenden wir eine Fragestellung, die aufzeigen soll, ob die Grundstimmung in Deutschland eher in die linke oder eher in die bürgerliche Richtung geht. "Wofür soll sich die Regierung stärker einsetzen: Für eine Gesellschaft, in der Leistung stärker zählt, oder für eine Gesellschaft, in der Solidarität stärker zählt?" lautet diese Frage. In dieser Woche wünschen sich 61 Prozent eine solidarischere Gesellschaft, das ist ein Rekordwert. Nur noch 24 Prozent wollen eine leistungsbetontere Gesellschaft.

Frust über Umgang mit Finanzkrise

Solche Zahlen sprechen eigentlich nicht für eine bürgerliche Mehrheit. Und das andere Beispiel: Der Verdruss über den Umgang mit der weltweiten Finanzkrise ist gewaltig. 81 Prozent unterstützen die Ansicht: "Die Banken machen weiter wie bisher, sie haben aus der Krise nichts gelernt". Und 88 Prozent sagen: "Die Folgen der Krise müssen die kleinen Leute ausbaden." Eine Mehrheit der Befragten glaubt nicht, dass die Regierungen der Industrieländer der Finanzspekulation einen wirksamen Riegel vorschieben werden (52 Prozent) und ebenfalls eine Mehrheit ist nicht überzeugt, dass die Bundesregierung alles in ihrer Macht stehende tut, um die Banken besser zu kontrollieren (54 Prozent).

So bleibt ein deutlicher Widerspruch. Der Ärger über Banken und Finanzwelt, das wieder wachsende Empfinden von Ungerechtigkeit und der zunehmende Wunsch nach gesellschaftlicher Solidarität sind eigentlich eher Anzeichen für die oft beschworene "linke" Mehrheit. In der Bewertung von Parteien und Personen spiegelt sich das jedoch gegenwärtig überhaupt nicht wieder.

SPD hat das größere Mobilisierungspotenzial ...

Bleibt am Ende eigentlich nur die Frage, auf die Wahlforscher gemeinhin keine Antwort geben können: Wird sich dieses Stimmungsbild und wird sich die schwarz-gelbe Mehrheit bis zum Wahltag halten oder kann die SPD wie 2005 doch noch zur Aufholjagd ansetzen? Damals hatte sie zwischen Ende Juli und Mitte September immerhin sechs Prozentpunkte zugelegt. Unsere Daten können da allenfalls Indizien zu liefern. Infratest dimap hat auf der Basis der Deutschlandtrend-Umfragen seit Anfang Juni eine fiktive Wählerwanderung errechnet.

Danach gibt es gegenwärtig rund 8,7 Millionen Wähler, die noch unentschlossen sind und sich bisher nicht festgelegt haben. Unter diesen stellen die ehemaligen SPD-Wähler knapp 2,7 Millionen, die mit Abstand größte Gruppe. Und unter den erklärten Nichtwählern gibt es rund 800.000 weitere ehemalige SPD-Wähler. Das sind zusammen 3,5 Millionen Menschen, die zumindest theoretisch mobilisierbar sind. Das vergleichbare Reservoir ist bei der Union mit rund 2,2 Millionen sehr viel kleiner.

... aber auch in alle Richtungen Wähler verloren

Trotzdem zeigt die Wählerwanderung auch, dass sich in den letzten Monaten immer mehr ehemalige SPD-Wähler entschlossen haben, andere Parteien zu wählen. Nimmt man die Bundestagswahl 2005 als Basis, so hat die SPD per saldo in alle Richtungen nur verloren: 1,5 Millionen Wähler sind zu den Grünen gewandert, 800.000 zur FDP und je 700.000 zur Union und zur Linken.

Wenn die Partei den Trend umdrehen will, reicht es nicht, die Unentschlossenen zurückzugewinnen - dann muss zumindest ein Teil der Abgewanderten den Rückweg in Richtung SPD antreten.

Untersuchungsanlage DeutschlandTrend

Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren
Stichprobe: Repräsentative Zufallsauswahl / Randomstichprobe
Erhebungsverfahren: Computergestützte Telefoninterviews
Fallzahl: 1000 Befragte
Erhebungszeitraum: 3. bis 4. August 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte
Sonntagsfrage: 1541 Befragte
Erhebungszeitraum: 3. bis 5. August 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte
Zusatzfragen : 1000 Befragte
Erhebungszeitraum: 4. bis 5. August 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte

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