Hände von Angela Merkel | Bildquelle: dpa

Lage der CDU "Adventliches Beisammensein" statt Scherbengericht

Stand: 10.12.2017 05:49 Uhr

Elf Wochen nach der Bundestagswahl beschäftigt sich die CDU mit ihrem schwachen Ergebnis. Vor allem die Jüngeren in der Partei fordern eine schonungslose Fehleranalyse des Wahlkampfs. Ihnen droht eine Enttäuschung.

Man kann der CDU nicht vorwerfen, die Dinge überstürzt zu haben. Stolze zweieinhalb Monate liegt die Bundestagswahl mittlerweile zurück, bei der die Christdemokraten einen in der Parteigeschichte beispiellosen Absturz erlebten. Nun soll endlich darüber geredet werden.

Am Abend ist der Parteivortand im Konrad-Adenauer-Haus zusammengekommen - dem Ort, an dem traurige Jungunionisten am 24. September bis tief in die Nacht die Bierstände belagerten, um ihren Frust zu ertränken. Damals lag Resignation in der Luft, Ärger über die Parteiführung. Als CDU-Chefin Angela Merkel dann noch verkündete, sie sehe nicht, "was wir anders machen sollten", schließlich habe die Partei doch alle strategischen Wahlziele erreicht, da wurde auch das Grummeln an der Basis immer lauter. Für einen kurzen Moment wirkte Merkel angeschlagen.

Merkel angeschlagen - das war einmal

Carsten Linnemann
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Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU

Seitdem ist viel passiert. Spätestens seit dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen hat sich die Partei wieder einhellig hinter der Vorsitzenden versammelt. Die CDU demonstriert Geschlossenheit, vor allem angesichts bevorstehender Gespräche mit den Sozialdemokraten, die für eine erneute Zusammenarbeit mit der Union einen hohen Preis fordern wollen. Doch kann unter solchen Vorzeichen eine kritische Analyse des Wahlkampfs überhaupt funktionieren?

"Ich hoffe es", sagt Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, im Gespräch mit tagesschau.de. Der 40-Jährige gilt als einer der kommenden Köpfe in der Union. Eine umfassende Aufarbeitung des Ergebnisses hatte er bereits kurz nach dem Wahltag gefordert. Und damit war er nicht allein.

"Wir brauchen frische und junge Köpfe"

Aus allen Richtungen in der Union war damals zu hören, dass die Parteispitze das Flüchtlingsthema unterschätzt hätte. Auch sei es nicht gelungen, die Erfolge der eigenen Politik ins Schaufenster zu stellen. So erwuchs der Union in Form der AfD eine Konkurrenz von rechts, auf deren teils populistische Forderungen die CDU nicht im gleichen Ton reagieren konnte.

Über diese Themen wird zu reden sein. "Ich erwarte eine selbstkritische Aufarbeitung der Wahl", sagt Henrik Wärner, Vorsitzender des RCDS und Mitglied im CDU-Bundesvorstand, zu tagesschau.de. "Wenn wir auch nach der Ära Angela Merkel noch den Bundeskanzler stellen wollen, sollten wir uns genau anschauen, was wir im Vorfeld der Wahl falsch gemacht haben." Zur Neuaufstellung gehöre auch, die Parteiführung zu verjüngen. "Wir brauchen auch in den vorderen Reihen frische und junge Köpfe“, so Wärner.

Merkel will keinen Streit

Das Problem: Solche Forderungen lässt CDU-Chefin Merkel traditionell gern ins Leere laufen. Schon das Motto, unter dem sich die Parteiführung trifft, lässt kaum eine schonungslose Fehleranalyse erwarten. Von einem "adventlichen Beisammensein", bei dem informell vor der regulären Sitzung am Montag gesprochen wird, ist die Rede. Das passt zu Merkels Wunsch, möglichst ohne Streit in den nächsten Versuch der Regierungsbildung einzutreten.

Sie werde schon dafür sorgen, dass die Analyse nicht zu einem Scherbengericht wird, ist sich ein langjähriges Präsidiumsmitglied sicher. Sicher werde es einige kritische Wortmeldungen geben, aber in der Regel liefen die Aufarbeitungen schwacher Wahlergebnisse in der Partei doch seit jeher sehr nüchtern ab.

Große Koalition als Chance

Das hängt auch mit dem Selbstverständnis der CDU zusammen. Die Partei will regieren - und vermeidet es deshalb traditionell, ihr Spitzenpersonal öffentlich zu schwächen, wenn Streit das Kanzleramt aufs Spiel setzen könnte. Deshalb muss Merkel auch nicht fürchten, dass der Frust über das schlechte Wahlergebnis ihr in der aktuellen Situation gefährlich wird. Die Parteispitze müsse nur darauf hinweisen, dass man jetzt Deutschland regieren müsse, um ihre Kritiker verstummen zu lassen, sagt jemand, der lange dabei ist. Dann werde sich die Unterhaltung schnell den Gesprächen mit der SPD zuwenden.

Merkel kann sich darauf stützen, dass ihre Partei ihr zumindest in dieser Phase keine Steine in den Weg legen wird. Auch CDU-Politiker Linnemann plädiert dafür, in ernsthaften Gesprächen mit den Sozialdemokraten Gemeinsamkeiten auszuloten. "Wenn es uns gelingt, eine gemeinsame Überschrift für die nächsten Jahre zu finden und Politik für die Zukunft zu gestalten, dann kann daraus etwas Gutes werden", sagt er.

Eine Große Koalition etwa, die sich an den Motiven persönliche und soziale Sicherheit sowie wirtschaftliche Prosperität ausrichte, könnte dem Lande wichtige Impulse für die Zukunft geben, so Linnemann. Allerdings: "Wenn der Preis zu hoch ist, dann muss es eine Minderheitsregierung werden."

Über dieses Thema berichtete die ARD am 10. Dezember 2017 um 18:30 Uhr in der Sendung "Bericht aus Berlin".

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