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10.02.2010

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Inland
Immer schlechteres Schülerwissen über die DDR
Studie über Schülerwissen über die DDR

"Die Mauer? War da was?"

Die Deutsche Einheit wird heute 18 Jahre alt. Doch was war eigentlich vor dem Fall der Mauer? Das Wissen über die DDR schrumpft bei Schülern in Ost und West - das hat eine Studie der Freien Universität Berlin herausgefunden.

Von Birgit Wentzien (SWR), ARD Berlin

Grenzübergang in Oberfranken (Foto: picture-alliance/ dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Kinder begrüßen im November 1989 in Oberfranken Besucher aus dem Osten. ]
Rainer ist 16 Jahre alt. Sein Wissen über die DDR gewinnt er aus den Erzählungen des Vaters auf der einen und Erzählungen seiner resoluten Großmutter auf der anderen Seite. "Mein Vater erzählt sehr viel darüber, dass die DDR sehr gut war, weil es da immer Arbeit gab", sagt er. Seine Oma dagegen ist schlecht auf die DDR zu sprechen: "Sie fand das gar nicht gut, mit Stasi und allem Drum und Dran."

Susanne ist ein Jahr jünger und besucht wie Rainer ein Gymnasium in Berlin. Über ihr DDR-Wissen sagt sie: "Also nicht wirklich viel. Man hat zwar die Anfangsthemen behandelt, aber auch nicht mehr darüber."

Zwei Schüler im Jahr 2008. Zwei von insgesamt 5200 in Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern, die vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin befragt wurden.

"Die Schüler wissen nichts konkretes über die DDR"

Bei dem Aufstand am 17. Juni 1953 kamen 16 Menschen ums Lebens, mindestens 100 wurden verletzt. Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Aufstand am 17. Juni 1953 in Ostberlin ]
Und nach der Ansicht von Klaus Schröder, dem Autor der Studie, sind deren Aussagen durchaus repräsentativ: "Der Alltag wird sehr wohl weitererzählt, während die Herrschaftsformen, die in der Wissenschaft stärker behandelt wurden, überhaupt nicht weitererzählt werden." In diesem Gebiet müssten Schule und Medien mehr Kenntnisse vermitteln, so Schröder. Sein Gesamtbefund ist drastisch: "Die Schüler wissen nichts Konkretes über die DDR. Sie wissen weder etwas über die Umweltprobleme, noch wissen sie etwas über die Todesstrafe oder die Vermögensverhältnisse. Sie bilden sich ein Urteil, ohne ein Wissen zu haben. Das haben wir bemängelt."

Unwissen über Willy Brandt

Jeder zweite Jugendliche im Osten und jeder dritte im Westen sagt: Die DDR war keine Diktatur. In Brandenburg und im Osten Berlins wissen nur knapp 40 Prozent, dass es in der DDR keine demokratischen Wahlen gab. Und befragt nach Politikern wie Willy Brandt und Konrad Adenauer sind die Ergebnisse fast kurios."Offenbar haben die Schüler geraten. Warum Adenauer oder Brandt in den Osten verlagert werden, dass hat sich uns nicht erschlossen. Die Lehrer konnten es nicht erklären. Den umgekehrten Effekt gibt es kaum: Es werden sehr wenige ostdeutsche Politiker in die Bundesrepublik gesetzt. Das deutet darauf hin, dass, wenn im Elternhaus positiv über Willy Brandt geredet wird, die Schüler denken, er muss einer aus der DDR gewesen sein."

John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer in Berlin (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der Regierende Bürgermeister Brandt (Mitte) und Bundeskanzler Adenauer (rechts) fahren mit dem US-Präsidenten John F. Kennedy im Juni 1963 durch den Westteil Berlins. ]

"Die DDR kommt im Unterricht nicht vor"

Die Studie belegt erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen den Kenntnissen über die DDR und ihrer Beurteilung. Und vor allem: Klar wird, woher das der Wissensmangel der Schüler stammt. "Die Institution Schule, in einigen Fällen auch die Hochschulen, behandelt das Thema nicht. Das ist das Problem. Wir haben in allen Lehrplänen vorgesehen, dass das geteilte Deutschland und die DDR behandelt werden sollen. Wenn dann zwei Drittel bis drei Viertel der Schüler sagen, die DDR komme im Unterricht nicht vor, dann müssen wir fragen, wie es sein kann. Warum weigern sich Lehrer, diesen Stoff zu behandeln?"

Menschen neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären. Keine Frage - Erinnerungen werden oft für die Wirklichkeit gehalten. Schröders Fazit lautet: Je mehr die Schüler wissen, desto kritischer sehen sie die DDR. Ansichten, so vorhanden, stammen von den Eltern, den Großeltern. Und - für Klaus Schröder ist die Rolle der älteren Generation im Osten Deutschlands noch deutlich problematischer als die mangelnde Schulbildung der Schüler, obwohl sie im Lehrplan steht. "Für die DDR kann man sehr gut zeigen, dass es eine fiktive, eine rekonstruierte DDR ist, die zurückgesehnt wird. In die wirkliche DDR will kaum jemand zurück."

Rot-Grün schon Geschichte

Aus Schülern werden Wähler. Die Erstwähler der Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres wurden nach dem Mauerfall geboren, waren sieben Jahre alt, als die Kanzlerschaft Helmut Kohls endete. Für sie ist selbst die rot-grüne Bundesregierung schon Geschichte ist. Es wird eine Herausforderung sein, sie im Mammut-Wahl-Jahr für 60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall zu interessieren. Ein Titel für dieses Informations-Programm könnte lauten: "Wie wir wurden, was wir sind."

Stand: 03.10.2008 09:00 Uhr
 

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