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Tiefe Wissenslücken
Schülerwissen über die DDR mangelhaft
Willy Brandt war ein DDR-Politiker, Erich Honecker demokratisch legitimiert und die Mauer wurde von der Sowjetunion errichtet: Das zumindest glauben Schülerinnen und Schüler, wenn sie zur DDR befragt werden. Multimediale Projekte wollen diese Wissenslücken schließen und bilden Jugendliche zu "Geschichtsreportern" aus.
Von Jette Studier, tagesschau.de
Die Mauer in Berlin? Haben doch die Alliierten gebaut - oder die Sowjetunion? Erich Honecker? Kenn' ich nicht. Aber Willy Brandt, der kam doch aus der DDR. So oder ähnlich sieht es offenbar in den Köpfen vieler deutscher Schüler aus. Eine im Jahr 2008 veröffentlichte Befragung des Forschungsverbundes SED-Staat der FU Berlin belegt: Das Wissen der 16- und 17-Jährigen über die DDR ist erschreckend gering.
Mehr als 5000 Schüler aus Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern befragten die Wissenschaftler. Beinahe die Hälfte der Jugendlichen kannte das Jahr des Mauerbaus nicht. Viele glaubten, der "antifaschistische Schutzwall" sei von der Sowjetunion oder gar den Alliierten errichtet worden und fast ein Drittel war der Meinung, das SED-Regime sei durch Wahlen demokratisch legitimiert gewesen. Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbandes, sprach angesichts dieser Ergebnisse öffentlich von einem wachsenden "historischen Analphabetismus".
Die DDR als soziales Paradies mit sauberer Umwelt
Doch nicht nur an Wissen mangelt es bei den Jugendlichen, auch ein kurioses Geschichtsbild wurde deutlich: Viele Schüler sahen im sogenannten Arbeiter- und Bauernstaat offenbar eine Art soziales Paradies mit Arbeitsplatzgarantie und sauberer Umwelt. Repression und Überwachung in der SED-Diktatur messen sie dagegen weniger Bedeutung zu: "Die Stasi war ein Geheimdienst wie ihn jeder andere Staat auch hat", fanden immerhin 30 Prozent der Befragten. Und fast jeder Fünfte urteilte: "Wer die DDR verlassen wollte, hatte selbst schuld, wenn an der Grenze auf ihn geschossen wurde."
Online-Projekte sollen Schüler für DDR-Geschichte begeistern
Oliver Baumann arbeitet seit 2008 daran, diese Bildungslücken zu schließen. Mit dem Verein Kooperative Berlin gründete er die multimediale Onlineplattform DeineGeschichte.de. "Wir bilden die Jugendlichen in Workshops sozusagen zu Geschichtsreportern aus", erklärt Baumann den Ansatz des Projekts, "sie suchen sich eigene Themen, führen Zeitzeugeninterviews und ihre Ergebnisse verstauben nicht im Klassenraum." Denn die Schülerarbeiten werden auf der Online-Plattform veröffentlicht. Mehr als 150 Beiträge sind mittlerweile im Netz verfügbar. Besonders das Angebot, ein eigenes Video zu produzieren, begeistere die Schüler, so Baumann: "Die Jugendlichen würden alle am liebsten sofort einen abendfüllenden Spielfilm drehen."
Dass Schülern der Zugang zum DDR-Regime durch multimediale Angebote erleichtert wird, glaubt auch Peter Lautzas, Vorsitzender des Verbandes deutscher Geschichtslehrer. "Man muss sich eben an die alltäglichen Gewohnheiten der Jugendlichen anpassen", findet er. In Zusammenarbeit mit dem MDR entstand so das Bildungsportal Eure Geschichte. In einer Art virtuellem Klassenzimmer können sich Schüler hier durch die Stationen der DDR-Geschichte klicken. Zu Themenkomplexen wie "Der Aufstand des 17. Juni 1953" oder "Kirche in der DDR" stehen auch für Lehrer komplette Materialsammlungen zu Verfügung. Ganze Geschichtsstunden können so online stattfinden.
Viele Schüler halten die DDR nicht für eine Diktatur
Doch die Nutzung der Multimedia-Angebote erfordert Zeit. Und die fehlt offenbar, um die SED-Diktatur angemessen im Klassenzimmer zu behandeln. Dass Thema sei zwar heute stärker in den Rahmenlehrplänen aller Bundesländer verankert als noch vor zehn Jahren, sagt Jens Hüttmann von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Es stehe aber noch immer deutlich zu wenig Unterrichtszeit zur Verfügung.
Dagmar Schulze Heuling, Mitglied des Forschungsverbundes SED-Staat, fordert nicht nur mehr Zeit, sondern in erster Linie einen werteorientieren Geschichtsunterricht. Denn noch erschreckender als das mangelnde Wissen der Schüler sei es, dass vielen die Fähigkeit fehle, Demokratie und Diktatur voneinander zu unterscheiden. So kam eine Nachfolgestudie der FU Berlin aus diesem Jahr zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der Schüler die DDR nicht eindeutig als Diktatur benennen. Noch erstaunlicher: Lediglich etwa 60 Prozent halten das wiedervereinigte Deutschland für eine Demokratie.
DDR-Bild der Eltern prägt die Jugendlichen
Fraglich bleibt, ob allein Schulen und Lehrer für diese Bildungslücken verantwortlich gemacht werden können. Denn das Wissen der Jugendlichen über die DDR stammt nicht ausschließlich aus Schulbüchern. Mehr als ein Drittel erfahre auch aus Gesprächen mit Eltern und Verwandten viel über die deutsche Vergangenheit, so die aktuelle Studie. Trotz gleichem Wissensstand bewerten Schüler aus Familien mit DDR-Hintergrund das SED-Regime deutlich positiver als ihre Altersgenossen aus den alten Bundesländern. Gespräche am Küchentisch sind deshalb möglicherweise viel prägender als ein Tafelbild im Geschichtsunterricht – ganz egal, ob es nun analog oder multimedial präsentiert wird.
Stand: 02.10.2012 21:44 Uhr
