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ARD-DeutschlandTrend: FDP profitiert von der Krise
ARD-DeutschlandTrend März 2009

FDP profitiert, Union schwach

Unter den Parteien gibt es in der Krise einen Gewinner: Die FDP liegt in der Sonntagsfrage bei 17 Prozent. Sie gewinnt vor allem von der Union. 81 Prozent glauben unterdessen, die Krise werde noch schlimmer. Und eine Mehrheit meint: Die Regierung hat keinen Überblick mehr.

Von Jörg Schönenborn, WDR

DeutschlandTrend Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Sonntagsfrage ]
Für die meisten Menschen in Deutschland ist die Krise immer noch ein Thema aus den Fernsehnachrichten, das ihr reales Leben noch nicht erreicht hat. Wie ein großes dunkles Wolkenband hängt die Krise bedrohlich über dem Land. Und keiner weiß, ob er nur ein paar Tropfen abbekommt oder in den Wolkenbruch gerät. In dieser Situation flüchten sich immer mehr Menschen unter den blau-gelben Schirm der FDP. Die Partei eilt von Rekord zu Rekord und hat mit 17 Prozent, einem Plus von einem Prozentpunkt gegenüber Februar, in der Sonntagsfrage dieser Woche erneut ein Allzeithoch im ARD-Deutschlandtrend erreicht.

Genauso klar und deutlich hat sich nun herauskristallisiert, wer das parteipolitische Opfer dieser Krise ist: die Union. Sie verliert erneut zwei Punkte und steht nur noch bei 32 Prozent - der niedrigste Wert seit November 2006. Mit vergleichsweise geringen Schwankungen bewegen sich die anderen Parteien durch die Krise: die SPD klettert Schritt für Schritt aus dem Umfragekeller und steht nun bei 27 Prozent (+2), die Grünen liegen stabil bei elf Prozent, die Linke verliert einen Punkt auf zehn Prozent.

Die Ergebnisse im März 2009:

Drastische Verschiebungen - zugunsten der FDP

Wie drastisch die Krise die Gewichte zwischen den Parteien verschoben hat, zeigt der Blick auf die vergangenen acht Wochen. Seit Jahresbeginn ist die CDU/CSU von 37 auf 32 Prozent gerutscht, die FDP von 13 auf 17 geklettert. Die Stärke der Liberalen und die Schwäche der Union sind zwei Seiten derselben Medaille. Das zeigt eine simulierte Wählerwanderung, die Infratest dimap für uns erstellt hat. Dabei werden die Wählerströme zwischen der Bundestagswahl 2005 und den aktuellen Umfragedaten der Monate Januar bis März simuliert. Auch wenn dieses Rechenmodell weniger präzise ist als die klassische "Wählerwanderung" an Wahlabenden, ist die Richtung klar: Rund 1,6 Millionen Unions-Wähler aus dem Jahr 2005 haben den Weg zur FDP gefunden. Außerdem konnten die Liberalen rund 600.000 ehemalige SPD-Wähler und 450.000 Nichtwähler für sich gewinnen.

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Im Deutschlandtrend haben wir diese Woche genauer erforscht, welche Motive für die Stärke der FDP entscheidend sind: Zum einen profitiert sie von der Schwäche der Regierung. 83 Prozent der FDP-Anhänger geben an, die Partei wählen zu wollen, weil sie "von der Großen Koalition enttäuscht" sind. 77 Prozent wünschen sich einen Regierungswechsel unter Beteiligung der FDP, und 70 Prozent sind ganz konkret von der Politik von CDU/CSU enttäuscht. Zum anderen überzeugt die FDP in der Krise mit ihren Positionen. 82 Prozent der Anhänger wollen FDP wählen, "weil sie eine klare marktwirtschaftliche Ausrichtung hat" und 77 Prozent, "weil sie in der aktuellen Wirtschaftskrise gut reagiert hat".

Je stärker sich die Gewichte zwischen den Parteien verschieben, desto mehr spielen aktuelle Stimmungen eine Rolle, die sich im Lauf der nächsten Wochen leicht wieder verändern können. So sind sich die FDP-Anhänger weniger sicher als die Anhänger anderer Parteien, ob sie bis zum Herbst bei ihrer Meinung bleiben - immerhin 32 Prozent von ihnen sagen, sie seien da wenig oder überhaupt nicht sicher. Die Sonntagsfrage ist eben eine Momentaufnahme der laufenden Woche und keine Vorhersage für bevorstehende Wahlen.

Doppelte Krise der Union 

Trotzdem offenbart die gegenwärtige Lage das strukturelle Problem der Union: Ihre Wählerschaft erodiert gleich an zwei Flanken. Auf der einen Seite sind da fast 2,4 Millionen Unionswähler aus dem Jahr 2005, die gegenwärtig unentschieden sind oder gar nicht wählen wollen. In dieser Gruppe sind Menschen mit geringem Einkommen und geringer Bildung, also die "Schwächeren" der Gesellschaft, deutlich überrepräsentiert. Es geht - zugespitzt - um die "linke Flanke" der Union. Diese Entwicklung ist nicht neu und hat schon lange vor der letzten Bundestagswahl eingesetzt. Neu ist nun, dass auch die marktwirtschaftlich-liberale Flanke bröckelt. Das ist jener Teil der Wählerschaft, der in den Monaten der Krise zur FDP gewandert ist.

DeutschlandTrend Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Kanzlerfrage ]
Die Krise der Union ist - in Maßen - auch die Krise ihrer Kanzlerin. Angela Merkel rutscht in der Skala der Spitzenpolitiker nun wieder auf Rang zwei, verliert sechs Punkte auf einen Zustimmungswert von 63 Prozent. Vorne liegt Frank-Walter Steinmeier, der mit 65 Prozent stabil bleibt. In diesen Werten steckt das Urteil darüber, wie die beiden ihr jetziges Amt ausüben: der Außenminister seines ein klein wenig besser als die Kanzlerin ihres. Vorbei die Zeiten, da Merkel über die Parteigrenzen hinweg respektiert und gelobt wurde. Im Februar 2006 lag ihr Zustimmungswert bei traumhaften 80 Prozent!

Zu anderen Ergebnissen kommen wir allerdings, wenn wir danach fragen, wen die Deutschen gern künftig als Regierungschef sähen. Da bleibt Merkel klar vorn, obwohl sich auch hier der Abstand von 21 auf 14 Punkte verringert. 48 Prozent würden sich für Merkel entscheiden, 34 Prozent für Steinmeier.

Unterschiedliche Ansichten in der Krise

Schwerpunktthema im Deutschlandtrend bleibt natürlich die Finanz- und Wirtschaftskrise. Und dabei fällt auf, dass sich die Politik nicht gerade mit den Handlungsfeldern beschäftigt, die den Bürgern am wichtigsten wären. Wir haben gefragt, für wen staatliche Milliardenhilfen am ehesten gerechtfertigt wären. Und da ist das Urteil eindeutig: 75 Prozent unterstützen Hilfen für kleine und mittlere Unternehmen, die in der Kreditklemme sind. Aber nur 43 Prozent wollen Hilfen für notleidende Unternehmen der Automobilindustrie. Noch unpopulärer sind die Hilfen für Banken, die nur 35 Prozent der Befragten für gerechtfertigt halten. Hier ist es den Regierungen in Bund und Ländern ganz offensichtlich nicht gelungen, zu überzeugen, dass sie das Richtige tun.

Wie geht es weiter bei Opel? (Foto: picture alliance / landov) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Wie geht es weiter bei Opel? ]
Apropos Automobilunternehmen: 47 Prozent finden, der Staat solle sich bei Opel raushalten, genauso viele meinen, er sollte helfen - und zwar eher mit Bürgschaften als durch eine direkte Beteiligung am Unternehmen. Klare Ablehnung hingegen bei einem anderen wirtschaftlichen Wackelkandidaten, der Schaeffler-Gruppe: 28 Prozent fordern Hilfe, 65 Prozent lehnen sie ab.

Hat die Regierung den Überblick verloren?

Das Jonglieren mit Milliarden macht offenbar vielen Bürgern und Steuerzahlern Sorgen. 55 Prozent haben den Eindruck, dass "die Bundesregierung angesichts des Ausmaßes der Krise den Überblick verloren" hat - das ist ein ziemlich krasses Urteil. Erst recht, wenn man sieht, dass fast die Hälfte der Wähler der Regierungsparteien genauso denkt: 45 Prozent der Unions- und 47 Prozent der SPD-Anhänger. Nicht einmal in den eigenen Reihen gibt es breites Vertrauen in das Regierungshandeln.

Vielleicht hat das ja damit zu tun, dass fast alle Befragten böse Vorahnungen haben: 81 Prozent glauben, dass der schlimmste Teil der Krise noch bevorsteht. Und ist es nicht erstaunlich, dass gerade dieser Wert am deutlichsten steigt, je länger die Krise dauert? 55 Prozent machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft, 53 Prozent um ihre Ersparnisse. Die Krisenwolken drücken auf die Stimmung der Wähler.

Dieter Althaus (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Tritt als Spitzenkandidat der CDU an: Dieter Althaus ]
Da ist es geradezu erstaunlich, wie differenziert das Urteil über einzelne Spitzenpolitiker ausfallen kann: Die große Mehrheit der Deutschen, 61 Prozent, ist der Ansicht, dass der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus im Sommer wieder für das Amt des Ministerpräsidenten antreten soll - obwohl er mittlerweile wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde. Hier scheinen die Befragten einen klaren Trennstrich zwischen persönlichem Schicksal und dem politischen Amt zu ziehen.

Untersuchungsanlage:

Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren
Stichprobe: Repräsentative Zufallsauswahl / Randomstichprobe
Erhebungsverfahren: Computergestützte Telefoninterviews
Fallzahl: 1000 Befragte
Erhebungszeitraum: 2. bis 3. März 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte
Sonntagsfrage: 1500 Befragte
Erhebungszeitraum: 2. bis 4. März 2009
Fehlertoleranz: 1,1 bis 2,5 Prozentpunkte
Althaus-Umfrage: 1057 Befragte
Erhebungszeitraum: 3. bis 4. März 2009
Fehlertoleranz: 1,4 bis 3,1 Prozentpunkte
 
Stand: 05.03.2009 22:27 Uhr

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