Tabletten für eine Krebstherapie | Bildquelle: picture alliance / Robert Schles

Neue Krebsmedikamente Teuer und oft nutzlos

Stand: 30.11.2017 05:04 Uhr

Krebsmedikamente sind für Arzneimittelkonzerne ein gutes Geschäft. Doch Recherchen des ARD-Magazins Monitor zeigen: Laut einer Studie hat fast die Hälfte der neu zugelassenen Krebsmedikamente für Patienten keinen relevanten Nutzen.

Von Ursel Sieber und Lutz Polanz, WDR

In einer Studie haben die Wissenschaftler erstmals systematisch alle Zulassungen ausgewertet, die die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) zwischen 2009 und 2013 für Krebsbehandlungen erteilt hat. Es geht um 48 Medikamente, zugelassen für 68 Krebsbehandlungen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur gut die Hälfte der zugelassenen Therapien wirkte demnach lebensverlängernd oder bot zumindest eine bessere Lebensqualität. Das bedeutet im Umkehrschluss: 49 Prozent der überprüften Zulassungen erfüllten das für Patienten wichtigste Kriterium nicht: Sie boten keine Verlängerung der Lebenszeit und auch keine bessere Lebensqualität.

"Das ist eine erschreckende Zahl", urteilt Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Krebsmediziner und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Ludwig hält die Analyse der britischen Wissenschaftler für wegweisend: Jetzt seien die Zulassungsbehörde und auch die deutsche Bundesregierung gefragt, damit Patienten nicht "wie im Blindflug" behandelt werden müssten.

Wolf-Dieter Ludwig | Bildquelle: axentis.de / G.J.Lopata
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Wolf-Dieter Ludwig leitet die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Gerd Glaeske | Bildquelle: imago/Metodi Popow
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Gesundheitsökonom Gerd Glaeske fordert, dass der Nutzen der Medikamente besser kontrolliert wird.

Krebsmedikamente immer teurer

Für neue Krebstherapien werden immer höhere Preise verlangt - bis zu 100.000 Euro pro Jahr und Patient. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Krebsarzneien steigen in Deutschland rasant, von 3,8 Milliarden Euro im Jahr 2012 auf zuletzt 5,77 Milliarden Euro im Jahr 2016. Der Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske prognostizierte diese Kostenentwicklung zusammen mit Krebsmediziner Ludwig schon vor Jahren in einem 2010 für das Bundesgesundheitsministerium erstellten Gutachten. Angesichts der neuen Studie aus London fordern Glaeske und Ludwig nun, die gesetzlichen Vorgaben im Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG) nachzubessern: Eine "späte Nutzenbewertung" müsse verbindlich festgeschrieben werden.

Krebsmedikamente werden schnell zugelassen

Die EMA geht seit einigen Jahren verstärkt dazu über, Krebsmedikamente schnell auf den Markt zu bringen. Bei solchen "beschleunigten Zulassungen" werden die Anforderungen an Arzneimittelstudien abgesenkt. Die Begründung: Gerade Krebspatienten müssten schnell Zugang zu neuen Medikamenten bekommen, weil es bei Krebserkrankungen nach wie vor einen "ungedeckten medizinischen Bedarf" gebe. Das heißt: Grundsätzlich würden nach Meinung der EMA neue Medikamente gebraucht.

Krebsmediziner Ludwig hingegen hält eine schnelle Zulassung nur selten für gerechtfertigt. Für die meisten Krebserkrankungen gebe es mittlerweile gute Therapiemöglichkeiten. "In diesen Fällen müssten die neuen Medikamente eigentlich zeigen, dass sie dem bisherigen Standard überlegen sind", so Ludwig. Das sei aber nicht der Fall.

Wirkungslose Krebsmedikamente?
Morgenmagazin, 30.11.2017, Ursel Sieber und Lutz Polanz, WDR

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Ob Patienten länger leben, ist kein Kriterium

Vor der Zulassung werden die neuen Wirkstoffe im Vergleich zu einer etablierten Vergleichstherapie oder Placebo getestet. Die EMA erteilt bei Krebsmedikamenten schon dann eine Zulassung, wenn der neue Wirkstoff das Wachstum des Tumors vorübergehend zum Stillstand bringt oder verkleinert. "Progressionsfreies Überleben" nennt die Zulassungsbehörde dieses Kriterium.

Experten halten das für problematisch: Denn selbst wenn das Wachstum des Tumors vorübergehend gestoppt wird, bedeute das nicht, dass damit Patienten länger am Leben blieben, sagt Beate Wieseler, Arzneimittelexpertin des unabhängigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin (IQWIG): "Das Tumorwachstum wird ja nicht auf ewig gestoppt und wir wissen nicht, was dann im Anschluss passiert. Vielleicht beschleunigt sich das Wachstum wieder."

Ministerium: Gesetze ausreichend

Glaeske und Ludwig fordern die Politik auf, die Unternehmen zu verpflichten, auch Daten über den wirklichen Nutzen von Krebsmedikamenten für Patienten nach der Zulassung nachzuliefern und die unabhängige Forschung zu stärken. Das Bundesgesundheitsministerium hingegen hält die gesetzlichen Bestimmungen für ausreichend. Zu den Ergebnissen der Londoner Studie äußert sich das Ministerium auf Anfrage des ARD-Magazins Monitor nicht.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie bei Monitor um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Monitor am 30. November 2017 um 21:45 Uhr.

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