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Die Münchner Sicherheitskonferenz beschäftigt sich auch mit "Cyber War". Doch entgegen vieler Horrorszenarien halten Experten schwerwiegende Angriffe mit "digitalen Bomben" oder Trojanern etwa auf die Stromversorgung für sehr unwahrscheinlich. Es sei extrem aufwendig, großen Schaden anzurichten.
Von Alexander Richter, tagesschau.de
Im Sommer vergangenen Jahres sorgte die Nachricht über den neuartigen Computerschädling "Stuxnet" für viel Aufsehen. Der Computerwurm, der bestimmte industrielle Steuersoftware der Firma Siemens befiel, rief auch Weltuntergangsbeschwörer auf die Bühne: Mit ein paar geänderten Programmzeilen könnte der Schädling umprogrammiert werden und so vielleicht beispielsweise die Stromversorgung lahm legen. Solche Schreckensszenarien werden in jüngster Zeit häufig in Verbindung mit dem Begriff "Cyber War" ausgemalt. So beschrieb der ehemalige Sicherheitsberater im Weißen Haus, Richard Clarke, in seinem Buch "Cyber War - die nächste Bedrohung für die nationale Sicherheit und wie darauf reagiert werden soll" apokalyptische Bilder: Nach einem imaginären Hackerangriff auf die USA versiegt der elektrische Strom, Flugzeuge stürzen vom Himmel, Gifgaswolken entweichen aus Industrieanlagen, die Lebensmittelversorgung bricht zusammen und Plünderer ziehen durch die Straßen.
[Bildunterschrift: Ein überregionaler langfristiger Stromausfall nach einer einzelnen Hackerattacke ist unwahrscheinlich. ]
Andere Experten halten solche Szenarien für übertrieben. "Vielleicht kann es Angreifern mit Schadsoftware gelingen, für einige Stunden regional die Stromversorgung zusammenbrechen zu lassen, aber eine große Katastrophe ist unwahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich", sagte Sandro Gaycken zu tagesschau.de. Einzeltäter seien kaum in der Lage, ganze Systeme allein mit "digitalen Bomben" zu zerstören, so der Technik- und Sicherheitsforscher von der Freien Universität in Berlin. Es bräuchte eine größere Gruppe, die koordiniert unterschiedliche Systeme angreife. Das sei zeitintensiv und koste viel Geld.
[Bildunterschrift: Die sensiblen Computer von Atomkraftwerken sind nicht an öffentliche Datennetze angeschlossen. ]
Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Mischa Hansel von der Universität in Köln im Gespräch mit tagesschau.de. Theoretisch sei ein Angriff auf sensible Infrastruktur möglich, doch "obwohl wir seit zwei Jahrzehnten von der Gefahr hören, ist kaum etwas passiert". Zu solchen Angriffen seien vermutlich nur staatliche Nachrichtendienste in der Lage. Er verweist darauf, dass die Computer besonders kritischer Infrastruktur, etwa von Atomkraftwerken, nicht an öffentliche Datennetze angebunden seien. Man bräuchte entweder direkten Zugang zu solchen Anlagen oder müsste schon in der Produktion beziehungsweise bei der Wartung die Hard- oder Software manipulieren. Zudem seien beispielsweise auf dem Strommarkt unterschiedliche Anlagen mit je verschiedenen Schwachpunkten und Sicherheitsmaßnahmen im Betrieb. Um das System insgesamt zu treffen, müssten zeitgleich sehr viele Einzelhürden genommen werden, so Hansel, der in Köln zum Thema "Cyberspace" forscht.
Auch die Autoren einer OECD-Studie, die Mitte Januar 2011 veröffentlicht wurde, schlussfolgern, dass nur sehr wenige cyberbedingte Ereignisse denkbar wären, die einen globalen Schock zur Folge haben könnten. Dennoch müssten sich gerade Industriestaaten auf großflächige Computerausfälle und deren vielleicht schwerwiegende Folgen vorbereiten. Auslöser müssten jedoch nicht zwingend Viren, Würmer, Logikbomben oder Trojaner sein, auch Katastrophen oder Naturereignisse wie große Sonneneruptionen könnten IT-Systeme zerstören.
Sowohl Hansel als auch Gaycken bemängeln einen inflationären Gebrauch des Begriffs "Cyber War". Er werde häufig im Zusammenhang mit dem Ausspähen persönlicher Passwörter, massenhaften Attacken auf Internetserver oder elektronischer Wirtschaftsspionage verwendet. "Man muss die Relation wahren. Nicht jegliche Manipulation von Computern und Datenströmen ist mit dem Wort Krieg treffend umschrieben", sagte Hansel. "Cyber War" sei eine "diffuse Begriffswolke". Und Gaycken gibt zu Bedenken, dass auch die Industrie das Thema entdeckt habe.
In den USA geht der von US-Präsident Barack Obama ernannte Koordinator für Cybersicherheit, Howard Schmidt, ebenfalls auf Distanz zum Begriff "Cyber War". Dem Magazin "The New Yorker" sagte der erfahrene Computerexperte Ende vergangenen Jahres: ""Es gibt Menschen, die herausfanden, dass Warnungen vor dem 'Cyber War' ein guter Karriereweg sind. Auf einmal sind sie Fachleute und bekommen viel Aufmerksamkeit."
Das soll wohl auch auf Richard Clarke zutreffen. Er will nicht nur sein Buch "Cyber War" verkaufen und als Experte in den Medien auftreten. Clarke ist auch Partner in der Firma "Good Harbor". Geschäftsfelder des in in Virginia ansässigen Unternehmens sind auch Schutz kritischer Infrastruktur und Cybersicherheit.
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