Der Eingang zum Stammlager des ehemaligen KZ Auschwitz mit den Worten''Arbeit Macht Frei'' | Bildquelle: AP

Überlebende zu Prozess gegen Ex-SS-Mann "Geschlagen, getreten, geschossen"

Stand: 10.02.2016 18:00 Uhr

Vor dem Landgericht Detmold muss sich von heute an ein Ex-SS-Wachmann aus dem KZ Auschwitz verantworten. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen. Was heißt es für die Überlebenden, ihrem Peiniger von einst gegenüberzusitzen?

Von Michael Heussen, WDR

"Der eine hat geschlagen, der andere hat getreten. Einer hat die Mütze weggeschlagen, und wenn man sie zurückholen wollte, wurde geschossen." Einer der Journalisten im Gemeindesaal der Martin-Luther-Kirche in Detmold hatte wissen wollen, ob es denn auch gute Menschen unter den SS-Leuten in Auschwitz gegeben habe. Nein, die gab es nicht.

Die Antwort von Justin Sonder lässt keinen Zweifel zu. Und deswegen ist der 90-jährige Holocaust-Überlebende aus Chemnitz nach Nordrhein-Westfalen gereist, um als Zeuge beim Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold H. auszusagen.

Ob die beiden sich persönlich begegnet sind, spielt dabei keine Rolle. Allein der Umstand, dass H. als Wachmann in Auschwitz eingesetzt war, ist ausreichend für die Anklage zur Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen.

Verfahren gegen Auschwitz-Wachmann eröffnet
tagesschau 15:00 Uhr, 11.02.2016, Michael Heussen, WDR

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"Ich wollte noch einmal die Sonne sehen"

Auch andere Überlebende sind nach Detmold gekommen: Der 94-jährige Leon Schwarzbaum aus Berlin und Erna de Vries, 93, aus Lathen im Emsland. Sie war schon auf dem Weg in die Gaskammer, hatte den Tod vor Augen. "Ich wollte noch einmal die Sonne sehen", erzählt sie mit ruhiger Stimme. Und auf einmal wird ihre KZ-Nummer aufgerufen, wird sie als Halbjüdin für eine Spezialaufgabe abkommandiert. Das rettete ihr das Leben.

Mit gemischten Gefühlen warten die drei Nebenkläger auf den Prozess gegen den ehemaligen SS-Unterscharführer. Auch wenn sie es gewohnt sind, über ihr Schicksal zu sprechen - etwa vor Schulklassen - ist es doch etwas ganz anderes, dem Peiniger von einst direkt gegenüberzusitzen.

Michael Heussen, WDR, über den ersten Prozesstag
tagesschau 12:00 Uhr, 11.02.2016

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Nach 70 Jahren mit Vergangenheit konfrontiert

Reinhold H. ist 94 Jahre alt und stammt aus der Kleinstadt Lage, ein paar Kilometer von Detmold entfernt. Mit seiner Vergangenheit als Wachmann im KZ Auschwitz wurde er fast 70 Jahre lang nicht konfrontiert. Doch als er eines Tages vor zwei Jahren mit dem Auto nach Hause kam, warteten Polizisten auf ihn, um seine Wohnung zu durchsuchen.

Man habe nach belastenden Dokumenten und Fotos gesucht, bestätigt der Ankläger, Oberstaatsanwalt Andreas Brendel. Gefunden wurde zwar nichts. H. habe zugegeben, in Auschwitz eingesetzt gewesen zu sein. Aber er bestreitet, von den Tötungen gewusst, geschweige denn selbst Hand angelegt zu haben.

Auschwitz-Überlebende Erna de Vries | Bildquelle: AFP
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War schon auf dem Weg in die Gaskammer, ehe sie abkommandiert wurde: Erna de Vries.

Auschwitz-Überlebender Leon Schwarzbaum zeigt ein altes Foto, das ihn und seine Familie zeigt. | Bildquelle: dpa
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Leon Schwarzbaum zeigt ein altes Foto, das ihn und seine Familie zeigt.

Im KZ Karriere gemacht

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft muss ihm das gar nicht bewiesen werden. Es reiche schon der Umstand, über längere Zeit ein Rädchen im Getriebe von Auschwitz gewesen zu sein - und das wohl auch mit beruflichem Erfolg: H. gelang in kurzer Zeit der Aufstieg vom Sturmmann zum Unterscharführer. Da müsse man sich schon um die Sache verdient gemacht haben, konstatiert Oberstaatsanwalt Brendel.

Um die Vorwürfe gegen H. in dem Verfahren zu konkretisieren, stellte Brendel die Tötung von 170.000 ungarischen Juden in den Mittelpunkt der Anklage: "Wir brauchen eine abgrenzbare Haupttat, und diese sogenannte Ungarn-Aktion lässt sich anhand von Dokumenten sehr gut belegen." Denn in diesem Zeitraum waren SS-Angehörige des Stammlagers Auschwitz im benachbarten Vernichtungslager Birkenau eingesetzt. Und da Reinhold H. zugibt, in Auschwitz gewesen zu sein, muss er auch in Birkenau eingesetzt gewesen sein.

Zwei Stunden pro Tag verhandlungsfähig

Wenige Wochen vor Prozessbeginn wurde er wegen psychischer Probleme im Krankenhaus behandelt. Ein Arzt kam aber zum Ergebnis, dass er für zwei Stunden pro Tag verhandlungsfähig sei. Oberstaatsanwalt Brendel ficht der angeschlagene Gesundheitszustand des Angeklagten nicht an: Mord und Beihilfe zum Mord verjähren nach deutschem Recht nicht. Weder im Strafgesetzbuch noch in der Strafprozessordnung gebe es eine Altersgrenze.

So sehen es auch die zum Prozessbeginn nach Detmold gereisten Nebenkläger: Erna de Vries, Leon Schwarzbaum und Justin Sonder wollen erreichen, dass ihnen zumindest in diesem einen Fall 71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz Gerechtigkeit widerfährt.

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