Ein Bus mit der Aufschrift "Reisegenuss" fährt im Dunkeln durch Clausnitz, Sachsen

Clausnitz ein Jahr danach Zwischen Angst und Aussöhnung

Stand: 30.01.2017 09:42 Uhr

Der Bus, der Mob und das Dorf: Ein Jahr nach der Busblockade gegen Flüchtlinge hadert Clausnitz mehr mit sich selbst als mit den Flüchtlingen. Die Stimmung im Ort bleibt gespalten und zum Teil angsterfüllt. Viele Bewohner trauen sich nicht vor die Kamera.

Eine Reportage von Klaus Scherer und Nikolas Migut, NDR

Es muss ein merkwürdiger Augenblick gewesen sein, als im sächsischen Dorf Clausnitz die Kirchendienerin Monika K. mit dem Klingelbeutel an den Mann herantrat, der ihr zuletzt eher die Hölle gewünscht hatte. Denn laut Strafbefehl des Amtsgerichts Freiberg hatte ihr Andreas G. am Abend des 18. Februar 2016 noch vor Zeugen zugerufen: "Monika, deine Bude brennt morgen!"

Monika K. war damals für den örtlichen Helferkreis in einen Bus mit Flüchtlingsfamilien gestiegen, um ihnen die Angst zu nehmen - während draußen ein hasserfüllter Mob "Haut ab" und "Wir sind das Volk" johlte. Es war die Nacht, die das unscheinbare Nest im Erzgebirge als "Dorf der Schande" zu bundesweiten Schlagzeilen verhalf.

Ein weinender Flüchtlingsjunge in einem Bus im sächsischen Clausnitz.
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Ein weinender Junge schreit vor Angst, als ein wütender Mob am 18. Februar 2016 in Clausnitz einen Bus mit Flüchtlingen blockiert.

Ein Täter entschuldigte sich

Als Andreas G. irgendwann Zweifel plagten, ob er denn auf der richtigen Seite war, klingelte er auf dem Rückweg vom Kirchhof bei Frau K. "Er war sehr aufgeregt", erzählt sie uns im ersten Gespräch, das sie jemals vor einer TV-Kamera geführt hat, "und hat mir gegenüber bereut, was er damals ausgesprochen hat. Er bat mich um Entschuldigung. Ich habe sie angenommen."

Die meisten im Ort schweigen

Die Aussöhnung der beiden hätte zum mutigen Vorbild für das ganze Dorf werden können. Tatsächlich aber ging sie im Schweigen unter. Dass auch mit uns Reportern ein Jahr lang keiner der Beschuldigten reden wollte, hatten wir erwartet. Dass uns aber auch die meisten örtlichen Helfer drängten, nur ja in keinem Fernsehbild erkennbar zu sein, war uns neu. Vermuteten wir anfangs noch mangelnde Zivilcourage, schien es am Ende auch echte Sorge vor Repressalien von rechts zu sein. "Wir haben vor vielem Angst, von Hassmails bis Brandstiftung", begründet eine Schreinerei jenseits von Clausnitz, die einen der Flüchtlinge beschäftigt, ihr Drehverbot.

"Es ist schon schwierig", sagt Frau K. "Weil man gar nicht weiß, wer hier wie tickt." Dabei würde sich manche Großstadt ein so aktives Helfernetzwerk wünschen, wie es die Clausnitzer Flüchtlinge haben. "Es sind gute Leute hier", bilanziert nicht nur der junge Afghane Rohullah M. "Ich habe hier seitdem keine Angst mehr gehabt."

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Clausnitz will kein "Nazidorf"sein

So gesehen wehrt sich Bürgermeister Michael Funke durchaus zu Recht gegen den Stempel "Nazidorf". Die meisten der Pöbler seien von außerhalb gekommen, nur wenige habe er gekannt. Für das Dorf selbst hat er den Leitspruch ausgegeben: "Aus jedem Dreckhaufen wächst irgendwann ein Bäumchen. Das müssen wir jetzt zum Blühen bringen."

Auch der Leiter der zuständigen Asylstabstelle in Freiberg, Dieter Steinert, versichert uns, der Landstrich sei "vergleichbar mit anderen Regionen in Deutschland". Die Allermeisten dort seien vernünftig. Das mag so sein. Nur wer sind dann die anderen? In Clausnitz ist die Versuchung weiterhin groß, zuerst die braunen Pöbler von außerhalb für alles verantwortlich zu machen und dann allein die Medien.

Der Mob kam wie bestellt

Dabei kam auch die Mob-Mehrheit nicht, ohne dass man sie gerufen hatte. Zeugen bestätigen, dass noch aus der Menge heraus Wegbeschreibungen durchtelefoniert wurden. Zudem hatten auch die braven Clausnitzer, die zuvor schon auf dem Zufahrtsweg mit der Blockade begannen, wenig Respekt vor Weisungen der Polizei. "Als die Bundesbeamten sie aufforderten, die Straße zu räumen, haben die erst mal alle gelacht", sagt uns ein Helfer.

Anti-Flüchtlings-Banner mit der Aufschrift "Unser Land - unsere Regeln Heimat - Freiheit Tradition" in Clausnitz, Sachsen.
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Mit diesem Banner blockierte der Mob den Flüchtlingsbus.

Ein Jahr später sind von den Flüchtlingen manche als anerkannte Asylbewerber weitergezogen, andere bangen vor angedrohter Abschiebung. Weil darunter auch eine junge Afghanin mit einem Baby ist, denken örtliche Helfer schon mal über Kirchenasyl nach. Wie der andere Teil des Dorfes denkt, erfahren wir erst, als wir die Kamera abstellen und nur mit Reporterblock losziehen. Dann diktieren uns die Wortführer des Anti-Asyl-Lagers immerhin ihre Parolen, bevor sie uns vom Grundstück scheuchen. "Wir haben uns schon immer selbst geholfen", hören wir dann. "Niemand hier muss sich entschuldigen."

Klaus Scherer, NDR, zu den Beobachtungen aus Clausnitz
tagesschau24, 30.01.2017

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Blockierer wollen Strafbefehle nicht akzeptieren

Andreas G. ging inzwischen wegen "Bedrohung gemäß § 241 Abs. 1 StGB" ein Strafbefehl über 3600 Euro vom Freiberger Amtsgericht zu, den er akzeptierte. Das unterscheidet ihn von den Haltern dreier Fahrzeuge, die den Bus blockierten. Zwei der Beschuldigten wohnen in Clausnitz. Sie lehnen bis heute ihre Strafbefehle ab. Deshalb kommt es im März in Freiberg zum Prozess.    

Vorwürfe gegen Polizeibeamte, die am Ende auch gewaltsam Flüchtlinge aus dem Bus gezerrt hatten, ließ die Justiz fallen. Die Begründung ist nichts für Moralisten: Da die Polizei gegenüber dem pöbelnden Mob in Unterzahl war, so die Sprecherin, sei ein Platzverweis "zu Lasten der Asylbewerber" zulässig gewesen, "um die öffentliche Sicherheit und Ordnung wieder herzustellen."

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Über dieses Thema berichtete "Die Story im Ersten" am 30. Januar 2017 um 22:45 Uhr.

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