Interview

Graphische Darstellung einer Protonenkollision am CERN

Interview zu "Gottesteilchen" "Diese Entdeckung ist nobelpreisverdächtig"

Stand: 05.07.2012 10:56 Uhr

Wenn sich die Erkenntnisse als richtig erweisen und Forscher tatsächlich das sogenannte Gottesteilchen entdeckt haben, dann sei dies ein bahnbrechender Fund - das sagt der Wissenschaftler und ARD-Moderator Ranga Yogeshwar. Auf den Begriff "Gottesteilchen" möchte er aber lieber verzichten.

tagesschau.de: Erklären Sie uns Laien bitte, was genau die Wissenschaftler da entdeckt haben?

Ranga Yogeshwar: Hier wurde möglicherweise ein ganz wichtiger Mosaikstein der Physik gefunden - ein Teilchen, das für die Entstehung von Masse und damit der uns bekannten Materie verantwortlich ist.

Nach der langwierigen Auswertung von Messergebnissen haben die Wissenschafter tatsächlich sehr deutliche Anzeichen dafür, dass sie genau dieses Teilchen gefunden haben. Das Boson stimmt in vielerlei Hinsicht mit dem lang gesuchten Higgs-Bosons überein. Da es in zwei Experimenten gefunden wurde, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass es sich in der Tat um das Higgs-Boson handelt. Dann hätten sich Mühe und Kosten der vergangenen Jahre - zum Beispiel rund um den Bau des LHC - gelohnt.

alt Ranga Yogeshwar

Zur Person

Ranga Yogeshwar, geb. 1959 in Luxemburg, ist Physiker und arbeitete am Schweizer Institut für Nuklearforschung (SIN), am CERN und am Forschungszentrum Jülich. Yogeshwar ist Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Bestseller und ARD-Moderator diverser Wissenschaftsmagazine.

tagesschau.de: Also handelt es sich wirklich um eine bahnbrechende Entdeckung?

Yogeshwar: Es ist in der Physik sicher eine Entdeckung, die nobelpreisverdächtig ist. Es gab ja immer noch eine offene sehr zentrale Frage: Wie kommt es, dass die Elementarteilchen unterschiedliche Massen haben?

Forschungsanlage am CERN (Bildquelle: dpa)
galerie

Seit Jahren suchen Forscher im CERN nach dem Higgs-Boson, jetzt wurden sie vielleicht fündig.

Der britische Physiker Peter Higgs hatte ja schon in den 60er-Jahren ein Modell entwickelt wie Masse ins Spiel kommt - eben durch dieses Higgs-Boson. Und dieses Teilchen suchten die Physiker nun seit Jahrzenten. Sie müssen sich vorstellen: Elementarteilchen durchlaufen den Raum. Der Raum ist ein Vakuum. Und dieses Vakuum ist nicht das Nichts sondern wechselwirkt mit den Teilchen. Für den Laien ist es natürlich schwer vorstellbar, dass in einem Nichts etwas passiert. Das Higgs-Boson erfüllt den leeren Raum und wechselwirkt mit den Elementarteilchen.

tagesschau.de: Das übersteigt in der Tat das Vorstellungsvermögen ...

Yogeshwar: Um es besser begreifen zu können, stellen wir uns einfach vor: Eine Gruppe von Reportern mit Kamera und Mikrofon ist in einem Raum versammelt. Wenn ein Unbekannter durch diesen Raum geht, geschieht nichts. In die Physik übertragen ist dies ein Photon, also ein Teilchen, das keine Masse annimmt. Kommt ein Prominenter, so versammelt sich die Reporter-Gruppe um diesen Menschen, es bildet sich eine Menschentraube – kurz der Prominente gewinnt an Masse. 

Higgs entwickelte die Theorie, um zu beschreiben, wie Masse entsteht, durch die die Grundbausteine der Materie zusammenhalten und miteinander wechselwirken. Und diese Theorie würde, wenn es sich wirklich um das Higgs-Boson handelt, glänzend bestätigt.

tagesschau.de: Die Wissenschaftler äußern sich ja noch vorsichtig. Wie wird die Erkenntnis weiter verifiziert?

Yogeshwar: Diese Daten werden jetzt noch einmal ausgewertet. Es wird ganz genau geschaut, wie ist die Signatur, also - wenn Sie so wollen - der Fingerabdruck des Bosons. Passt das wirklich zusammen mit dem, was wir als Higgs-Boson kennen. Und erst dann können wir sicher sagen, wir haben eine neue Form von Teilchen gefunden.

"Gottesteilchen" - was die Welt im Innersten zusammenhält?

tagesschau.de: Warum nennen wir das Partikel "Gottesteilchen"?

Yogeshwar: Der Begriff geht zurück auf den amerikanischen Wissenschaftler Leon Lederman, der ein Buch geschrieben hat mit dem Titel: "The God Particle: If the Universe Is the Answer, What Is the Question?". Sein Verleger hatte die Idee mit dem "god particle" - dem "Gottesteilchen". Lederman sagte, er hätte es lieber als "goddamm particle" bezeichnet, also als gottverdammtes Ding, weil es sich nicht finden ließ. Higgs übrigens ist Atheist und mag den Begriff gar nicht.

tagesschau.de: Ist das Teilchen denn nun wirklich das, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält?

Yogeshwar: Mir ist das zu ungenau. Der Begriff "Gottesteilchen" verweist in den Bereich der Religion. Ich würde den Fund lieber wissenschaftlich betrachten. Es geht hier schlicht um die Gesetze der Physik – und da würde ich es gerne auch lassen. Übrigens, wenn es nur ein Teilchen wäre, was die Welt im Innersten zusammenhält, dann wäre Gott ziemlich bescheiden.

tagesschau.de: Also gut, bleiben wir im Bereich der Naturwissenschaft. Sind mit dieser Entdeckung die letzten physikalischen Rätsel um die Entstehung von Materie gelöst?

Das Gottesteilchen
galerie

Das Higgs-Boson erklärt die Entstehung von Masse. Andere Rätsel wie die Fragen rund um die dunkle Materie sind damit nicht gelöst, meint Ranga Yogeshwar.

Yogeshwar: Keineswegs, denn wir reden von Materie und meinen damit gemeinhin unsere Welt in ihrer Gesamtheit, wie wir sie sehen und erkennen können. In der Kosmologie und Astrophysik weiß man schon seit langem, dass es offensichtlich sehr viel mehr Materie gibt, als die, die wir kennen. Wir nennen sie dunkle Materie oder dunkle Energie. Die Higgs-Theorie beschreibt also nur einen Bruchteil von Materie - nämlich die, die wir kennen. Man schätzt, dass es nur vier Prozent sind. Es gibt weiterhin die ganz große Frage, die den einen oder anderen Physiker unruhig schlafen lässt – nämlich: Ist unsere Welt vielleicht nur eine ganz kleine Ausnahme in einem Universum, das ganz anders funktioniert.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

Darstellung: