Ein Passwort wird auf einem Laptop über eine Tastatur eingegeben.  | Bildquelle: picture alliance / dpa

Debatte über Hacker-Attacken Angriff aus dem Wohnzimmer?

Stand: 11.06.2015 19:22 Uhr

Für Hacker werde es immer einfacher, globale Krisen vom Sofa aus auszulösen, sagen Experten. Den Angreifern auf die Spur zu kommen, sei fast unmöglich. Die Politik könne wenig machen - oft würden Sündenböcke für Attacken gesucht.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Die IT-Struktur des Bundestags, die Personalverwaltung der US-Regierung, der französische Sender TV5Monde - Hackerangriffe werden mehr, oder es wird zumindest mehr über sie berichtet. Die Dunkelziffer ist vermutlich weiterhin hoch, denn: "Keiner hat ein Interesse, die Angriffe öffentlich zu machen. Durch das Verschweigen wiederum passieren neue Angriffe, weil Sicherheitslücken nicht geschlossen werden", sagt Markus Beckedahl, Gründer von "netzpolitik.org", im Gespräch mit tagesschau.de.

Berufs-Hacker Sebastian Schreiber geht davon aus, dass Hacking attraktiver für die Täter wird. Zahlungen laufen übers Internet, Geschäftsprozesse wandern ins Netz - das Angriffsfeld sei groß, sagt er. Staaten und Hacker könnten im Internet absolut anonym agieren, damit sinke die Hemmschwelle für Angriffe und die Gefahr steige. "Die Ziele sind abstrakt und die Gefahr für Täter ist gering, man wird ihnen nie etwas beweisen können", so Schreiber. Denn im Gegensatz zum konventionellen Krieg wisse man nicht, wer geschossen habe. Es gebe nur Indizien auf die Hacker, aber die sogenannte "Attribution" bei Hackerangriffen sei wie eine Wettervorhersage - sie gehe von Wahrscheinlichkeiten aus, sagt Schreiber.

Beckedahl geht davon aus, dass die Angreifer Spuren legen, die auf eine falsche Fährte locken. Ein Hacker könne beispielsweise in den USA sitzen, die russische Infrastruktur hacken und Frankreich angreifen, sagt er.

Markus Beckedahl | Bildquelle: dpa
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Markus Beckedahl, der Gründer von Netzpolitik.org, sagt: Ein intelligenter Hacker verwischt seine Spur.

Ein Foto von Sebastian Schreiber. Er kennt sich aus mit IT - er ist Berufs-Hacker.
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Sebastian Schreiber ist Berufs-Hacker. Sein Unternehmen hackt sich in die IT-Systeme der Kunden und führt Sicherheitstests durch.

Keine Kriterien

Um die Verantwortlichen für Hackerangriffe festzumachen, gebe es keine Kriterien, sagt Dirk Engling vom Chaos Computer Club. Er vergleicht die Hacker mit Soldaten, die in einer bestimmten Uniform unterwegs sind. Die Uniform könne zu dem Land passen, für das sie tatsächlich kämpfen, sie könnte aber auch nur zur Tarnung dienen.

Dennoch wollen angegriffene Staaten oder Institutionen versuchen herauszufinden, wer für einen Angriff verantwortlich war. Bei der Attacke auf den französischen Sender TV5Monde im April wurden Informationen auf eine Internetseite gestellt, die als Teil eines "Cyberkalifates" bezeichnet wurde - eine Anspielung auf die Terrormiliz "Islamischer Staat". Mittlerweile verfolgen die Ermittler eine andere Spur: russische Hacker. In Berlin verdichten sich die Hinweise, dass die Attacke auf die IT des Bundestags ebenfalls aus Russland kommen könnte.

Russland zum Beispiel könne hier ein "Sündenbock" sein, der gut ins Schema passe, sagt Beckedahl. Doch wer könnte Interesse daran haben, bestimmte Länder mit Hackern in Verbindung zu bringen? Entweder habe man ernsthafte Hinweise oder man wolle von sich ablenken und einen Schuldigen haben, glaubt Schreiber.

"Teil des Spiels"

"Die Vorfälle werden sicherheitspolitisch instrumentalisiert", sagt Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit tagesschau.de. Er geht davon aus, dass die Hackerangriffe Teil einer sicherheitspolitischen Kalkulation auf internationaler Ebene seien. "Es gibt keine Freunde und keine Feinde. Jeder greift an, vor allem Militär und nachrichtendienstliche Akteure", sagt der Wissenschaftler. Spionage sei völkerrechtlich nicht verboten. "Dass Geheimdienste spionieren, ist deren Aufgabe. Dafür nutzen sie Hacker-Tools", sagt Schreiber.

Der Angriff auf den Bundestag ist Dickow zufolge ein "Teil des Spiels". In diesem Fall seien die Angreifer bei ihrem Angriff erwischt worden. Nun würden die Angreifer alles tun, um ihre Spuren zu verwischen. Im Moment funktioniere das Spiel, sagt Dickow, aber es sei brandgefährlich.

"Misstrauen wächst"

Die Hackerangriffe wirken sich auch auf die internationale Politik aus: "Das Misstrauen wächst. Die Politik wird vorsichtiger, wie sie mit Informationen umgeht", sagt Dickow. Manche Informationen würden beispielsweise nur unter vier Augen ausgetauscht, nicht mehr am Telefon oder per e-Mail. Für Hacker sei die internationale Politik nur einen Mausklick entfernt, sagt Engling vom Chaos Computer Club: "Es wird zunehmend einfacher, aus dem Wohnzimmer eine internationale Krise hervorzurufen", sagt er. Mit wenigen Tasten könne ein Hacker Angriffe anleiern und Spuren legen.

Doch wie kann die Politik darauf reagieren? "Die Politik kann nur wenig machen", sagt Schreiber: "Die deutschen Gesetze beispielsweise enden an den Staatsgrenzen, dabei sind die im Cyberspace nicht wichtig." Die Hacker, die Daten und die Server seien überall. Wichtig sei, wer auf die Daten eines Servers zugreifen könne. "Die Zugriffswege sind nicht normiert", kritisiert Schreiber. Beckedahl fordert, dass Cyber-Waffen genauso wie ABC-Waffen auf internationaler Ebene reguliert werden, um ein Wettrüsten zu stoppen.

Das Internet als Kriegsschauplatz? Für Engling ist das Internet kein Kriegsgebiet. Damit würde Krieg, in dem Menschen sterben, abgewertet. Schreiber hingegen ist sich sicher: Der nächste Krieg wird im Netz stattfinden. Ein Land von seiner Stromzufuhr abzukappen? Für Angreifer sei das attraktiv.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Juni 2015 um 15:00 Uhr.

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