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Nordrhein-WestfalenTrend Deutliche Verschiebungen in der politischen Stimmung

Stand: 25.03.2012 18:18 Uhr

Sieben Wochen vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen ist Rot-Grün weiter in der Pole-Position, doch es gibt viel Bewegung in der politischen Stimmung. Die FDP legt zu auf Kosten der CDU. Die Grünen verlieren zugunsten der SPD, die mit 40 Prozent den besten Wert seit zehn Jahren erreicht. Vor allem SPD und FDP profitieren von starken Spitzenkandidaten.

Von Jörg Schönenborn, WDR

Die politische Stimmung in Nordrhein-Westfalen ist heftig in Bewegung. Es ist nur zehn Tage her, dass mit der Auflösung des Landtags der Wahlkampf eröffnet wurde. Aber die Verschiebungen, die es seither in der Sonntagsfrage gegeben hat, sind ungewöhnlich stark. Das hat nicht nur mit den ersten handfesten Wahlkampfthemen zu tun, sondern auch mit starken Kandidaten und einem offensichtlich sehr hohen Interesse der Wählerinnen und Wähler in NRW.

Sonntagsfrage Landtagswahl
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Sonntagsfrage Landtagswahl

Gegenüber Mittwoch vergangener Woche legt die SPD zwei Punkte zu und steht nun bei 40 Prozent. Für die Sozialdemokraten im Land ist das der beste Wert seit mehr als zehn Jahren. Die zusätzlichen Stimmen kommen weitgehend aus dem eigenen Lager: Die Grünen geben im Gegenzug zwei Punkte ab und stehen nun bei zwölf Prozent. Nach einem zwischenzeitlichen demoskopischen Hoch ist das nun wieder das Niveau der Landtagswahl 2010.

Stimmentausch im bürgerlichen Lager

Auch im sogenannten bürgerlichen Lager scheint es einen Stimmentausch zu geben. Die CDU gibt zwei Punkte ab und steht nun bei 32 Prozent. Dafür kann die FDP sich spürbar erholen und verdoppelt ihren Stimmanteil von zwei auf vier Prozent. Die Linke rangiert nur noch bei drei Prozent (minus eins) und hat aus heutiger Sicht sehr geringe Chancen, erneut in den Landtag einzuziehen. Die Piraten stehen unverändert bei fünf Prozent und sind damit schwächer als in den beiden anderen Ländern, in denen in diesem Jahr gewählt wird.

Starke Spitzenkandidaten

Die frühe Phase des Wahlkampfs ist geprägt von vergleichsweise starken Spitzenkandidaten, die alle weit über die eigene Wählerschaft hinaus positiv bewertet werden. Dabei ragt die amtierende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft heraus: 77 Prozent halten sie für eine "starke Spitzenkandidatin". Dann folgt - mit deutlichem Abstand - CDU-Landeschef Norbert Röttgen mit 48 Prozent. Röttgen wird dabei nicht nur von der deutlichen Mehrheit der eigenen Anhänger als "stark" eingeschätzt, sondern auch von der Mehrheit der Grünen-Wähler. Deren Spitzenkandidatin, Schulministerin Sylvia Löhrmann, kommt auf 37 Prozent.

Welche Partei hat einen starken Spitzenkandidaten?
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Welche Partei hat einen starken Spitzenkandidaten?

Der neue FDP-Landeschef Christian Lindner erzielt mit 28 Prozent zwar den schwächsten Wert im Spitzenquartett. Für eine Partei mit Werten zwischen zwei und vier Prozent in der Sonntagsfrage ist das allerdings ein beachtlicher Wert. Er deutet darauf hin, dass die deutlichen Zugewinne der Partei vor allem mit der Nominierung von Lindner als Spitzenkandidat zu tun haben.

Während die FDP mit ihrem neuen Spitzenmann einen regelrechten Schub bekommt, ist es bei der CDU wohl die vor allem in den eigenen Reihen geführte Debatte um den eigenen Spitzenkandidaten, die für den negativen Trend sorgt. Röttgen war unter anderem vom CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer öffentlich aufgefordert worden, auf sein Amt als Bundesumweltminister in Berlin zu verzichten und nach der Wahl auf jeden Fall nach Düsseldorf zu gehen - auch im Falle einer Niederlage als Oppositionsführer.

Die Wählerinnen und Wähler scheint diese Frage weit weniger zu interessieren als die Politiker, die darüber diskutieren. Mit 62 Prozent geben fast zwei Drittel der Befragten an, für ihre persönliche Wahlentscheidung sei die Frage "nicht so wichtig", ob Röttgen sich bereits jetzt auf eine künftige Rolle festlegt. 34 Prozent erklären, "das ist wichtig für meine Wahlentscheidung". Auch unter den CDU-Wählern, die Röttgen vor allem im Blick haben muss, halten es nur 30 Prozent für wichtig.

Wie sollte sich Röttgen bei Wahlniederlage verhalten?
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Wie sollte sich Röttgen bei Wahlniederlage verhalten?

Unentschlossen sind die Befragten auch, wie sich Röttgen denn nun in der Sache entscheiden sollte. Jeweils 39 Prozent plädieren dafür, dass er im Falle einer Wahlniederlage als Umweltminister in Berlin bleibt bzw. die Opposition im Düsseldorfer Landtag anführt. Hier allerdings wünschen sich unter den CDU-Anhängern mit 48 Prozent überdurchschnittlich viele, dass Röttgen auf jeden Fall nach Düsseldorf geht.

Kraft ist entscheidend für die SPD

Die verbesserten Werte der Sozialdemokraten haben mit einem Thema und einer Person zu tun. Das Thema ist die Diskussion über die Finanzlage der Ruhrgebiets-Städte und deren Solidarbeitrag für Ostdeutschland, die ja vor allem von SPD-Oberbürgermeistern geführt wurde. Mehr als die Hälfte der Nordrhein-Westfalen, 56 Prozent, teilt die Ausgangshypothese, dass die finanzielle Situation der NRW-Städte schlechter ist als in anderen Bundesländern. 28 Prozent sehen einen Gleichstand, neun Prozent halten die Lage der Städte für besser. Die größte Kompetenz, wenn es darum geht, die finanzielle Not der Ruhrgebiets-Städte zu lindern, wird mit 33 Prozent der SPD beigemessen, die CDU folgt mit zehn Prozent. Diese Zahlen sind ein Indiz dafür, dass dieses offenbar gezielt gesetzte Wahlkampf-Thema der SPD geholfen hat.

Geht es NRW-Städten im Vergleich zu anderen Städten ...
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Geht es NRW-Städten im Vergleich zu anderen Städten ...

Wer setzt sich am meisten für Ruhr-Städte ein?
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Wer setzt sich am meisten für Ruhr-Städte ein?

Entscheidend für die SPD ist aber die Person von Hannelore Kraft. Sie wird nicht nur als stärkste Kandidatin im Vergleich zu anderen Parteien gesehen. Auch in der direkten Auseinandersetzung mit ihrem Kontrahenten Norbert Röttgen liegt sie weiterhin klar vorn. Wenn man den Ministerpräsidenten oder die Ministerpräsidentin direkt wählen könnte, würden sich gegenwärtig 57 Prozent für Kraft und 28 Prozent (plus zwei) für Röttgen entscheiden. Damit verringert sich der Abstand zwar auf 29 Punkte, ist aber immer noch gewaltig.

Direktwahl Ministerpräsident/in
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Direktwahl Ministerpräsident/in

Welche Regierung ist gut für NRW?
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Welche Regierung ist gut für NRW?

Rot-Grün in der Pole-Position

Auch von der künftigen politischen Konstellation der Landesregierung haben die Befragten eine deutliche Meinung. Mit 51 Prozent hält mehr als die Hälfte der Befragten die Fortsetzung des rot-grünen Bündnisses für eine gute Lösung. Eine große Koalition aus SPD und CDU - die allerdings nicht Gegenstand der politischen Diskussion ist - kommt mit 46 Prozent ebenfalls auf relativ hohe Zustimmungswerte. Eine schwarz-gelbe oder schwarz-grüne Koalition ist dagegen mit jeweils 21 Prozent Zustimmung vergleichsweise unpopulär.

Bis zur Wahl in NRW sind es sieben Wochen. Die völlig unerwartete Auflösung des Landtags in der vorvorigen Woche hat für hohe Aufmerksamkeit gesorgt und den Wahlkampf ungewöhnlich früh starten lassen. Die Wählerinnen und Wähler scheinen das mit hohem Interesse zu verfolgen und haben von vier der Spitzenkandidaten eine gemessen an der Parteistärke hohe Meinung. Diese Konstellation spricht für einen spannenden Wahlkampf, in dem es durchaus noch häufiger so deutliche demoskopische Verschiebungen wie in den vergangenen zehn Tagen geben könnte. Rot-Grün ist dabei in einer klaren Pole-Position, aber die Wahl ist alles andere als entschieden.

Untersuchungsanlage DeutschlandTrend NRW

Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren
Stichprobe: Repräsentative Zufallsauswahl / Randomstichprobe
Erhebungsverfahren: Computergestützte Telefoninterviews (CATI)
Fallzahl: 1001 Befragte
Erhebungszeitraum: 22. bis 24. März 2012
Fehlertoleranz: 1,4* bis 3,1** Prozentpunkte
* bei einem Anteilswert von 5%, ** bei einem Anteilswert von 50%
* bei einem Anteilswert von 5%, ** bei einem Anteilswert von 50%

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