Pressekonferenz Chodorkowski  | Bildquelle: REUTERS

Pressekonferenz in Berlin "Ich will mich für politische Gefangene einsetzen"

Stand: 22.12.2013 20:37 Uhr

Der frühere russische Ölmagnat Michail Chodorkowski will sich nach seiner Freilassung aus zehnjähriger Haft für politische Gefangene in Russland einsetzen. Er wolle alles tun, um auch ihnen zur Freiheit zu verhelfen, sagte er bei seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Begnadigung im Berliner Mauermuseum.

Er schilderte, dass die Freilassung sehr plötzlich erfolgte. Der Chef des Straflagers habe ihn um 2.00 Uhr morgens geweckt und gesagt, dass es nach Hause gehe. "Danach erfuhr ich, dass die Reise in Berlin enden wird", berichtete Chodorkowski. Er sei von der Gefängniswache bis zum deutschen Flugzeug gebracht worden. "Erst dann war ich ein freier Mann."

Vor seiner Freilassung habe er Pläne für die Zukunft nicht für möglich gehalten. "Das Schlimmste, das einen Gefangenen fertig macht, ist die Hoffnung, die im letzten Augenblick nicht in Erfüllung geht", sagt er. In den 36 Stunden seit seiner Entlassung aus einem Straflager habe er noch nicht die Zeit gehabt, sich ausführlich Gedanken darüber zu machen.

"Ich muss nicht mehr für den Broterwerb arbeiten"

Er wolle jedenfalls nicht ins Geschäftsleben zurückkehren. Als Chef des mittlerweile zerschlagenen Ölunternehmens Jukos habe er als Unternehmer alles erreicht. "Meine finanzielle Situation zwingt mich nicht dazu, für meinen Broterwerb zu arbeiten", sagte er. "Die Zeit, die ich noch aktiv im Geschäft verbringen kann, möchte ich mit der Rückzahlung meiner Schulden gegenüber den Menschen widmen, denen es schlimmer geht als mir, die nach wie vor im Gefängnis sind", sagt er. In die Politik gehen wolle er nicht. "Der Kampf um die Macht ist nicht mein Ding", sagte er.

Pressekonferenz Chodorkowski
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"Das Schlimmste ist die Hoffnung, die nicht in in Erfüllung geht", sagte Chodorkowski vor Journalisten.

Er forderte Deutschland und andere westliche Demokratien dazu auf, das Schicksal von anderen politischen Häftlingen in Russland nicht zu vergessen. "Ich hoffe sehr, dass die Politiker, wenn sie sich mit Wladimir Putin austauschen, daran denken, dass ich nicht der letzte politische Gefangene in Russland war."

Er forderte die Freilassung der in der Ukraine inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Er hoffe, dass der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch die frühere Regierungschefin in die Freiheit entlasse, sagte er. Das Schicksal der schon mehrere Wochen lang von proeuropäischen Protesten erschütterten Ex-Sowjetrepublik lasse ihn nicht gleichgültig, weil er auch viele Verwandte in der Ukraine habe.

Der ehemalige Jukos-Chef dankte unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem früheren Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, die sich bei Putin für seine Freilassung eingesetzt hätten. Am Freitag hatte Putin die Begnadigung ausgesprochen. Nicht zuletzt sei seine Befreiung auch durch die Medien möglich gewesen.

"Man sollte das Fest des Sports nicht verderben"

Chodorkowski sprach sich auch gegen einen Boykott der Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi im Februar aus. Die Winterspiele seien ein Fest des Sportes. "Man sollte dieses Fest nicht verderben, man sollte es auch nicht gerade zu einem persönlichen Fest für Präsident Putin machen", sagt der 50-Jährige mit Blick auf Kritik an der Menschenrechtslage in Russland.

Er schilderte, wie neu vieles für ihn sei. "Ich kann die Informationsquellen nutzen, die für Sie ganz alltäglich sind", sagt er. "Facebook, Twitter, das gab es noch nicht, als ich ins Gefängnis kam."

Chance auf ein besseres Verhältnis zu Russland?

Politiker in Deutschland sprachen sich dafür aus, die Freilassung Chodorkowskis auch dafür zu nutzen, die Beziehungen zu Russland zu verbessern. "Putin hat erst vor wenigen Tagen erklärt, wie schlecht die wirtschaftliche Entwicklung in seinem Land ist. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass er Partner für eine Modernisierung braucht", sagte der SPD-Außenexperte Rolf Mützenich.

Der CDU-Außenpolitiker Philipp Mißfelder meinte: "Ohne Druck gegenüber Putin wäre diese Freilassung nicht möglich gewesen. Aber auch nicht ohne ein gutes Verhältnis."

"Wir sind froh, dass er freigelassen worden ist", meinte der Linke-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke. "Und wir versuchen, wieder vernünftig mit Russland ins Gespräch zu kommen."

Visum für ein Jahr

Am Samstag hatte Chodorkowski in Berlin seine Familie wiedergesehen. Wie lange er noch in Deutschland bleiben würde, könne er nicht sagen, erklärte Chodorkowski. Er hatte für Deutschland ein Visum für ein Jahr erhalten.

Offen ließ Chodorkowski bei seiner Pressekonferenz auch, ob er nach Russland zurückkehrt. Ihm sei diese Möglichkeit zwar vom Pressesekretär Putins zugesichert worden. Es gebe aber keine Garantien, dass er Russland aus familiären Gründen dann auch wieder verlassen könne.

Die Mutter Chodorkowskis ist an Krebs erkrankt und war erst Mitte Dezember von einem Klinikaufenthalt in Berlin nach Moskau zurückgekehrt. Der ehemalige Oligarch hatte vergangenen Monat die Befürchtung geäußert, er werde sie womöglich nie wiedersehen. Er habe Putin "angesichts familiärer Umstände" um Gnade ersucht, hatte Chodorkowski nach seiner Freilassung erklärt. Damit sei aber kein Schuldeingeständnis verbunden.

Chodorkowski saß seit 2003 im Gefängnis und wurde im Mai 2005 wegen Steuerhinterziehung zu neun Jahren Haft verurteilt. Im September 2005 reduzierte ein Revisionsgericht die Strafe auf acht Jahre. In einem zweiten Verfahren sprach ein Gericht den ehemaligen Chef des Ölkonzerns Jukos sowie seinen Geschäftspartner Platon Lebedew 2010 wegen Unterschlagung schuldig. Damit erhöhte sich Chodorkowskis Gesamtstrafe auf 14 Jahre, sie wurde aber später erneut reduziert.

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